„Team Wallraff“ zeigt: Wer den Notrufknopf drückt, kann nicht immer mit ausgebildeten Helfern rechnen

Hausnotruf des DRK: Wie sicher sind Kunden hier im Ernstfall wirklich?

19. Oktober 2020 - 22:53 Uhr

DRK-Hausnotruf soll Sicherheit geben – doch wer kommt im Notfall?

Für ältere Menschen, die so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben möchten, soll der Hausnotruf des DRK Sicherheit geben und das Gefühl vermitteln, im Notfall schnell kompetente Helfer alarmieren zu können. Auch viele Angehörige verlassen sich darauf, dass ihre Eltern mit dem Notrufknopf gut versorgt und in geschulten Händen sind. Doch die Recherchen von "Team Wallraff – Reporter undercover" zeigen: Das ist nicht immer der Fall.

Seniorin hatte Angst, den Notrufknopf zu benutzen

In Deutschland haben etwa 400.000 Haushalte einen DRK-Hausnotrufknopf, der wie eine Uhr am Körper getragen wird. Gerät ein Senior in Not, kann er den Alarm zur Notruf-Zentrale auslösen und mit dieser kommunizieren. Rund 45 Euro im Monat kostet ein solcher Service.

Auch Andreas Stelzners Mutter hatte einen solchen Notrufknopf, nachdem sie alleine zu Hause gestürzt war. Doch wenn sie den Knopf drückte, kam es regelmäßig zu Schwierigkeiten. Warum die Seniorin am Ende Angst hatte, auf diesem Weg den Notruf zu alarmieren und den Knopf sogar im Schrank versteckte, schildert Andreas Stelzner im Video.

Günter Wallraff erfährt undercover: Mitarbeiter sind keine Rettungssanitäter

Um herauszufinden, was das Deutsche Rote Kreuz den Kunden des Notfallknopfes verspricht und wie die Realität am Ende aussieht, verkleidet Günter Wallraff sich als gebrechlicher Rentner, der nach einer Operation sturzgefährdet ist. Bei einem ersten Gespräch mit Mitarbeitern der DRK Hausnotruf-Zentrale Köln wird klar: Rettungssanitäter sind die Menschen, die zu den Einsätzen fahren, nicht. Stattdessen seien sie mit Hilfsmitteln wie etwa Hebekissen ausgestattet, um gestürzten Patienten wieder aufzuhelfen, wie die DRK-Mitarbeiterin erzählt.

Doch in der Beratung wird vermittelt: Beim Hausnotruf arbeiten nur Menschen, die Erfahrung mit Notfällen haben. Nachts stehe genügend gut ausgebildetes Personal zur Verfügung.

RTL-Reporterin: Undercover-Einsatz beim DRK-Hausnotruf in Köln

Wie dieses Personal tatsächlich ausgebildet wird, zeigt der Undercover-Einsatz von RTL-Reporterin Luisa in der Hausnotruf-Leitstelle des DRK in Köln. Obwohl sie keine medizinischen Vorkenntnisse hat, bekommt sie eine Stelle als Teilzeitbeschäftigte, für 9,50 Euro die Stunde. Zur Einarbeitung übt Luisa mit ihren Kollegen an drei Tagen jeweils 20 Minuten lang die Griffe, die man anwenden sollte, wenn jemand hilflos am Boden liegt. Eigentlich müsste sie auch einen neun Stunden umfassenden Ersthelferkurs absolvieren. Das ist bei Luisa nicht der Fall – obwohl uns der zuständige DRK-Kreisverband in Köln schreibt, dass alle Einsatzkräfte mindestens eine Ersthelfer-Ausbildung bekommen.

Die Kölner Hausnotrufzentrale kümmert sich um über 1.800 Kunden. Meist sitzen Luisa und ihre Kollegen am Schreibtisch und nehmen Notrufe entgegen. Nach drei Wochen muss Luisa selbstständig das Notruf-Telefon bedienen und auch alleine zu den Notfällen vor Ort fahren. Medizinische Kenntnisse wurden ihr aber immer noch nicht vermittelt. Vor ihrer ersten Schicht erfährt Luisa von einer Kollegin, dass es nicht nur ihr so erging: "Das habe ich ja immer gesagt, dass ich nicht weiß, wie die Einarbeitung läuft, weil ich ja auch nie eingearbeitet wurde", erzählt diese ihr.

Der zuständige Kreisverband Köln schreibt dazu: "Der Einarbeitungszyklus umfasst ca. einen Monat mit gedoppelten Einsätzen. Dabei erfolgt auch die Prüfung der fachlichen Eignung durch die Leitung in Zusammenarbeit mit langjährig Beschäftigten."

Luisa hatte bei ihren Notruf-Einsätzen Angst, Fehler zu machen

RTL-Reporterin Luisa im Gespräch mit Günter Wallraff
RTL-Reporterin Luisa erzählt im Gespräch mit Günter Wallraff von ihren Erfahrungen beim DRK-Hausnotruf.
© RTL

Bei ihrem ersten Einsatz fährt Luisa alleine zu einem Notruf zu einer alten Dame nach Hause: Diese ist in ihrem Badezimmer zusammengebrochen, unsere Reporterin soll ihr wieder hochhelfen – ohne medizinische Kenntnisse und ohne die vorgeschriebene Ersthelfer-Ausbildung. Nur zusammen mit einer Pflegerin gelingt es der zierlichen Luisa, die korpulente Patientin wieder auf die Füße zu stellen.

Auch bei ihrem zweiten Notruf ist eine alte Dame gestürzt: Luisa findet sie hilflos und kniend zusammengesunken vor ihrem Bett, den Kopf kraftlos auf der Bettdecke liegend. Hier habe sie Angst gehabt, alleine etwas falsch zu machen. "Die Frau tat mir auch einfach unfassbar leid, ich glaube sie hatte sich auch selbst eingenässt in dem Moment. Sie war richtig hilflos", erzählt unsere Reporterin. Sie schafft es schließlich, der betagten Dame aufzuhelfen, damit sie sich wieder mit ihrem Rollator fortbewegen kann.

Hierzu schreibt der DRK-Kreisverband Köln: "Kräfte im Einsatz vor Ort treten in solchen Fällen mit der Schichtleitung (Rettungsassistent) in der Zentrale in Kontakt, welche die Entscheidung trifft. Sobald der Anhalt für eine akute medizinische Behandlungsnotwendigkeit besteht, wird der Rettungsdienst alarmiert." Doch bei Luisa bleibt die Angst, dass sie alleine und ohne medizinische Kenntnisse bei dieser sehr verantwortungsvollen Aufgabe vielleicht doch etwas übersehen haben könnte.

„Team Wallraff – Reporter undercover“ bei TVNOW

Die ganze Sendung von "Team Wallraff – Reporter undercover" gibt es nachträglich in voller Länge bei TVNOW.de und in der TVNOW-App zum Abruf.