„Zustände schon seit Jahren katastrophal“

Wilke-Skandal: Ex-Mitarbeiter packt aus

9. Oktober 2019 - 10:24 Uhr

Schwere Vorwürfe

Zwei Menschen sind tot, gestorben, wohl weil sie Wurst der Firma Wilke aßen. Die Aufklärung der Vorkommnisse dürfte die Öffentlichkeit noch einige Zeit beschäftigen. Dass es so weit kommen konnte, ist für einen Andreas Fischer keine Überraschung. "Ich hab vor zwei, drei Jahren schon gesagt: Dass da nicht mehr passiert, dass da keiner krank wird, das ist ein Wunder!" Der ehemalige leitende Angestellte berichtet im RTL-Interview von unhaltbaren Verhältnissen.

„Chef lief mit Straßenschuhen durch hochsensible Bereiche“

Kombiwurst
Drei der vielen Aufnahmen, die laut Fischer die unhaltbaren Zustände in der Wurstwarenproduktion bei Wilke zeigen.

Auch die Nachricht von den Todesfällen hätte ihn nicht überrascht. "Die Zustände waren schon seit Jahren katastrophal", sagt er. Sowohl hygienisch als auch baulich hätten unzumutbare Bedingungen geherrscht, sagt er. Und nennt schockierende Details. "Der Chef lief mit normaler Kleidung und Straßenschuhen durch hochsensible Bereiche." Einmal habe er sogar einen Hund dort beobachtet.

Er zeigt uns Fotos, die unappetitliche Waren zeigen, verschimmelte Würste, verdreckte Werkzeuge. Die Aufnahmen stammten aus der hessischen Fabrik, versichert er uns. Das bei der Produktion von Wurstwaren Schimmel entsteht, sei normal, so Fischer. Allerdings nicht in dem Maße, wie es regelmäßig bei Wilke-Wurstwaren vorgekommen sei. Nicht normal sei auch, dass die Ware nicht entsorgt wurde. Ganz bewusst sei verschimmelte Gammelware verarbeitet worden, so Fischers Vorwurf.

„Wenn das verkauft wird, gibt’s eine Anzeige“

Schimmel
Schimmel, so weit das Auge reicht.

Er habe die Geschäftsführung mehrfach darauf hingewiesen, ohne Erfolg. Er ist sich auch sicher, den Grund für die Zustände  zu kennen. "Es wurden große Mengen vorproduziert. So viel, dass die Kühlhäuser nicht ausreichten." Kühlketten seien unterbrochen oder gar nicht erst begonnen worden, sagt er. Das Problem habe sämtliche Produkte betroffen: Salami, Schinken, "Slicerware" (geschnittene Wurst). Nicht das Vorproduzieren an sich sei schuld, sondern die Tatsache, dass es zu viel war, erklärt der ehemalige Abteilungsleiter. "Wenn mengenmäßig normal produziert wird und die Ware im Kühlbereich steht, ist das gar kein Problem", so Fischer.

Einmal habe er beobachtet, wie ein Arbeiter Schimmel von einem Leberkäse abspritzte, erinnert er sich. Er habe ein Stück davon genommen und es einer Vorgesetzten auf den Schreibtisch gelegt. "Wenn das verkauft wird, gibt's eine Anzeige", habe er gesagt. Am nächsten Tag sei alles weg gewesen, allerdings habe nichts im "Kompostat" gelegen. Also dort, wo vergammelte Ware normalerweise landet. Seine Vermutung: "Es ist alles verkauft worden."

Mit Schutzkleidung zur Toilette und wieder an die Arbeit

02.10.2019, Hessen, Twistetal: Heruntergelassen sind die Rolltore des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren. Nach zwei Todesfällen durch Keime in Wurstwaren muss der Hersteller die Produktion stoppen. Foto: Uwe Zucchi/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Nach zwei Todesfällen durch Keime in Wurstwaren muss der Hersteller die Produktion stoppen.
© dpa, Uwe Zucchi, cch bsc

Die Vorfälle, die Fischer schildert, klingen ungeheuerlich.  Er habe beobachtet, wie Arbeiter "in voller Montur" aus dem Sicherheitsbereich gekommen und auf die Toilette gegangen sein – in ihrer Schutzkleidung. Anschließend seien sie wieder an die Produktion gegangen. "Das darf doch nicht sein", ist ihm die Empörung anzumerken.

Sämtliche Beschwerden seien im Sande verlaufe, die Geschäftsführung habe nichts unternommen. Alles habe mit einem Geschäftsführerwechsel angefangen, so Fischer. "Früher hatten wir hohe Standards", sagt er. Dann sei der Neue gekommen, das Qualitätsmanagement wurde nach und nach abgeschafft. Der neue Chef sei geldgierig gewesen. "Machtgehabe", wirft Fischer ihm vor. Außerdem habe er Schwarzarbeiter beschäftigt und Betrug gedeckt. "Es wurde Ware umetikettiert." Auf die Frage, welches Datum auf das Etikett solle, habe der Vorgesetzte gesagt, "wie wir wollen."

Fischer sieht auch die Behörden in der Verantwortung. Seiner Ansicht nach hätten die staatlichen Veterinäre bei Kontrollen zumindest bemerken können, dass etwas nicht stimme. "Die haben das doch auch gesehen", glaubt er. "Oder wollten es nicht sehen."