Erneut Brandbrief an Hamburger Klinik

Pfleger über Arbeitsbelastung: So hält das keiner bis zur Rente aus

17. Dezember 2021 - 20:31 Uhr

Dringender Appell

Die vierte Welle hat Deutschland fest im Griff – für uns alle ist das eine große Belastung. Und auch für Pflegekräfte in medizinischen Einrichtungen scheint die Situation nicht mehr auszuhalten zu sein. Pflegende des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in Hamburg haben sich deshalb erneut mit einem Brandbrief an die Klinikleitung gewandt – mit einem dringenden Appell.

„Wir können nicht mehr länger warten - Wir brauchen jetzt eine Entlastung“

Es ist schon der zweite Brief, den das Pflegepersonal der intensivmedizinischen Abteilung an die Klinikleitung schreibt. Bereits im August hatten die Mitarbeitenden auf die belastende Situation aufmerksam gemacht. In dem Brandbrief fordern die Pfleger, der anhaltenden Überlastung entgegenzuwirken. Dazu gehöre eine verbindliche Regelung, wie viele Patienten pro Pfleger versorgt werden sollen. Offiziell gilt am Universitätsklinikum die 1:2-Betreuung – sprich: ein Mitarbeiter versorgt maximal zwei Patienten gleichzeitig. Im RTL-Interview erzählt ein Pfleger, dass sie aber eher vier Patienten gleichzeitig versorgen müssten. Der Mann möchte Ralf E. genannt werden. Das ist nicht sein richtiger Name, denn er möchte unerkannt bleiben – aus Sorge vor beruflichen Konsequenzen.

Freie Tage sind ein Luxus

Erschwerend komme noch hinzu, dass es für die Mitarbeiter keine wirklichen freien Tage gebe. Der Grund: Man würde oft angerufen, wenn man einen freien Tag hätte, ob man nicht einspringen könne. Jahrelang hätten die Pflegende das mitgemacht und seien dadurch an ihre Grenzen gekommen. Deshalb ziehen sie jetzt die Konsequenz: Bis zum Jahresende wollen sie aus ihrem Dienstfrei nicht mehr einspringen, wenn Personal kurzfristig ausfällt. Denn: "Wir pochen jetzt auf unser Recht, unser Frei gehört uns."

Mittlerweile sei es für viele Kollegen immer schwieriger, an dienstfreien Tagen sich auch wirklich entspannen zu können. Das weiß auch Ralf E. aus eigener Erfahrung: "Man sitzt dann zuhause und hat gar nicht frei." Er wisse dann genau, dass er wieder einspringen müsse. Laut Ralf E., sei der Zustand nicht mehr länger tragbar, denn: "Ich muss meine Gesundheit, meine Freizeit wegnehmen, um jemand anderen zu helfen. Das ist ein Zwiespalt." Der Pfleger sagt, er müsse körperlich und geistig fit sein, denn nur so könne er seinen Beruf ausüben und auf die diese Weise sicherstellen, dass eine bestmögliche Versorgung der Patienten gewährleistet sei.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Keine echten Verbesserungen?

Das UKE möchte sich zu dem Interview mit Ralf E. nicht äußern, nimmt nur schriftlich Stellung: "Es findet eine tägliche Abstimmung zwischen Ärzt:innen und Pflegenden statt, um die Belegung situativ anzupassen. [...] . Die Pflegepersonaluntergrenzen halten wir in der Intensivpflege im geforderten Monatsdurchschnitt ein. [...] Um dem auch im Gesundheitsbereich bestehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, haben wir Programme und Maßnahmen [...] etabliert und entwickeln diese kontinuierlich weiter." Ralf E. erzählt, es habe seitens der Leitung über Wochen regelmäßig Gespräche mit dem Personal gegeben, aber das sei dann wieder eingestellt worden. Bisher seien kaum deutliche Verbesserung zu spüren.

Job muss wieder attraktiver werden

Laut des Pflegers gebe auch es keinen Fachkräftemangel. Es seien ausreichend viele Pflegekräfte vorhanden, doch die hätten, zum größten Teil, ihren Beruf aufgegeben. Der Grund: Der Job schade vielen psychisch und auch physisch. In seinen Augen müsse man die Arbeit der Pflegenden attraktiver gestalten – die Arbeitsbedingungen verbessern.

Ralf E. und seine Kollegen hoffen, dass die Aktion das Klinikum zum Handeln bewegt. Und auch, dass die Verantwortlichen verstehen, dass das Pflegepersonal mit die wichtigste Rolle bei der Versorgung von Patienten ist. Die Verantwortung sieht Ralf E. aber vor allem bei der Politik.(dho/srö)