Zustände sind kein Einzelfall

"Patienten liegen in eigenen Fäkalien": Hamburger Pflegekräfte schreiben Brandbrief

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
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01. Oktober 2021 - 13:23 Uhr

"Das ist nicht menschenwürdig"

Wer auf der Intensivstation liegt, ist oft völlig hilflos und auf eine bestmögliche Pflege angewiesen. Doch das Pflegeteam der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) prangert jetzt erschreckende Zustände an, unter denen nicht nur die Patienten leiden, sondern auch die Pfleger.

„Aufgaben der Grundpflege entfallen oft komplett“

Einer der Brandbriefe an die Klinikleitung.
Einer der Brandbriefe an die Klinikleitung
© RTL Nord

"Die Pflege war schon vor der Pandemie am Limit. Ist mittlerweile an einem Punkt angekommen, für den es von meiner Seite keine Wörter mehr gibt: Limit, Maximum, Belastungsgrenze, am Abgrund", versucht ein Intensivpfleger am UKE die Situation zu beschreiben. Er selbst möchte unerkannt bleiben. Er und auch seine Kolleginnen und Kollegen haben seit August bereits mehrere Brandbriefe an ihren Arbeitgeber verfasst, in denen es heißt: "Aufgaben der Grundpflege entfallen oft komplett oder können nur im nicht ausreichenden Maße ausgeführt werden. Leider passiert es des Öfteren, dass Patient:innen eine beträchtliche Zeit in ihren eigenen Fäkalien liegen müssen."

Patienten klingeln vergeblich

Der Intensivpfleger berichtet im RTL-Interview, dass Patienten über lange Zeit mit einem Hilfegesuch vergeblich nach ihm klingeln würden, während er aber noch an einem anderen Bett einen Schwerkranken versorgen müsse. "Wenn ich in ein Krankenhaus gehe und bin auf Hilfe angewiesen und es kommt keiner, da bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich nicht mehr sicher fühlen kann. Und diese Sicherheit muss ich haben als Mensch, der in ein Krankenhaus geht."

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Appell an Koalitionsverhandlungen

Stefanie Ullmann von Verdi Hamburg.
Stefanie Ullmann von Verdi Hamburg
© RTL Nord

Diese Zustände sind nicht nur am UKE ein großes Problem. Um das zu lösen, fordern viele Pflegekräfte seit langem eine Abkehr vom Profitdenken im Gesundheitswesen. Sie wollen stattdessen mehr Wertschätzung für ihre Arbeit am Bett des Patienten. "Das ist ein bundesweites, strukturelles Problem", sagt Stefanie Ullmann von Verdi Hamburg. "Jetzt muss aber Schluss sein, Probleme in der Pflege weiterhin auf die lange Bank zu schieben." Sie drängt auf Verbesserungen, damit die Pflegekräfte ihrem Beruf treu und bis Ende ihrer Dienstzeit gesund bleiben. "Und das ist natürlich auch ein großer Appell von Verdi an die aktuellen Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene."

Pfleger machen auf sich aufmerksam

Seit Monaten machen die Hamburger Pflegekräfte auf sich und die schwierige Situation aufmerksam. Besonders Pflegerin Romana Knezevic fand mitten in der Corona-Krise deutliche Worte. "Es gibt Patientinnen und Patienten, die alleine sterben müssen. […] Es ist leider auch so, dass wir teilweise noch Aufgabenbereiche der Reinigungs- und Servicekräfte übernehmen müssen, weil auch in diesen Bereichen kaputt-gespart wurde", so Knezevic im RTL-Interview im Dezember. Wegen ihrer Anschuldigungen drohte ihr Arbeitgeber, die Asklepios Klinik St. Georg, zwischenzeitlich sogar mit der Kündigung.

Klinikum will handeln

Das UKE ist inzwischen zumindest auf seine Intensivpfleger zugegangen. Die Klinik will jetzt unter anderem weniger Betten auf der Intensivstation belegen. In einer Mitteilung heißt es: "Diese Gespräche werden auch weiterhin stattfinden, um die Belegung der Betten bedarfsgerecht zu steuern, damit unsere Patient:innen bestmöglich versorgt und unsere Mitarbeitenden bestmöglich entlastet werden."

Der Intensivmediziner, der sich dem Brandbrief angeschlossen hat, ist überzeugt: Wenn die Bedingungen sich tatsächlich verbessern, würden auch wieder mehr Menschen in der Pflege arbeiten wollen. Denn eigentlich, so sagt er, sei es ein wirklich toller Job, Menschen zu helfen. (nid)