Warum „Flatten the Curve“ nicht reicht

Trend-Video von Wissenschafts-Youtuberin maiLab: „Corona geht gerade erst los!“

Mai Thi Nguyen-Kim spricht in einem Youtube-Video über die Corona-Krise
© picture alliance

06. April 2020 - 11:16 Uhr

Wie kann die Corona-Krise enden?

Seit das Video von Youtuberin "maiLab" alias Mai Thi Nguyen-Kim am 2. April hochgeladen wurde, hat es sich rasend schnell auf Platz 1 der Youtube-Trends hochgespielt. Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin, bekannt auch als Quarks-Moderatorin, wirft einen kritischen Blick auf die Corona-Krise, analysiert Szenarien der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und stellt die Frage, die uns alle beschäftigt: Wie lange wird dieser Zustand noch weitergehen und wann ist die Pandemie beendet?

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"Als Antwort hört man momentan vor allem: Das ist noch zu früh zu sagen. Erstmal abwarten, wie effektiv unsere Maßnahmen sein werden. Schauen wir mal, dann sehen wir ja", kreidet Mai zu Beginn des 22-minütigen Videos an. Sie ist aber sicher: Über ein paar Dinge können - und sollten - wir jetzt schon sprechen.

Hier könnt ihr euch das Youtube-Video in voller Länge ansehen.

Coronavirus: Wann ist die Pandemie zu Ende?

Eine Pandemie, wie die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus, ist erfahrungsgemäß dann zu Ende, wenn Herdenimmunität herrscht. Dazu müssen sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren, genesen und infolgedessen immun sein. Laut der Daten zu dem Zeitpunkt, an dem Mai das Video aufgenommen hat (1. April), gab es in Deutschland rund 73.000 bestätigte Fälle. (Die aktuellen Zahlen in Deutschland gibt es hier.) Geht man von einer Dunkelziffer aus, die etwa zehnmal so hoch ist, rechnet die Chemikerin mit 730.000 Erkrankten. 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung wären jedoch 48 bis 56 Millionen Menschen - wir sind also noch sehr, sehr weit weg, auch nur annähernd in einen Bereich der Herdenimmunität zu kommen.

Aber wir sollen die Kurve doch flachhalten - oder?

Auch wenn wir also noch viel mehr Infektionen bräuchten, um zu einem Zustand der Herdenimmunität zu kommen, zielen die derzeit geltenden strengen Maßnahmen wie das Kontaktverbot und die Empfehlung, möglichst zu Hause zu bleiben und Abstand zu anderen zu halten darauf ab, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Experten beschreiben dies als "Flatten the Curve" ("die Kurve flachhalten"). Dies hat den Hintergrund, dass je schneller sich das Virus verbreitet, desto mehr Menschen gleichzeitig krank sind und mehr Menschen einen so schweren Verlauf haben, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Dies würde unser Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen - sodass es sowohl an Intensivbetten als auch an Pflegepersonal, Beatmungsmasken und anderen grundsätzlichen Dingen mangeln würde. Welche schlimmen Konsequenzen das hat, zeigen die Zustände in Italien oder New York.

Um zu verdeutlichen, wie lange die Pandemie noch dauern würde, wenn wir mit den derzeitigen Maßnahmen weiterhin versuchen, die Ausbreitung zu verlangsamen, spielt Mai einige Szenarien durch.

"Flatten the Curve bis zur Herdenimmunität ist nicht durchhaltbar"

Flatten the curve
Flatten the curve: Darum müssen wir die Ausbreitung verlangsamen - oder?!
© Bundesregierung

Eine wichtige Zahl, die wir bei den Überlegungen rund um die Corona-Pandemie zurate ziehen müssen, ist die Reproduktionszahl. Diese besagt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Bei dem Coronavirus gehen Experten von einer Zahl zwischen 2 und 3 aus. Ohne Maßnahmen steckt ein Erkrankter also 2 bis 3 weitere Menschen an.

Die Maßnahmen zielen derzeit darauf ab, diese Reproduktionszahl zu senken. Wenn ich mit weniger Menschen in Kontakt trete, kann ich auch weniger Menschen anstecken. Aber, das fragt auch Mai, "wie stark müssen wir die Reproduktionszahl senken, damit die Kurve hinreichend flach wird? Also so flach, dass unser Gesundheitssystem es händeln kann."

Mai stellt im Video einige Szenarien vor, die die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie in einem Bericht entworfen hat - abhängig davon, wie viele Menschen wie lange aufgrund einer Corona-Infektion auf die Intensivstation müssten. Das Fazit: Die Reproduktionszahl müsste auf einen Wert zwischen 1,25 und 1,1 gedrückt werden, damit die Kapazitäten der Intensivstationen ausreichen. Aber selbst dann wäre die Epidemie erst nach einem Jahr vorbei. Mai folgert sogar, man müsse die Maßnahmen eher 1 bis 2 Jahre aufrechterhalten, um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu vermeiden. "Und das geht nicht!" Die Schäden für die Wirtschaft, unsere Psyche und die Gesellschaft seien einfach zu groß, wenn man die derzeit geltenden Maßnahmen so lange durchhalten müsste. "Wenn die Größenordnung nicht völlig daneben ist, dann ist 'Flatten the curve' bis zur Herdenimmunität nicht durchhaltbar", so Mai.

"Diese Epidemie wird erst mit einem Impfstoff enden!"

Das Abflachen der Kurve alleine würde also zu lange dauern, so Mai. Deshalb müssen wir die Kurve stoppen und die Reproduktionszahl unter 1 bringen. Warum?

"Die Fallzahl muss so klein werden, dass unsere Gesundheitsämter wieder dazu in der Lage sind, alle Fälle zu überschauen und zu verfolgen". So könne man dann die Betroffenen und ihre Kontaktpersonen identifizieren und diese gezielt isolieren. Bei der derzeitigen Fallzahl ist dies allein vom bürokratischen Aufwand her nicht möglich. Mai schlägt daher vor, mit einer Fallzahl von 1.000 zu rechnen, die noch einigermaßen kontrolliert werden könne. So viele Fälle gab es in Deutschland zu dem Zeitpunkt, als Jens Spahn forderte, dass Großveranstaltungen abgesagt werden müssen. Geht man jetzt davon aus, dass wir es durch strenge Maßnahmen schaffen, die Reproduktionszahl auf 0,5 zu senken, würde es 56 Tage dauern, bis wir bei einer Fallzahl von 1.000 wären.

Mai sagt also: Wir bräuchten noch etwa 60 Tage sehr, sehr strenge Maßnahmen und Großveranstaltungen müssten noch bis (mindestens) Ende des Jahres abgesagt werden, damit wir möglicherweise wieder zurück in einen Zustand kommen, "in dem sowohl unser Gesundheitssystem als auch unsere Wirtschaft funktionieren können. Also in einen Zustand, in dem wir so lange ausharren können, bis die Epidemie vorbei ist." Und das ist - da eine natürliche Herdenimmunität in der Praxis kaum erreichbar sei - erst dann der Fall, wenn es einen Impfstoff gibt.

Was ist dran am Video von maiLab? Das sagt Dr. Specht!

Dr. Christoph Specht beantwortet Ihre Fragen rund um das Thema Coronavirus.
Dr. Christoph Specht beantwortet Ihre Fragen rund um das Thema Coronavirus.
© rtl.de

Wir haben unseren Medizinexperten Dr. Christoph Specht um eine Einschätzung zu den Ausführungen der Youtuberin gebeten. "Kurz: Das ist alles vollkommen richtig, was sie sagt", so Dr. Specht gegenüber RTL. "Wir müssen die Reproduktionszahl unter 1 bringen, damit sich das Virus nicht mehr verbreitet", dann könne man versuchen, nur die tatsächlichen Fälle oder Verdachtsfälle zu isolieren. "Aber das ist der Knackpunkt, erst einmal wieder auf 1.000 Fälle zu kommen. Das ist sehr unrealistisch und dauert Ewigkeiten."

Es sei jedoch richtig, dass die Pandemie erst vorbei ist, wenn - entweder durch eine Impfung oder dadurch, dass 60 bis 70 Prozent infiziert und dadurch immun seien - Herdenimmunität entstehe. Für den Weg dahin gebe es aber auch andere Maßnahmen, als den derzeitigen Shut-down.

"Jetzt hat beispielsweise ein Ikea geschlossen. Man könnte ihn aber auch für eine begrenzte Anzahl an Menschen öffnen, die eine Maske tragen (zum Schutz anderer, nicht um sich selbst zu schützen) und Abstand zueinander halten", so Specht. Dasselbe könne auch für Restaurants gelten, in denen eine Familie an jedem dritten Tisch sitzen könnte. Man müsse nun also erst einmal die Erkenntnisse der derzeitigen Maßnahmen auswerten und dann vielleicht über andere Maßnahmen nachdenken, bei denen vielleicht nicht alle Geschäfte geschlossen werden müssen.

Aber, das sagt auch Dr. Specht zu einer möglichen Timeline für die Pandemie: "Vor allem das Händewaschen und Abstandhalten wird uns ganz lange verfolgen. Ganz lange!"

NEUE FOLGE: RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Wie besiegen wir Corona?"

Im zweiten Teil der RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" stellen wir die Frage: Wie besiegen wir Corona? Dafür gleichen die Autoren die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab.