Ruhe, Therapien und ein Ort, um gesund zu werden

Team Wallraff: So funktioniert eine gute Psychiatrie

22. März 2019 - 16:31 Uhr

Team Wallraff deckt Missstände in Psychiatrien auf

Überlaufene Stationen, überfordertes Personal, kaum Therapien, Lärm, Gewalt und zweifelhafte Bestrafungsmethoden - welche Missstände unsere Reporter in psychiatrischen Kliniken bei ihrer Recherche für "Team Wallraff - Reporter undercover" aufgedeckt haben, lässt einen fassungslos zurück. Denn wo Menschen eigentlich gesund werden sollen, fehlt es oft an einer Umgebung, die das auch zulässt. Doch das geht auch anders.

In Herne wird man nicht allein gelassen

Offene Türen, Therapieangebote und eine Atmosphäre, die mehr einem Wohnheim gleicht als einer Psychiatrie - schon beim Betreten des St. Marien-Hospitals im nordrhein-westfälischen Herne-Eickel fällt auf: Hier können Patienten mit psychischen Problemen zur Ruhe kommen.

Es gibt Zweibettzimmer - auch für gesetzlich Kassenversicherte. Tagsüber sind die Patienten in Therapiegruppen. Anders als in anderen psychiatrischen Kliniken gibt es keine Akutstation (hier kommen in der Regel Patienten hin, die eine akute psychiatrische Erkrankung mit entsprechend schwerer Symptomatik haben). Stattdessen werden die akutkranken Patienten in der Klinik verteilt, damit das durchschnittliche Krankheitsniveau möglichst niedrig ist, erklärt der Chefarzt der Klinik, Dr. Peter W. Nyhuis, im Interview mit Günter Wallraff. "Es tut den akutkranken Patienten sehr gut, wenn sie mit gesünderen Patienten zusammenkommen."

Das bestätigt auch Günther Brandt, ein ehemaliger Patient mit bipolarer Störung, der mittlerweile ehrenamtlich in der Klinik arbeitet: "Hier hat man Zeit, um Ziele zu überdenken. Ich bekomme hier Zeit, mir zu überlegen: wie komme ich da hin und arbeite das mit den Therapeuten in den einzelnen Therapien aus."

Kommt man als Patient in das St. Marien-Hospital in Herne-Eickel wird man nicht allein gelassen. "Als neuer Patient kriege ich einen Partner, Bezugspfleger, Bezugstherapeuten und den Stationsarzt. Und wenn einer von denen keine Zeit hat, dann ist ein anderer Pfleger da. Die nehmen sich dann die Zeit. Man hängt hier nicht in der Luft", erklärt Brandt.​

Für gute Psychiatrie muss sich einiges ändern

Genau das scheint das große Problem in so vielen anderen Psychiatrien zu sein. Wegen Personalmangel und extrem hohem Krankenstand können Patienten nicht so versorgt werden, wie sie es bräuchten. Volker Gernhard war 18 Jahre lang Betriebsratschef bei Vivantes, laut eigenen Angaben Deutschlands größter kommunaler Krankenhauskonzern. Die Krankenzahlen beim Klinikpersonal steigen ständig an, die Krankenzeiten liegen teilweise bei knapp 20 Prozent, so Gernhard. Gründe seien unter anderem Burn-out. 

Damit Patienten gut betreut werden können, müssen sich darum vor allem die Strukturen ändern. In einer gut funktionierenden Psychiatrie müssen Ärzte und Verwaltung zusammenarbeiten. Ärzte ziehen hier oft den Kürzeren und haben nicht genug Rückhalt, um der Verwaltung gegenüber klar zu sagen, was sie für die Patientenversorgung brauchen", erklärt Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer im Interview mit Günter Wallraff.

Damit eine Psychiatrie gut funktioniert, brauchen wir modernere Kliniken, genug gut ausgebildete Ärzte und eine ausreichende Finanzierung, so Montgomery.

Doch Geld allein hilft nicht, um das deutsche Psychiatrie-System besser zu machen, findet Psychiater Dr. Jan Schlimme: "Ich denke, daran zeigt sich, wie human unsere Gesellschaft ist, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Das muss doch im staatlichen Interesse sein, über solche Missstände informiert zu sein." 

Seiner Meinung nach müsste die Bundesregierung dafür sorgen, dass regelmäßig unabhängige Kontrollen durchgeführt werden. "Dann hätten wir einen tiefen Blick in die Psychiatrie und können transparent argumentieren. Denn diese Psychiatrie wollen wir alle nicht, weder die Nutzer noch die Angehörigen."

Denn tatsächlich kann jeder von uns psychisch erkranken - und hat dann eine würdevolle Behandlung verdient, um in Ruhe gesund zu werden.

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