Mangel an Lkw-Fahrern

Briten stehen schon vor leeren Regalen - wir bald auch?

So sehen einige Regale auf der Insel bereits aus.
So sehen einige Regale auf der Insel bereits aus.
© deutsche presse agentur

15. September 2021 - 9:26 Uhr

Ohne LKW-Fahrer keine Produkte in den Regalen

Im Supermarkt klaffen Lücken im Regal, Milchbauern bleiben auf ihrer Milch sitzen, bei Ikea fehlen die Matratzen und in Kläranlagen mangelt es an wichtigen Chemikalien. Es gibt kaum eine Branche in Großbritannien, die an diesen Tagen nicht klagt. Der Grund ist fast immer gleich: Es fehlen überall LKW-Fahrer. Laut britischem Branchenverband zurzeit rund 100.000. Und das Problem gibt es bereits auch Deutschland. Stehen wir bald auch vor leeren Regalen?

Experten befürchten Versorgungskollaps auch für Deutschland

Das liegt - wie so oft - auch am Brexit und seinen Hürden. Zudem hat die Corona-Pandemie die Lage verschärft. Doch Experten rechnen nicht damit, dass die Insel mit dem Problem allein bleiben wird. "Was in Großbritannien passiert, ist durch den Brexit beschleunigt. Ich gehe aber fest davon aus, dass wir in Westeuropa die gleiche Situation haben werden, nur etwas zeitversetzt", sagt Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. "Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen."

Auch in Deutschland fehlten bereits zwischen 60.000 und 80.000 Fernfahrer, so Engelhardt - Tendenz steigend. Jährlich gingen rund 30.000 Fahrer in Rente und nur rund 15.000 Nachwuchskräfte kämen nach. "Es gibt eine weltweite Not an Fahrern."

LKW fahren wird unattraktiver

Der Mangel hat viel damit zu tun, dass der Beruf des Lastwagenfahrers oder der - bislang noch seltener vorkommenden Lastwagenfahrerin - immer weniger als attraktiv wahrgenommen wird. Lange Wartezeiten in Staus, schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein großer Mangel an geeigneten Parkplätzen, auf denen es sich sicher stehen oder auch duschen und essen lässt. Außerdem werden Lastwagen als große, laute Umweltverschmutzer wahrgenommen, die andere Verkehrsteilnehmer nicht etwa versorgen, sondern eher stören. "Das schlechte Image treibt die Fahrer um. Wir brauchen eine neue Wahrnehmung des Berufs", meint Engelhardt.

Während der Pandemie haben viele europäische Fahrer, etwa aus Polen oder Rumänien, Großbritannien verlassen und sind zu ihren Familien in ihren Heimatländern zurückgekehrt. Dass viele von ihnen wohl nicht wieder zurückkehren werden, hat gleich mehrere Gründe. Einerseits ist seit dem Brexit die Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte vorbei und es sind aufwendige und teure Visa-Verfahren notwendig. Gleichzeitig werden aber auch in vielen anderen europäischen Ländern Fahrer benötigt, sodass die Anziehungskraft Großbritanniens schwindet.

Neue Handelshürden und Kontrollen an der Grenze erschweren die Situation zusätzlich. Der Mangel trägt auch zum sinkenden Export in die EU bei, wie die Britische Handelskammer betont. Das trifft auch den Handel mit Deutschland: Zum ersten Male seit mehr als 70 Jahren könnte Großbritannien nicht mehr unter den zehn wichtigsten Handelspartnern der Bundesrepublik auftauchen, wie aus aktuellen Daten hervorgeht.

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Ohne Änderungen könnte Weihnachten ins Wasser fallen

Die britische Branchenverband fordert erleichterte Visa-Regeln für ausländische Kräfte. Dirk Engelhardt vom deutschen Branchenverband ist jedoch skeptisch, dass damit das Problem gelöst werden kann. Er plädiert mit Blick auf Deutschland für die Genehmigung längerer Lastwagen, in denen Fahrer mit integrierten Sanitäranlagen und besserer Ausstattung autarker ihre Ruhezeiten verbringen können.

Andernfalls sieht Engelhardt schwarz: "Hamsterkäufe wie zu Beginn der Corona-Pandemie könnten zum Daily Business werden, wenn nicht schnell gegengesteuert wird", meint der Logistikexperte - und er ist nicht allein. In Großbritannien warnte der Chef der Supermarktkette Iceland bereits davor, dass womöglich Weihnachten ausfallen müsse, wenn sich nicht endlich etwas ändere. Denn schon jetzt sei absehbar, dass es mit den üblichen Vorräten, die Märkte normalerweise vor den Feiertagen anlegen, schwierig werden könnte. (dpa)

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