"Wir brauchten Blut"

Whistleblower packt aus: Evi Sachenbacher-Stehle für russischen Doping-Plot missbraucht

E.ON IBU Biathlon Worldcup Ruhpolding - Day 3
E.ON IBU Biathlon Worldcup Ruhpolding - Day 3
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

28. Juli 2020 - 10:49 Uhr

Bauernopfer für russischen Betrug

Vor sechs Jahren wurde die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle bei den Olympischen Spielen in Sotschi positiv auf Doping getestet. Die nachfolgende Sperre war gleichbedeutend mit ihrem Karriere-Ende. Jetzt kommt heraus: Sachenbachers Werte hatten mit vorsätzlichem Doping wohl nichts zu tun. Ein russischer Whistleblower packt aus und behauptet, dass die heute 39-Jährige von den Russen als Bauernopfer benutzt wurde.

Informant steckte früher selbst bis zum Hals im Dopingsumpf

Bei dem Whistleblower handelt es sich um Grigory Rodchenkov, der einst mitverantwortlich für das flächendeckende Doping in Russland war. Er leitete das Moskauer Kontroll-Labor und manipulierte über Jahre systematisch Urin- sowie Blutproben. Mittlerweile ist er in den USA untergetaucht, um nicht von seinen Landsleuten gefasst zu werden.

In seiner am Donnerstag erscheinenden Autobiographie "Rodchenkov-Affäre" nimmt der Doping-Vertuscher auch Bezug auf den Fall Evi Sachenbacher-Stehle. Der "Daily Mail" liegt bereits ein Auszug des Buches vor.

Darin umschreibt Rodchenkov die Deutsche mehr oder weniger als Bauernopfer im Räderwerk der russischen Doping-Maschinerie. Weil neben den eigenen Athleten in Sotschi auch keine Sportler aus anderen Nationen mit Doping-Befunden auffielen, musste ein Exempel statuiert werden. Es sollte auf keinen Fall Misstrauen entstehen, die Russen nähmen ihre Anti-Doping-Arbeit nicht ernst.

"Hätte sie vielleicht nicht angezeigt"

Evi Sachenbacher-Stehle
Gleich zweimal musste Sachenbacher-Stehle in Sotschi zur Dopingprobe. Wegen des positiven Tests beim zweiten Mal wurde sie noch während der Spiele aus der deutschen Olympiamannschaft ausgeschlossen.
© dpa, Kay Nietfeld

Leidtragende war ausgerechnet die deutsche Biathletin, bei der sich die unerlaubte Substanz Methylhexanamin im Urin befand. "Bei ihr handelte es sich um einen Grenzfall; dieses Stimulans trat meist in hohen Konzentrationen auf", schrieb Rodchenkov und fügte an: "Wenn ich bereits fünf echte Verstöße protokolliert hätte, hätte ich sie vielleicht nicht angezeigt. Aber wir brauchten Blut. Sie wurde aus dem Verkehr gezogen, und die Strafe passte nicht wirklich zu ihrem Verstoß."

Zwei Jahre schloss die Internationale Biathlon Union (IBU) Sachenbacher-Stehle zunächst von allen Wettbewerben aus, durch eine Berufung wurde die Sperre auf sechs Monate verkürzt. Nur wenige Tage nach dem endgültigen Urteil beendete die Biathletin ihre Karriere. Die Zwangspause hatte sie zu heftig zurückgeworfen.

Auch menschlich nahm Sachenbacher-Stehle die vermeintlichen Doping-Affäre schwer mit.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Sachenbachers Begründung nun in einem anderes Licht

Spätestens durch die Enthüllungen von Rodchenkov ist Sachenbacher-Stehles Ruf weitestgehend wiederhergestellt. Nach heutigem Wissen scheint ihre damalige Erklärung, die Substanz sei unbewusst über ein Nahrungsergänzungsmittel in ihrem Körper gelangt, plausibler denn je.

Sachenbachers Doping-Sperre war somit eine reine Farce. Einige Kollegen müssten sich jetzt bei ihr entschuldigen. Dafür, dass sie die 39-Jährige als schmutzige Doperin beschimpft haben. Für die schmutzigen Machenschaften waren andere verantwortlich.