Prozess in Lübeck

Sie wurde verschleppt, vergewaltigt und gefesselt – jetzt spricht die junge Studentin vor Gericht

Fortsetzung Prozess wegen Vergewaltigung
Fortsetzung Prozess wegen Vergewaltigung
© dpa, Markus Scholz, cul

15. Mai 2020 - 16:01 Uhr

Sie war auf dem Rückweg von einer Erstsemesterparty in Lübeck

Eigentlich wollte die junge Studentin nach einer Party nur nach Hause, doch so weit kam sie nicht: Auf dem Heimweg soll der Familienvater Aziz G. die damals 20-jährige angegriffen und auf einem Feld vergewaltigt haben. Anschließend habe er sie gefesselt und geknebelt und dann hilflos an einem Gebüsch am Straßenrand zurückgelassen. Womöglich überlebte die Studentin die kalte Oktobernacht nur, weil ein Autofahrer zufällig am Straßenrand anhielt und sie dort leicht bekleidet vorfand. Weil die Frau hätte erfrieren können, sieht die Staatsanwaltschaft das Mordmotiv als gegeben und klagt Aziz G. wegen versuchten Mordes an. Der Tatverdächtige muss sich nun vor dem Landgericht Lübeck verantworten. Jetzt spricht die Studentin vor Gericht zum ersten Mal über die Nacht.

„Ich wache auf, mir ist kalt, es piekst, ich kann mich nicht bewegen“

Für die Medizinstudentin sind die Schritte in den Prozesssaal wohl die schwersten, die sie je gehen musste. Begleitet wird die 21-Jährige von einem jungen Mann. Sie muss ihr schlimmes Erlebnis vor Gericht mit den Anwesenden teilen. Ihrem mutmaßlichen Vergewaltiger würdigt sie während ihrer Aussage keines Blickes. "Ich wache auf, mir ist kalt, es piekst, ich kann mich nicht bewegen". Mit diesen Worten berichtet die junge Frau von dem Augenblick, als sie im Gebüsch zu sich kam. Obwohl sie versucht, stark zu wirken, lassen ihre Erzählungen erahnen, wie grausam die Tatnacht für die junge Frau gewesen sein muss: "Alles war klamm. Ich konnte schwer atmen. Es hat gedauert bis ich gemerkt habe, dass ich einen Knebel im Mund hatte. Die Schmerzen waren dann weg, weil ich Adrenalin hatte", schildert die Lübeckerin.

Sie kann sich nicht an jedes Detail erinnern, doch ein Moment wird ihr wohl für immer im Gedächtnis bleiben: "Ich bin auf allen Vieren, meine schlimmste Erinnerung, jemand ist in mich eingedrungen." Während dieser Aussage bleibt die junge Frau trotzdem stark und spricht mit einer festen Stimme. "Ich konnte 'ich bin vergewaltigt worden' nicht aussprechen. Das hat gedauert", sagt die 21-Jährige.

Aziz G. – ein Mann mit Doppelleben

Auf den ersten Blick führte der aus der Türkei stammende Familienvater ein normales Leben. Er ist dreifacher Vater, verheiratet und berufstätig. Doch Aziz G. hat eine dunkle Seite. Nach seiner Festnahme spricht seine Noch-Ehefrau Emine in einem RTL-Interview über seine gewalttätige Ader. In der Ehe soll Aziz G. auch sie missbraucht haben. Vor Gericht wird zudem noch ein weiterer Fall untersucht, in dem er im September 2019 ein weiteres Opfer angegriffen und in seine Kleingartenparzelle verschleppt haben soll. Die 25-jährige Studentin konnte sich jedoch befreien und fliehen. Auch sie war auf dem Heimweg von einer Party.

Für Aziz G.s Sohn Idris (9) ist es schwer zuverstehen,was sein Vater getan haben soll. In einem RTL-Interview spricht er über seine Gefühle.