Rührende Liebeserklärung

Victor (†16) an Hamburger Alster erstochen: Mutter singt für ihren toten Sohn

26. Mai 2020 - 12:45 Uhr

Véronique Elling hat Victor ein Album gewidmet

Am 26. Mai 2000 wurde Victor Elling geboren, jetzt wäre er 20 Jahre alt geworden. Doch sein Leben endete an einem Oktobertag an der Alster in Hamburg. Der damals 16-Jährige wurde bei einem Date mit seiner Freundin getötet, bis heute jagt die Mordkommission seinen Mörder. Wir haben seine Mutter Véronique an den Ort des Verbrechens begleitet. Wie die 44-Jährige mit dem großen Verlust lebt und wie die Musik klingt, die sie ihrem Sohn gewidmet hat - im Video.

Mord an Hamburger Alster: Mutter spricht über ihren großen Verlust

Ufer an der Alster
An der Kennedybrücke in Hamburg wurde Victor Elling von hinten erstochen, als er mit seiner Freundin am Alsterufer saß.
© deutsche presse agentur

Am 16. Oktober 2016 hat Véronique Elling spätabends auf ihren Sohn gewartet, der mit seiner Freundin ins Kino gehen wollte. Doch statt Victor stand die Polizei samt Mitarbeitern der Krisenintervention vor der Tür. Sie teilten den Eltern mit, dass der 16-Jährige an der Alster unter der Kennedybrücke hinterrücks erstochen worden ist.

Die französische Sängerin hat gebrochene Erinnerungen an diesen schrecklichen Moment, im Schock dehnten sich Sekunden zu Stunden, Stunden schmolzen zu Minuten, wie sie uns im Interview erzählt. Zeit- und Raumempfinden seien außer Kraft gesetzt gewesen. Wie nach einem Traum, wenn man sich nach dem Aufwachen noch vage an Bilder oder Gefühle erinnern, diese aber nicht mehr greifen könne, so beschreibt sie ihren damaligen Gefühlszustand. Erst nach und nach habe sie wirklich begriffen: Mein Kind ist tot. Victor wird nie wieder nach Hause kommen. Sein Mörder läuft noch irgendwo da draußen frei herum.

Liebeserklärung an ihren getöteten Sohn

Mord an 16-Jährigem
Spurensuche am Tatort. Knapp dreieinhalb Jahre nach dem Mord ist Victor Ellings Mutter mit uns an diesen Ort zurückgekehrt.
© deutsche presse agentur

Wie können Eltern den Verlust eines Kindes verarbeiten? Véronique Elling hat ihrem Sohn ein Album gewidmet, das am Tag seiner Geburt vor 20 Jahren erscheint. "Opus1" sei eine "Liebeserkärung" und handelt von den vielen Facetten der Trauer, von Schmerz, Tränen, aber auch Freude und Hoffnung. In "Le garçon tendre" ("Der zärtliche Junge") zeigt sie ihren Sohn, wie er war: still, schüchtern, fröhlich, auf Harmonie bedacht. Ein Teenager, der gerne las, Klavier spielte, mit der Familie musizierte.

"Manchmal ist mir mitten im Sommer kalt", singt Véronique Elling in "Des ponts sur la lune" ("Brücken zum Mond"). "Manchmal erfasst mich ein fiebriges Beben. Manchmal möchte ich nach vorne blicken. Manchmal fürchte ich, dein Gesicht zu vergessen." Die Trauer komme immer wieder in Wellen, ein Zustand, der nie enden werde, befürchtet die Sängerin. Genau wie die Liebe einer Mutter zu ihrem KInd. Auf der letzten Seite des CD-Booklets steht der schlichte Satz: "Pour Victor, dans L'amour Éternel." Für Victor, in ewiger Liebe.

"Wir werden die Akten mit Sicherheit niemals schließen"

Nach der Bluttat setzten die Ermittler alle Hebel in Bewegung, man baute den Tatort in der Kfz-Halle des Polizeipräsidiums nach, um den Hergang zu rekonstruieren, kontaktierte 11.000 Ärzte in und um Hamburg, weil sich der Täter möglicherweise verletzt und in medizinische Behandlung begeben hatte. 5.000 Euro Belohnung lobte die Staatsanwaltschaft für sachdienliche Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen - vergebens: Victors Mörder ist bis heute auf freiem Fuß.

Doch Staatsanwaltschaft und Mordkommission geben nicht auf. Derzeit werde altes Videomaterial noch einmal mit modernster Technik analysiert, 4.600 Spurakten ausgewertet. Jedem Hinweis werde nachgegangen, auch psychisch auffällige Personen befragt, die sich der Tat selbst bezichtigt haben, sagt die zuständige Staatsanwältin Liddy Oechtering. "Wir werden die Akten mit Sicherheit niemals schließen, bis wir nicht den Täter gefunden haben."

Véronique Elling steht nach wie vor in Kontakt mit den Ermittlern. Noch immer hofft die Sängerin, dass der Mörder ihres Sohnes eines Tages gefasst und zur Rechenschaft gezogen wird. Aber ob sie dadurch Frieden finden könne, wisse sie nicht, sagt sie. Victor bringe das nicht zurück. Für ihre kleine Tochter, die 2012 geboren wurde, will sie weitemachen, durchhalten, noch einen Tag und dann den nächsten.