28. April 2015 - 15:14 Uhr

RTL-Reporter Oliver Beckmeier berichtet Donezk

Situationen wie diese sind in Donezk zu Raritäten geworden: Einige Dutzend pro-westliche Demonstranten singen die ukrainische Nationalhymne. Doch nur ein paar Hundert Meter weiter marschieren pro-russische Demonstranten durch das Zentrum der Stadt und rufen laut den Namen des Landes, zu dem ihrer Meinung nach auch die Region im Osten der Ukraine gehören sollte: Russland.

RTL-Reporter berichtet aus Donezk
RTL-Reporter Oliver Beckmeier berichtet aus Donezk über die pro-russische Stimmungslage.

Die pro-russischen Demonstranten belagern die Regionalverwaltung in Donezk. Ein massives Sicherheitsaufgebot versucht die Ordnung wieder herzustellen. Die ukrainische Fahne weht schon nicht mehr, stattdessen wurde die russische gehisst. Die Stadt scheint in den Händen der pro-russisch Denkenden. Denn viele Menschen, die sich eher zum Westen hingezogen fühlen, trauen sich nicht mehr, dies offen zu sagen.

Hanna Agafonova ist eine von ihnen. Die 32-Jährige hat einige Jahre in Deutschland studiert und lebt nun in Donezk: "Es ist gefährlich hier mit einer ukrainischen Flagge herumzulaufen. Das ist schon ein unglaublich schreckliches Zeichen für mich." Ihre Freundschaft zu Irina Fedorova wird schwer belastet, denn Irina denkt pro Russland. Die Anwältin fühlt sich von den Russen beschützt, einfach sicherer: "Die Russen sind keine Besatzer, sie passen auf uns auf." Hanna geht es um die Freiheit. "Wenn wir unter Okkupation stehen, dann ist mein Ausweis nutzlos."

Im Westen leben nur Faschisten, Homosexuelle und Kinderschänder

Wie gespalten die Stimmung auf der Straße ist, wird offenbar, als während eines Interviews auf dem Leninplatz im Zentrum der Stadt die Lage zu eskalieren droht. Ein Mann sagt, Putin sei ein Schwein woraufhin eine Frau schreit: "Sei ruhig. Nur Russland sagt die Wahrheit."

Die Fronten sind verhärtet. Nicht zuletzt aufgrund der russischen Propaganda. Denn das russische Staatsfernsehen zeigt immer wieder Kriegsbilder und zeichnet das martialische Bild vom Feind im Westen, wo demnach nur Faschisten, Homosexuelle und Kinderschänder leben.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei einem russischen Karaokeabend. Von Angst oder Krise ist keine Spur, aber die Meinung ist klar. "Es war eine gute Entscheidung der Menschen auf der Krim. Wir hier in Donezk wollen auch zu Russland gehören." Der Wunsch nach Frieden ist groß, doch den werde es geben, "wenn auch wir hier ein Teil von Russland werden". Die russische Propaganda hat deutlich ihre Spuren hinterlassen: "Russland soll auch uns aufnehmen und vor den Nazis und Faschisten, die uns unterdrücken, beschützen."

Tags darauf wird das Justizministerium von pro-russischen Demonstranten gestürmt und die russische Flagge gehisst. Die Polizei schaut nur zu. In der ukrainischen Nationalhymne heißt es, dass Ruhm und Freiheit noch nicht gestorben sind. Diesen Wunsch scheinen im Osten der Ukraine viele schon längst begraben zu haben.