Wie gefährlich ist der Taliban-Vormarsch für die Soldaten?

Truppenabzug aus Afghanistan - Bundeswehr-General: "Wir müssen wachsam bleiben"

24. Juni 2021 - 20:55 Uhr

Bundeswehr-General im Video: Nichts beschönigen - Sicherheitslage ist "fragil"

Die Bundeswehr und ihre Verbündeten sind noch nicht ganz aus Afghanistan abgezogen, und schon stoßen die radikalislamischen Taliban in die Lücke. Sie sind auf dem Vormarsch, bringen einen afghanischen Distrikt nach dem anderen unter ihre Kontrolle. Eine direkte Bedrohung der abziehenden deutschen Soldaten gebe es zwar nicht, "aber wir müssen wachsam bleiben", erklärt der Befehlshaber der Bundeswehr in Afghanistan, Brigadegeneral Ansgar Meyer, im RTL-Interview. Seine Einschätzung zur Taliban-Propaganda und der Situation der Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan sehen Sie im Video.

Afghanistans Norden: Taliban rücken vor

Vor allem ein Bild sorgte Anfang der Woche für Unruhe: In den sozialen Medien verbreitet sich das Foto eines Taliban-Kämpfers, der mit hochgerecktem Sturmgewehr vor dem Stadttor von Masar-e Scharif posiert. In der Nähe befindet sich das Bundeswehr-Camp "Marmal".

Das Camp gehöre aber zu den sichersten in Afghanistan, Nervosität gebe es nicht, so der Brigadegeneral. Aber er schärfe den Soldaten immer wieder ein: "Das ist nur 20 oder 30 Kilometer von uns entfernt, und es kann immer etwas passieren. Jetzt kommt es wirklich auf jeden an, aufmerksam zu sein."

Das Bild mit dem Taliban-Kämpfer sei ein "Fake", erklärt der General: "Die Taliban fahren hier im Augenblick eine sehr professionelle Informationskampagne. Das hat in der Stadt in Teilen der Bevölkerung schon erste Panik ausgelöst, die Taliban wären in der Stadt. Das ist tatsächlich nicht so." Vielmehr seien einige Islamisten nur kurz aus ihrem Fahrzeug gestiegen, hätten schnell das Bild gemacht und seien dann wieder weggefahren, bevor die afghanischen Sicherheitskräfte vor Ort waren.

Trotzdem gibt der General zu: "Die Lage hier oben im Norden kann man nicht beschönigen: Sie ist tatsächlich fragil".

Frauen greifen zu den Waffen

Andere Städte und Distrikte des Landes sind schon unter Kontrolle der Taliban. Teils haben sich die Truppen der afghanischen Armee kampflos ergeben, mitsamt Waffen und Fahrzeugen – einst gesponsert von den westlichen Verbündeten.

Allerdings gebe es auch Pläne der afghanischen Sicherheitskräfte, sich für eine Gegenoffensive zusammenzuschließen, erklärt Brigadegeneral Meyer im RTL-Interview. Teilweise bewaffnen sich lokale Milizen: "Heute morgen kam eine Nachricht rein, dass Frauen in einer Provinz im Nordwesten die Waffen erheben gegen die Taliban, weil sie ganz einfach das, was sie gewonnen haben in den letzten Jahren, nicht einfach kampflos aufgeben wollen."

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Kommando-Spezialkräfte im Einsatz in Afghanistan
© dpa, -, jai

20 Jahre war die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Im Juli soll der letzte deutsche Soldat das Land verlassen haben. 59 Bundeswehrangehörige haben dort ihr Leben verloren. Wie viele Bundeswehr-Soldaten aktuell noch in Afghanistan stationiert sind, dazu äußert sich Meyer aus Sicherheitsgründen nicht.

Jetzt sieht alles danach aus, als versinke das Land nach dem Rückzug der westlichen Truppen wieder im alten Chaos. Es sei zu früh, eine Prognose abzugeben oder Bilanz zu ziehen, sagt Brigadegeneral Meyer. Er setzt auf die afghanische Jugend. Die hat das Taliban-Regime der 90er Jahre nicht mehr erlebt, dafür aber die letzten 20 Jahre relativer Stabilität. Erst vor kurzem hatte der General ein Gespräch mit Jugendlichen, die sich zu einer Friedensinitiative zusammengeschlossen haben: "Die wollen nichts anderes, als ganz normal wie junge Erwachsene in anderen Teilen der Welt zu leben und sich selbstbestimmt zu verwirklichen. Ich hoffe, dass diese Stimmen gehört werden", sagt der Brigadegeneral im RTL-Interview.

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