Ein neuer Anstoß, mal sehen, was dieses Mal daraus wird

Schockierend, dass Joko & Klaas‘ „Männerwelten“ so schockiert – wir müssen reden!

Joko Winterscheid (l.) und Klaas Heufer-Umlauf (r.) haben mit ihrem TV-Beitrag "Männerwelten" für mächtig Furore gesorgt.
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15. Mai 2020 - 17:33 Uhr

Kommentar von Carolin Chytrek

Pfiffe, während man an einer Gruppe Halbstarker vorbeiläuft, anzügliche Sprüche in der Öffentlichkeit oder Kommentare in den sozialen Netzwerken, sei es zur Figur, zum Auftreten oder zur Sexualität: Ich will ja wirklich nichts sagen, aber jede Frau, die behauptet, noch nie Belästigung am eigenen Leib oder im direkten Umfeld erfahren zu haben, lügt. Und zwar definitiv! Was Joko und Klaas in ihrem neuen TV-Kunstwerk "Männerwelten" ansprechen, dürfte also eigentlich nichts Neues sein. Umso trauriger, wie sehr der Beitrag eine ganze Nation schockiert.

Jokos und Klaas‘ Verdienst?

Klar, das was Joko und Klaas da vollbracht haben, ist ohne Zweifel löblich und wird sicherlich in die TV-Geschichte eingehen. Es dürfte vor allem auf den Fakt zurückgehen, dass dem Thema die Bühne von zwei Männern geboten wurde und nicht wie sonst von Opfern oder Feministinnen selbst. Und genau das ist das, was mich so wütend macht. Wir müssen ja nur mal auf die Geschichte der Menschheit zurückblicken, da würde uns auffallen, dass sexualisierte Gewalt, Unterdrückung und Ungleichheit schon immer allgegenwärtig waren. Auch vor gar nicht allzu langer Zeit.

Erinnern wir uns nur an die "Me too"-Kampagne im vergangenen Jahr. Hat da jemals nochmal ein Hahn nach gekräht? "Harvey Weinstein sitzt doch hinter Gittern, also alles gut…" Ja, von wegen. Das Thema ist eben nicht nur in Hollywood und anderen Promi-Kreisen omnipräsent, es ist nicht nur filmisches Drama oder ein Problem der Glamour-Welt, sondern betrifft nahezu jede Frau auf diesem Planeten. Ja, vielleicht ist genau das Jokos und Klaas' Verdienst – dass sie genau dafür endlich ein Bewusstsein geschaffen haben. Wen der 15-Minüter also jetzt tief ins Mark getroffen hat, der hat Normalo-Frauen, die ihre Stimme erheben, bis dato einfach nicht richtig ernst genommen.

Kleiner Exkurs

Und wenn wir schon beim Thema sind: Viele betroffene Frauen versuchen seit Jahren mit Hilfeeinrichtungen auf das Thema hinzuweisen, aber viele versuchen es eben auch nicht. "Selbst schuld", mögen da einige denken. "Dann dürft ihr euch auch nicht beschweren", heißt es immer wieder in der Öffentlichkeit. Aber wundert ihr euch wirklich so sehr, wieso so viele Opfer sexualisierter Gewalt die Vergehen nicht zur Anzeige bringen? Oder die Mädels, denen hinterhergepfiffen wird oder bei denen sich krasse Kommentare oder Nachrichten in den Postfächern häufen?

"Heul doch nicht so rum", denke ich mir selber, während ich diese Zeilen schreibe – weil genau das die Reaktion ist, die man meistens bekommt, wenn man solche Nachrichten, Kommentare, Pfiffe etc. zu nah an sich heranlässt, sich wehrt, sie transparent macht. Die meisten (und konzentrieren wir uns hier wirklich auf Frauen) könnten wahrscheinlich etliche Beispiele vorlegen, auf die sie Antworten wie "Sei doch nicht so prüde", "Du bist wahrscheinlich einfach nur unterv**elt" oder "Selbst schuld, wenn du dich so freizügig zeigst" erhalten haben.

Und letztendlich nehmen viele das so hin, weil sie schon im Kindesalter eingebläut bekommen haben, dass das eben zum Leben einer Frau gehört, dass Weiber grundsätzlich schwächer, dramatischer und dünnhäutiger sind und man leichter fährt, wenn man sich nicht wehrt. Dass man sich nicht zu nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen hat, weil man dann ganz gewiss die männliche Erregung auf sich zieht, weil man dann als billig gilt, weil man dann seinen Wert verliert.

Sie nehmen es hin, weil sie mit jeder neuen Nachricht oder übergriffigen Aktion mehr von ihrem Selbstbewusstsein verlieren und zu sehr mit sich selbst zu kämpfen haben. Weil sie unterbewusst denken, dass sie eh selber Schuld sind. Und ja, es ist auch die Irrelevanz, mit der das Thema in der Vergangenheit betrachtet wurde, wieso Frauen die Klappe halten und sich unsichtbar fühlen.

Eure Hausaufgabe

Nun, wir leben mittlerweile nicht mehr in den 80er oder 90er Jahren, sondern im Jahr 2020. Wir können heute – mehr als früher – Missstände zu Wort bringen, ohne verurteilt zu werden – und doch scheint es hinsichtlich der massiven Reaktion auf "Männerwelten" noch ein ganz schön weiter Weg zu sein.

Wenn sich aber jetzt immer noch Menschen auf der Komplexität des Themas ausruhen (Klar, wo soll man da auch anfangen?), sei gesagt: Es wäre jedem geholfen, wenn jeder bei sich persönlich anfängt oder im Freundeskreis. Genau da passieren nämlich solche Übergriffe, Kommentare, sexuelle Verherrlichungen, Respektlosigkeiten.

Und ganz ehrlich, liebe Jungs, jeder von euch kennt jemanden, der so etwas schon getan hat, beobachtet hat, vielleicht sogar mitgelacht hat, sich dadurch stark gefühlt hat, Frauen auf ihr Aussehen und ihre Outfits reduziert hat - seien es Freunde, Freundesfreunde, Familienmitglieder… Und ich sage bewusst Jungs, denn wer so etwas macht oder akzeptiert, kann kein gestandener Mann sein. Ihr wollte es vielleicht nicht wahrhaben, aber ihr zerstört im schlimmsten Fall damit Menschenleben. Wird also Zeit für eine lebenslange Hausaufgabe. Und ja, Hausaufgaben sind scheiße, geschadet haben sie trotzdem niemandem!

Erste Hilfe

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