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Wladimir Putin unter Druck: Auf diese Menschen hört der russische Präsident noch

Russlands Machtelite

Im Dunstkreis des Autokraten: Auf wen Putin im Kreml überhaupt noch hört

Russlands Präsident Wladimir Putin und Sergej Schoigu, Verteidigungsminister, auf dem Roten Platz nach der Militärparade zum 75. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler-Deutschland.
Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) mit seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu.
deutsche presse agentur

von Yannik Schüller

Russland ist isoliert. Und mit ihm sein Präsident. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Wladimir Putin die Männer, die ihn seit Jahrzehnten an der Macht halten, abstraft – oder sie ihn. Ein Blick auf den Dunstkreis des Autokraten.

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Zerreißprobe für Allianz zwischen Moskau und Peking

Wladimir Putin steht ziemlich allein auf weiter Flur – zumindest militärisch und wirtschaftlich. Ihm bleibt nur noch sein "felsenfester" Partner China. Doch Putins Invasion stellt auch die Allianz zwischen Moskau und Peking vor eine Zerreißprobe. Ob der Kremlchef seit Kriegsbeginn auch innenpolitisch isoliert ist, darüber lässt sich nur spekulieren.

Bezeichnend dürften die Bilder des "Riesentischs" im Kreml sein, an dem Putin seinen ausländischen Besuchern – darunter auch Bundeskanzler Olaf Scholz – vor Beginn seines blutigen Feldzugs in stolzen sechs Metern Entfernung gegenübersaß. Doch nicht nur seine Gäste hält Putin auf Distanz. Mehrfach veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur Sputnik Fotos, auf denen zu sehen ist, wie sehr der Präsident auf Abstand zu seinen Beratern, Kabinettsmitgliedern und Generälen bedacht ist.

Angeblich geht es dem fast 70-jährigen Autokraten dabei nur um Infektionsschutz. Doch falls Bilder tatsächlich mehr als tausend Worte sagen, muss man schon fragen: Lässt Putin überhaupt noch jemanden an sich ran? Ein Blick auf die Männer am anderen Ende des Tischs.

Die Silowiki: Männer an Putins Ohr

Mit dem Fall der Sowjetunion 1991 hat sich die rote Elite nicht einfach in Luft aufgelöst. Der Transformationsprozess verlief schleichend – und in manchen Fällen gar nicht. Wie Putin selbst blickt ein Großteil der heutigen Führungselite Russlands auf eine Vergangenheit im sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienst KGB zurück. Diese alte Machtstruktur, so schreibt die "Financial Times", hat sich seitdem kaum geändert. Die Oligarchen hingegen, denen häufig nachgesagt wird, im Hintergrund die Fäden zu ziehen, sitzen Experten zufolge tatsächlich deutlich weiter vom Hebel der Macht entfernt. "Soweit hochrangige Wirtschaftsfunktionäre mit 'patriotisch-liberaler' Gesinnung jemals zu diesem inneren Kern gehörten, sind sie längst ausgeschlossen worden", so die britische Zeitung.

Der russische Machtapparat, meint Steven Hall, der 30 Jahre lang Operationen in Eurasien und Südamerika für die CIA leitete, teilt sich in drei Stränge: "Es gibt Putin, die Silowiki und die Oligarchen", erklärt er der Fachzeitschrift für Nachrichtendienste und nationale Sicherheit "Cipher Brief" Die einfache Formel lautet: Wen Putin seiner Aufmerksamkeit für würdig erachtet, kann sich einbilden, Macht auszuüben. Das sind die Silowiki. Der Name leitet sich vom russischen Wort "Sila" ab, was "Macht" oder "Stärke" bedeutet. Der "Washington Post" zufolge eine sie das Verständnis, dass Angst und Repression die einzig wirksamen Methoden zur Kontrolle Russlands darstellen. Die Silowiki sind die Elite der Elite – klar abzugrenzen von Top-Unternehmern, Medienmogulen und anderen hochrangigen Funktionären. Diese Clique bildet den inneren Dunstkreis des Autokraten und war wahrscheinlich als einzige in dessen Invasionspläne eingeweiht.

Putins Hofstaat

Doch selbst diesen Kreis zieht Putin immer enger. Putin, der in den vergangenen Monaten und insbesondere nach Kriegsbeginn diktatorische Züge angenommen hat, sieht sich umgeben von Ja-Sagern, heißt es in einem Beitrag des Nachrichtenportals "vox.com". Zwar hat der politische Gegenwind im Kreml nie besonders stark geweht. Dass seine Berater ihm hinsichtlich des brutalen Vorgehens in der Ukraine offenbar kaum widersprechen, dürfte Putins Allmachtsfantasien jedoch weiter genährt haben.

Wessen Stimme am Hof des Autokraten noch Gehör findet, ist schwer zu sagen. Da ist womöglich Außenminister Sergej Lawrow, der sich in den vergangenen Wochen medienwirksam als Putins dröhnendes Sprachrohr inszeniert hat. Seit Kriegsbeginn fiel der 71-Jährige vor allem mit Drohungen gen Westen auf – seine Aussage, ein Dritter Weltkrieg könne " nur ein nuklearer sein", sorgte für weltweites Entsetzten. Ob Lawrow mehr ist als ein zorniger Marktschreier, ist allerdings fraglich. Sein ukrainischer Amtskollege Dmytro Kuleba deutete nach dem Treffen in Antalya vergangene Woche an, dass Lawrow "kein Mandat zum Verhandeln" habe.

Verteidigungsminister Sergej Schoigu: So vertraut ist er Putin

Verteidigungsminister Sergej Schoigu dürfte da schon interessanter sein. Er und Putin verbrachten Ende September einen gemeinsamen Urlaub. Beim Wandern durch die sibirische Taiga soll der Kremlchef Medienberichten zufolge seinen Minister als einen der wenigen in seine Invasionspläne eingeweiht haben. Gemeinsam mit Waleri Gerassimow, dem Generalstabschef der Streitkräfte, soll Schoigu für das tägliche Kriegsgeschäft in der Ukraine verantwortlich sein. Der "Financial Times" zufolge ist der politische Einfluss der russischen Militärs jedoch begrenzt. Wie schon die Sowjetführung habe auch Putin die Armee aus Angst vor Putschisten weitgehend entpolitisiert – im Gegenzug für umfangreiche staatliche Mittel.

Dem ehemaligen KGB-Offizier Putin liegen aber vor allem die Geheimdienste am Herzen – allen voran der Inlandsgeheimdienst FSB. Laut "Washington Post" umfasst der rund 160.000 Angehörige des Grenzschutzes sowie tausende bewaffnete Mitarbeiter mit Strafverfolgungsbefugnissen. Doch nicht nur dessen amtierender Direktor Alexander Bortnikow gilt als enger Vertrauter Putins. Auch der ehemalige FSB-Chef Nikolaj Patruschew steht hoch in der Gunst des Präsidenten. Patruschew, der der Deutschen Welle zufolge für seine rigoros antiwestlichen Ansichten bekannt ist, ist Sekretär des Sicherheitsrats, der als Beratergremium für Putin und als Koordinationsstelle für die russischen Machtministerien dient. In dieser Funktion war Patruschew einer der herausragenden Akteure bei der im Mai 2021 neu veröffentlichten Sicherheitsstrategie Russlands. Darin wurde festgelegt, dass der Staat auf "gewaltsame Methoden" zurückgreifen kann, um auf feindselige Handlungen ausländischer Akteure zu reagieren.

Juri Kowaltschuk: Medienmogul und Putin-Freund

Wie kurz Putins Geduldfaden mittlerweile ist, zeigt der Fall von Sergej Naryschkin. Das Video, in dem Putin den Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR zusammenstaucht, ging um die Welt. Die öffentliche Demütigung eines solch hochrangigen Funktionärs sei sogar für Putin ungewöhnlich, meint Ex-CIA-Mitarbeiter Hall. Es zeige aber auch, "dass Putin die Nase voll hat von seiner alten Garde", meint der russische Journalist Mikhail Zygar in einem Gastbeitrag für die "New York Times". "Dies sind nichts weiter als Ja-Sager, schien der Präsident zu sagen."

Ein Mann sticht allerdings aus der nebligen Riege von Geheimdienstchefs und Militärs heraus, meint Kreml-Kenner Zygar: Juri Kowaltschuk. Der Physiker, Medienmogul und Großanteilseigner der Rossija Bank sei seit den 90er-Jahren einer der engsten Freunde des Präsidenten. "Meinen Quellen zufolge hatte er sich bis 2020 de facto als zweiter Mann in Russland etabliert, als der einflussreichste in der Entourage des Präsidenten", schreibt Zygar. In Kowaltschuk fände Putin vor allem in ideologischer Hinsicht einen verwandten Geist. Wie der Kreml-Chef vertrete er eine Weltanschauung, "die orthodoxen christlichen Mystizismus, antiamerikanische Verschwörungstheorien und Hedonismus miteinander verbindet". Seit einer gemeinsam verbrachten Corona-Quarantäne im Frühjahr und Sommer 2020 seien die beiden "fast unzertrennlich" und schmiedeten Pläne zur Wiederherstellung der russischen Weltmachtstellung.

Schleppendes Vorankommen in der Ukraine: Druck auf Putin wächst

Allerdings: Mehr als drei Wochen nach Invasionsbeginn und tausende Tote später wird auch Putin klar: Der Blitzsieg, den ihm seine Militärs in der Ukraine prognostiziert haben, war ein Wunschtraum. "Putins Rolle bei der Entscheidungsfindung hat sich verändert. Er ist nicht mehr so etwas wie der Vorstandsvorsitzende und CEO der 'Russia Inc.', der auf andere Aktionäre hört, sondern verhält sich inzwischen wie ein Zar", erklärt der politische Analyst Nikolai Petrov der Deutschen Welle.

Die ersten, mit denen Putin abrechnen würde, seien die Leiter des Verteidigungsministeriums und des FSB, meint Abbas Gallyamov, ein politischer Analyst und ehemaliger Redenschreiber des russischen Präsidenten laut der Deutschen Welle. Doch würde das kaum während des Krieges passieren – denn damit würde Putin zugeben, dass die russische Führung versagt hat.

Vor den Oligarchen muss Putin sich nicht fürchten

Vor den Oligarchen muss sich der Machthaber weniger fürchten. Sie haben keinen direkten Zugang zur Macht im Kreml. Anders die Soliwiki: Wenn die Sicherheitselite merkt, dass das System bröckelt, sind sie sich selbst die nächsten. "Sie haben Waffen und das Personal, um Putin zu bedrohen", so die "Washington Post". Sie könnten unter dem Radar agieren, weil sie den Radar selbst kontrollieren. "Er hat Angst, dass ihm das passieren könnte, was Gorbatschow 1991 passiert ist. Und das wird ihn natürlich ein wenig verrückt machen, weil er Tag und Nacht darüber nachdenken muss", meint auch Steven Hall von der CIA.

Wie Farida Rustamowa, eine russische Reporterin, laut "vox.com" berichtet, regt sich Unzufriedenheit in den Reihen hochrangiger ziviler Beamter. Wie es um die Moral der Militäroffiziere bestellt ist, von denen die wenigsten über die Kriegspläne informiert waren, sei nochmal eine ganz andere Sache. Im Fall aller Fälle kann Putin sich auf General Dmitrij Kotschnew, den Direktor des Föderalen Schutzdienstes, stützen. Dessen Aufgabe ist die Verteidigung der russischen Regierung, insbesondere des Präsidenten. Sie fungiere im Prinzip "als eine Art Prätorianergarde" Putins, schreibt "vox.com".

Mit jedem Tag, an dem russische Soldaten für die Großmachtfantasien des Autokraten ihr Leben lassen, wächst der Druck auf das Oberhaupt der Streitkräfte. Der ist laut einer Ferndiagnose von CIA-Chef William Burns inzwischen "wütend und frustriert". Die Frage ist nun, wie der Kreml-Chef mit dieser Frustration umgeht. Resultiert daraus womöglich eine Rückkehr zur Vernunft? Das wäre der Ukraine und der Welt zu wünschen. Ebenso wahrscheinlich ist aber, dass Putin in seiner Isolation bestärkt wird und sich weiter in die Enge getrieben fühlt. Und was das zur Folge hätte, mag sich niemand ernsthaft vorstellen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst bei stern.de

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