RTL News>News>

Ukraine-Krieg: Die aktuelle Situation der LGBTIQ+-Community

Aktivist: „Die Menschen werden als Abschaum betrachtet“

Queer im Krieg: So geht es der LGBTIQ+-Community in der Ukraine

Ein junger Aktivist im Vordergrund mit einem ernsten Gesichtsausdruck, einer Ukraineflagge in der Hand und einer Regenbogenflagge um den Körper gewickelt.
Eine Gruppe junger polnischer Aktivisten, die gegen den Ukraine Konflikt demonstrieren und für die Rechte der LGBTIQ+-Community kämpfen.
Bianca Otero, picture alliance

von Antonia Galád

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht ein erbitterter Krieg in der Ukraine. Die aktuelle Situation ist für viele Menschen unerträglich, doch besonders hart trifft es vulnerable Personen, die der LGBTIQ+-Community angehören. Im folgenden Interview wird das deutlich. Experte Alexander Stelzer, selbst seit neun Jahren LGBTIQ+-Aktivist und davon sechs Jahre im Landesbeirat der Queeren Jugend NRW erklärt, warum die Situation in der Ukraine für queere Menschen so gefährlich ist.

Wie war die Lage der LGBTIQ+ – Community vor dem Krieg in der Ukraine?

Demonstration "Kyiv Pride" -  Gay Parade In Kiev 2019.
Demonstration "Kyiv Pride" - Gay Parade in Kiev 2019
picture alliance

Alexander Stelzer: „Die Ukraine gilt in Europa nicht als queerfreundliches Land. Gerade für transsexuelle Menschen ist die Lage schwierig, da sie dort immer noch als krank gelten. Transitionen können ab dem 25. Lebensjahr begonnen werden, dauern aber sehr lange, da Betroffene viele physische und psychische Gutachten hinter sich bringen müssen. In dieser Zeit erfahren sie Ausgrenzung und Diskriminierung, teils sogar von ihrem eigenen Umfeld.

Seit der Annexion der Krim 2014 hat sich gesellschaftlich einiges getan. Das Blutspendeverbot für homosexuelle Menschen wurde aufgehoben und im durchschnittlichen Meinungsbild sollten alle Menschen – auch queere – gleich behandelt werden. Wie in anderen europäischen Ländern, gibt es natürlich auch die Personen, die sich für Akzeptanz aussprechen, solange es nicht in den eigenen Reihen geschieht. In Kiew ist die Situation deutlich besser, da es seit einigen Jahren „Kiew-Pride-Demonstration“ gibt und so für mehr Sichtbarkeit gesorgt wird. Seit 2015 wird sie aktiv von der Stadt beworben, wobei man sagen kann, dass man sich klar von Russland abgrenzen möchte, wo solche Demonstrationen verboten sind.

Gerade in den Separatistengebieten wie Luhansk und Donezk ist die Lage bereits seit 2015 für queere Menschen sehr gefährlich. Schon damals war eine große Fluchtwelle zu verzeichnen, weil sich die Separatisten dafür ausgesprochen haben, queere Menschen zu verfolgen und zu töten. Die Menschen werden als Abschaum betrachtet, der von der westlichen Propaganda verunreinigt wurde und kein Anrecht auf Leben hat.“

Wie ist die Lage für queere Menschen in Russland im Vergleich zur Ukraine?

Alexander Stelzer: „Es kann gesagt werden, dass die Mentalität der Ukrainer der der Russen immer mehr ähnelt, je näher man an russisches Staatsgebiet kommt. Auch in Russland kann man nicht pauschalisieren, dass die Menschen der Treiber der LGBTIQ+-feindlichen Politik sind, sondern die Politik selbst, um sich klar vom Westen abgrenzen zu können. Gerade in ländlichen Gebieten ist es egal, in welchem der beiden Länder man sich aufhält – es ist schwer, Flagge zu zeigen und sichtbar zu sein.

Im Gegensatz zu Russland gibt es aber kein Verbot in der Ukraine, was rechtlich gesehen ein positives Zeichen ist und die Bewegung in eine gute Richtung lenkt. Gerade die jungen Ukrainer, die Medien aus dem Westen konsumieren, sind queerfreundlich, da sie die Normalität über Tiktok oder Youtube sehen können. Das Gleiche lässt sich auch über junge Menschen in russischen Großstädten sagen, die den Zugang zu westlichen Medien haben.“

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Wie ist die Situation für queere Soldaten im ukrainischen Militär?

Alexander Stelzer: „Die Ausgangssituation für queere Soldaten ist sehr unterschiedlich. Seit 2018 gibt es die ,Union of LGBT-Military’, welche sich für mehr Akzeptanz und Gleichberechtigung im ukrainischen Militär einsetzen soll, sodass die Lage sich verbessert. Da die traditionelle Gesellschaft ein ,männliches’ Verhalten, gerade im Militär, fördert, gelten queere Männer als unmännlich.

Über den Umgang mit lesbischen Frauen oder transsexuellen Menschen ist eher wenig bekannt. Aus vielen Erfahrungsberichten weiß man mittlerweile aber, dass sich transsexuelle Menschen seit Kriegsbeginn dem Militär zugewandt haben. Diese gehen mit ihrer Situation offen um und werben dafür, was politisch so gewollt ist, um sich auch hier von Russland klar abgrenzen zu können. In Zeiten des Krieges ist es egal, wer kämpft und das Land verteidigt, was die Menschen vor Ort schnell eingesehen haben. In den vergangenen Monaten ist die Akzeptanz gestiegen, da queere Soldaten zeigen konnten, dass sie genauso wehrhaft sind wie heterosexuelle.“

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt der externen Plattforminstagram, der den Artikel ergänzt. Sie können sich den Inhalt einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden. Weitere Einstellungenkönnen Sie imPrivacy Centervornehmen.

Wie ist die aktuelle Situation für die LGBTIQ+-Community, seit der Krieg ausgebrochen ist?

Alexander Stelzer: „Wie auch schon 2015 ist die aktuelle Situation, gerade in den Separatistengebieten, sehr gefährlich für die LGBTIQ+-Community.

Von der UN wurde bestätigt, dass Russland homosexuelle Vergewaltigungen duldet. Neben Frauen werden auch oft junge Männer Opfer von sexuellem Missbrauch. Medial ist das Thema kaum präsent, aber durch Befragungen vieler Opfer hat die UN Beweise für diese Gräueltaten. Über queere Dating-Apps wie Grindr, die lokalisationsbasiert sind, hat der britische Geheimdienst bereits ziemlich früh herausgefunden, wo sich russische Soldaten aufhalten. Nachdem sie lokalisiert wurden, gab es gehäuft Berichte von Vergewaltigungen in der Gegend, die gemeldet wurden.

Diese Informationen sind von Geheimdiensten angedeutet, von lokalen queeren Organisationen bestätigt, aber nicht verifiziert. Jedoch lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass das Teil der Kriegstaktik ist und gerade die Moral der homosexuellen Soldaten der russischen Armee hochhalten soll. Innerhalb des Militärs dürfen sie nicht zeigen, dass sie offen queer sind, aber über die Vergewaltigungen können sie ihre Sexualität ausleben. In diesem Fall wird es gefördert und nicht als verächtlich angesehen.“

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt der externen Plattforminstagram, der den Artikel ergänzt. Sie können sich den Inhalt einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden. Weitere Einstellungenkönnen Sie imPrivacy Centervornehmen.

Gibt es einen Teil der Community, der besonders stark vom Krieg betroffen ist?

Alexander Stelzer: „Insbesondere trans- und intersexuelle Menschen haben in Kriegs- oder Fluchtsituationen sehr große Probleme. Je nachdem, an welchem Punkt sie sind und welchen Weg sie bei ihrer Transition einschlagen wollen, sind sie auf Hormone angewiesen. Diese sind überlebenswichtig, aber meist nicht die ersten Medikamente, die in Kriegsgebiete geliefert werden, weswegen es zu enormen Engpässen vor Ort kommt. Gerade wenn Betroffene ihre Geschlechtsorgane entfernen lassen haben, brauchen sie die Hormone dringend.

Eine andere Gruppe, die die Kriegssituation enorm trifft, sind queere Jugendliche. Da es in der Ukraine ein ambivalentes Verhältnis zur Homosexualität gibt, haben sie es besonders schwer, wenn sie von ihren Familien verstoßen werden. In der Ukraine gibt es ein ausgeprägtes Familienbild, sodass Jugendliche ohne ihre Eltern aufgeschmissen sind, meist keine Mittel zur Flucht haben und nicht über finanzielle Mittel verfügen, um sich Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen.

Viele schaffen es doch zu flüchten und gehen oftmals weiter weg als Polen, da es dort keine Angebote für queere Jugendliche gibt. Aufgrund des relativ unbürokratischen Prozesses der Aufnahme in den Zielländern gibt es keine genauen Zahlen über die Flüchtlingsströme und wie viele junge Menschen es betrifft. Wir als queere Jugendgruppe sehen aber, dass der Bedarf groß ist und bieten Beratungen an.“

Ist Deutschland das erste Ziel für LGBTIQ+- Flüchtlinge?

Ein Demonstrant in New York hält ein Schild in die Luft und unterstützt die ukrainische LGBTIQ+-Community damit.
Weltweit erfährt die ukrainische LGBTIQ+-Community Solidarität. Zum Beispiel in New York.
picture alliance

Alexander Stelzer: „ Deutschland hat viel aus den Bewegungen 2015 mitgenommen, wo homosexuelle Menschen aus Syrien zu uns kamen. Auch aus Nordafrika kommen stetig Flüchtlinge an. In Deutschland gibt es definitiv Strukturen, die sich um queere Flüchtlinge kümmern, aber mehr als ausgelastet – eher überlastet – sind.

Es gibt keinerlei Hinweise dafür, dass es bei der Versorgung der Menschen in Ländern wie Polen, Ungarn oder Rumänien Benachteiligungen gegenüber queeren Menschen gibt. In diesen Ländern sind Strukturen für die LGBTIQ+- Community aber kaum- bis gar nicht vorhanden, weswegen sie meist einen weiteren Weg vor sich haben als heterosexuelle Geflüchtete.

In vielen westeuropäischen Ländern wie Belgien, den Niederlanden oder Frankreich gibt es ein großes Angebot für queere Geflüchtete. Da das aber ein noch weiterer Weg für sie ist und sie so noch weiter von ihren Angehörigen entfernt sind, ist Deutschland ein beliebtes Ziel.“

Lese-Tipp: Weitere spannende Artikel finden Sie auf der Übersichtsseite der Vielfaltswoche.