Frauen weinen häufiger als Männer

Wenn die Tränen fließen: Warum weinen wir eigentlich?

Hinter unseren Tränen können die unterschiedlichsten Gründe stecken.
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02. Dezember 2020 - 17:08 Uhr

von Inga Wenning

Schon vor über 150 Jahren meinte der Naturforscher Charles Darwin: Tränen beim Weinen vor Traurigkeit haben keinen Sinn. Trotzdem wird bis heute in allen menschlichen Kulturen geweint. Denn wie das Lachen zählt auch das Weinen zu unseren natürlichen und angeborenen Verhaltensweisen. Doch kann so eine menschliche Ur-Eigenschaft wirklich völlig zwecklos sein?

Warum wir weinen ist kaum erforscht

Was wir bisher wissen ist, dass nicht alle Tränen gleich sind. Forscher unterscheiden zwischen drei Tränenformen:

  1. Basale-Tränen werden bei jedem Lidschlag durch minimale Tränendrüsen unter dem Augenlid freigesetzt und halten unsere Augen feucht.
  2. Reflex-Tränen schützen unser Auge und werden aufgrund von äußeren Reaktionen gebildet, beispielsweise wenn wir Zwiebeln schneiden, bei Wind oder Tränengas.
  3. Emotionale Tränen sind in der Natur sehr besonders und können nur von uns Menschen produziert werden. Diese Tränen bilden wir, wenn wir starke Emotionen fühlen, wie z.B. Hilflosigkeit oder Trauer.

Alle drei Arten von Tränen bestehen aus Elektrolyten, Wasser und Proteinen. Doch die Konzentration ist nicht immer gleich. Emotionale Tränen, beispielsweise, besitzen mehr Proteine als Reflextränen und haben einen höheren Anteil an Prolaktin, Mangan, Kalium oder Serotonin.

Welche Funktion emotionale Tränen haben, konnte bisher nicht eindeutig festgestellt werden

Der Niederländer Ad Vingerhoet forscht seit über zwanzig Jahren zu dem Thema. Er vermutet, dass es einen evolutionären Zusammenhang gibt, zwischen unseren Tränen und der Dauer unserer Kindheit. Denn die sogenannte 'Aufzuchtzeit' ist bei uns im Vergleich zu Tieren sehr lang: "Wenn wir Babys sind, ist das akustische Schreien ein sehr wirksames Mittel, um die Aufmerksamkeit anderer – Eltern, Betreuer, aber auch neutraler Fremder und potentieller Aggressoren oder Angreifer – auf uns zu lenken", beschreibt der Niederländer auf seiner Homepage. "Es handelt sich also zwar um ein sehr wichtiges Verhalten (…), gleichzeitig aber auch um ein gefährliches, das den Säugling in Gefahr bringen kann." Um keine Raubtiere oder Fremde anzulocken, lernen wir daher schon als Baby, dass es besser ist, zu weinen als zu schreien. Demzufolge dienen Tränen also als eine Art Kommunikationsmittel. Durch sie wollen wir Gefühle wie Schmerz, Angst oder Hilflosigkeit mitteilen und bei unseren Mitmenschen bewirken, uns zu unterstützen.

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Obwohl viele von uns das Gefühl bestätigen können, sich nach einer Heulattacke besser zu fühlen, ist es wissenschaftlich umstritten, ob unsere Tränen tatsächlich auch eine erleichternde und reinigende Wirkung haben. Denn es gibt zwar viele Theorien, bisher aber keine gesicherten Erkenntnisse. Zwar fanden Forscher heraus, dass emotionale Tränen eine höhere Konzentration an Stresshormonen besitzen als andere Tränenarten, doch haben Untersuchungen gezeigt, das die Menge nur minimal ist und sich nicht dauerhaft auf unser Gemüt auswirkt. Auch laut den Beobachtungen von Vingerhoet fühlen sich nur etwa 50% nach einer Heulattacke wirklich besser. Menschen, die unter einer Depression leiden und häufig weinen, berichten ebenfalls davon, dass das Weinen ihnen kaum helfen würde. Viel eher kommt es darauf an, wie das Umfeld auf die Tränen reagiert und ob Trost gespendet wird, erklärt der Forscher.

Weinen mindert unser Stresslevel

Dr. Leah Sharman von der University of Queensland in Australien stellte jedoch fest, dass wir durch das Weinen immerhin unsere Stresshormone wortwörtlich aus unserem Körper herausspülen. Laut dem Fachjournal Emotion untersuchten sie und ihr Forscherteam rund 197 Studierende, die sich zuerst traurige oder neutrale Video-Clips anschauten und anschließend einen Stresstest absolvierten. Das Ergebnis: Probanden, die bei den Videos geweint haben, schütteten bei dem anschließenden Stresstest weniger Stresshormone aus. Das Weinen hilft uns also vielleicht doch dabei, Stress im Körper abzubauen.

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Verschiedene Studien und Umfragen zeigen: Frauen weinen häufiger als Männer

Doch den Geschlechterunterschied gibt es nicht von Anfang an. Laut Dr. Sharman weinen Jungen und Mädchen bis zu einem Alter von 11 Jahren gleich viel. Danach würden nicht etwa – wie viele fälschlicherweise vermuten – die Mädchen häufiger anfangen zu weinen, vielmehr seien es die Jungen, die ihr Schluchzen reduzieren.

Die Gründe sind vermutlich auf die Erziehung zurückzuführen. Umso älter die Jungen werden, umso mehr schämen sie sich, Emotionen zu zeigen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Gesundheitsmagazins Apotheken Umschau gab jeder dritte Mann an, dass ihm schon als Kind beigebracht wurde, seine Gefühle zu verbergen. Bei den Männern über fünfzig betrifft dies sogar fast jeden zweiten. Auch der Forscher Vingerhoet bestätigt diese Beobachtung, glaubt aber, dass auch unsere Sexualhormone in Teilen Auswirkung auf unser Verhalten haben: "Das männliche Geschlechtshormon Testosteron scheint das Weinen zu hemmen, während das weibliche Hormon Prolaktin die Hemmschwelle möglicherweise herabsetzt." Doch egal ob Mann oder Frau: Trost spenden wird helfen, damit sich unser Gegenüber schnell besser fühlt.