Damals war er 6 Jahre alt: "Ich sollte erschossen werden"

Überlebender sagt im Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin Irmgard F. aus

Der KZ-Überlebende Josef Salomonovic berichtet von seinen schlimmen Erlebnissen.
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Der KZ-Überlebende Josef Salomonovic berichtet von seinen schlimmen Erlebnissen. Foto: dpa
© dpa, Marcus Brandt, bra

07. Dezember 2021 - 13:17 Uhr

Anklage: Beihilfe zum Mord in 11.000 Fällen

Am Dienstag ging der Prozess in Itzehoe gegen eine 96 Jahre alte Ex-Sekretärin aus dem Konzentrationslager Stutthof bei Danzig weiter. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen vor. Als Zeuge sagte der 83-jährige Überlebende Josef Salomonovic aus – seine Erinnerungen gehen unter die Haut.

"Da habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen, er hat mich noch geküsst!"

Überlebender sagt im Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin Irmgard F. aus
Der KZ-Überlebende Josef Salomonovic ist selbst im Gerichtssaal erschienen und sagt aus. Quelle: dpa
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Sehr lange habe er gezögert vor Gericht auszusagen, denn eigentlich wollte er Irmgard F. nicht begegnen. Doch er erscheint am Dienstag tatsächlich in Itzehoe: Josef Salomonovic war als Sechsjähriger mit seiner Familie im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig interniert. "Ich wurde degradiert als Parasit. Alle, die nicht arbeiten, sind Parasiten", so der 83-Jährige im Gerichtssaal. Er schildert seine Unwissenheit damals ganz genau: "Ich bin in den Viehwaggon gestiegen und ich wusste natürlich nicht, dass wir nach Ausschwitz fahren, da habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen. Er hat mich noch geküsst!" Auch für seinen Vater sei er extra zum Prozess gekommen.

96-Jährige war vor dem Prozess Ende September geflohen

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Als Sekretärin hat Irmgard F. von 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig gearbeitet. Foto: dpa
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Es ist ein langer und beispielloser Prozess: Als Sekretärin hat Irmgard F. von 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig gearbeitet. Doch die heute 96-Jährige ist offenbar rüstiger als gedacht: Zum ersten Prozesstag Ende September war sie aus ihrem Altersheim in Quickborn geflohen und landete anschließend für ein paar Tage in U-Haft. Irmgard F. hat von Juni 1943 bis April 1945 in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers gearbeitet. Das Verfahren gegen F. findet vor einer Jugendkammer statt, weil die Angeklagte zur Tatzeit erst 18 Jahre alt war.

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"Die SS hat gesagt: Dieser Dreck muss weg!"

Acht Konzentrationslager hat Salomonovic als Kind überlebt. Stutthof sei für ihn aber das schlimmste gewesen. Hier wurde sein Vater mit einer Benzolspritze getötet.Josef Salomonovic ist damit Nebenkläger und Zeitzeuge. "Meine Mutter hat gesagt: Ich habe zwei Bitten, können Sie meinen Sohn aus dem Männerlager ins Frauenlager bringen? Und dann ist das Wunder passiert. Und dann haben sie auch noch meinen Bruder gebracht." Der 83-Jährige ist in Tschechien geboren und wohnt jetzt in Wien. Im Gerichtssaal erinnert er sich noch ganz genau an einen der damals schlimmsten Momente: "Die SS hat gesagt, dieser Dreck muss weg. Das heißt, ich sollte erschossen werden. Doch dann kam das Bombardement in Dresden und deshalb bin ich noch am Leben."

65.000 Menschen gestorben

Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg etwa 65.000 Menschen.

Im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg bereits einen ehemaligen Stutthof-Wachmann zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig - mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

Urteil wird frühestens im Sommer 2022 erwartet

Das Urteil im Prozess wird frühestens im Sommer 2022 erwartet. Die Strafkammer hat insgesamt 27 Verhandlungstermine bis Anfang Juni nächsten Jahres angesetzt. (aan/kst)