Kommt jetzt das Gutachten, das die Katholische Kirche erbeben lässt?

In der Dusche wartete der nackte Pater mit offenem Bademantel - Missbrauchsopfer erzählt

19. März 2021 - 12:40 Uhr

Vor der Villa wird Patrick Bauer übel

Wenn Patrick Bauer vor der Villa "Stella Rheini" in Bonn steht, dann wird ihm übel. Hier lebte er während seiner Zeit als Schüler des Aloisiuskollegs von 1980 bis 1983. Im selben Haus übernachtete der Schulleiter. Der Pater duschte mit den Jungen und empfing sie nackt mit offenem Bademantel. Bauer war Sprecher des Beirats von Betroffenen sexualisierter Gewalt beim Erzbistum Köln. Im November 2020 trat er zurück, als es Streit darüber gab, eine Missbrauchsstudie des Erzbistums zu veröffentlichen. Am Donnerstag will Kölns Kardinal Woelki ein neues Gutachten vorstellen, von dessen Inhalt nicht nur seine eigene Zukunft abhängt. Bauer hofft auf Einsicht und Aufklärung.

Missbrauchsopfer: "Wir dachten, das sei völlig normal"

Patrick Bauer: Es muss deutlich gemacht werden, warum das geschehen konnte und warum das so lange geschehen konnte.“
Patrick Bauer: Es muss deutlich gemacht werden, warum das geschehen konnte und warum das so lange geschehen konnte.“
© RTL

"Wer es hätte sehen wollen, hätte es gesehen", sagt Bauer über die Zeit in der umgebauten Gründerzeitvilla, vor der er jetzt steht. Nichts deutet heute noch auf das Grauen hin, das sich über Jahrzehnte hinter den Mauern abspielte. Hier lebte der Pater als einziger Erwachsener Tür an Tür mit seinen Schülern. An den Wänden hatte er Bilder von nackten Jungs im Gegenlicht aufgehängt. "Mir ist nie wieder in meinem Leben ein so charismatischer Mensch begegnet", sagt Bauer über seinen Peiniger. Ihm sei es gelungen, seine pädophilen Bedürfnisse in einen künstlerischen Gesamtzusammenhang zu setzen. "Der Geist, den er eingebracht hat: Es gibt eine gewisse Kultur des griechischen Adonis und der Freizügigkeit und dadurch wurden wir erzogen", erklärt Bauer. "Wir dachten, das sei völlig normal."

Am Anfang habe es ganz subtil begonnen, erzählt er. Einmal seien die Jungs mit dem Pater zelten gewesen, alle mit freiem Oberkörper. Einer sei an einen Baum gefesselt worden. "Los, wir machen dem jetzt einen Lendenschurz", habe der Pater gerufen. Die Gruppe sammelte Blätter. "Dann sagte er: 'Zieht dem mal die Hose runter!'", erinnert sich Bauer. Währenddessen habe der Pater alles fotografiert. Ein anderes Mal sei ein Mitschüler gehänselt worden. Als der Pater das mitbekam, hätten sich alle bis auf den betroffenen Jungen ausziehen müssen. Dieser habe dann die anderen mit Fingerfarbe anmalen dürfen, um sie zu "bestrafen". Wieder wurde alles fotografiert.

Man wusste nie, was passiert

Villa "Stella Rheini" in Bonn - hier wurden Jungen jahrzehntelang missbraucht.
Villa "Stella Rheini" in Bonn - hier wurden Jungen jahrzehntelang missbraucht.
© RTL

An den Jungen vergangen habe sich der Pater aber immer nur, wenn er mit einem allein gewesen sei. Bauer sei oft nach dem Tennis abgefangen worden, dann ging es unter die Dusche. Nachts seien die Jungen einzeln aus den Zimmern geholt worden. "Wenn er sagte: 'Komm mal mit', wusste man nie, was passiert", sagt Bauer. Manchmal sei er in den schönsten Raum der Villa gesetzt worden mit einer Packung Eis. Manchmal ging es aber auch ins Büro des Paters. Was dort passierte, darüber möchte Bauer nicht mehr sprechen.

Viele der anderen Schüler hätten dem Missbrauch nicht standgehalten und seien von der Schule gegangen. "Wir waren 21 Schüler, von diesen haben 7 Abitur gemacht. Alle anderen sind auf dem Weg dahin verlorengegangen", erzählt Bauer. Auf die Frage, warum niemand etwas erzählte, sagt er, der charismatische Pater sei von vielen Eltern regelrecht angehimmelt worden. "Meine Eltern fanden den so toll. Ich war mir sicher, mir glaubt kein Mensch, wenn ich jemandem etwas davon erzähle", so Bauer. Sein Peiniger starb 2010. Obwohl die zentralen Vorwürfe gegen ihn bekannt waren, bekam er ein Begräbnis erster Klasse und wurde im mittlerweile stillgelegten Ehrenhain oberhalb der Villa bestattet.

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Obwohl die Vorwürfe gegen den Leiter des Aloisiuskollegs bekannt waren, bekam er ein Begräbnis auf dem "Ehrenhain" hinter der Villa.
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© RTL

Verschwiegen und vertuscht wurde viel in der katholischen Kirche. Obwohl mittlerweile klar ist, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Tausende von Jungen und Mädchen durch katholischer Priester missbraucht worden sind, ist noch kein einziger deutscher Bischof deshalb zurückgetreten. Jetzt könnte es allerdings ernst werden. Seit der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki 2020 ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Gutachten unter Verschluss hielt, treten so viele Mitglieder aus, dass das Kölner Amtsgericht mit der Terminvergabe nicht mehr hinterher kommt. In dem seit einem Jahr fertigen Dokument wird untersucht, wie Bistumsverantwortliche in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester umgegangen sind. Woelki hält das Gutachten für mängelbehaftet und "nicht rechtssicher". Deshalb hat er bei dem Strafrechtler Björn Gercke eine neue Untersuchung in Auftrag gegeben - eben jene wird am Donnerstag vorgestellt.

Gercke listet in seinem Gutachten mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte auf. In einem Fall könnte auch Woelki selbst mit dem Vorwurf der Vertuschung konfrontiert werden. Er soll den mittlerweile gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. gedeckt haben, dem der Missbrauch eines Kindergartenjungen Ende der 1970er Jahre zur Last gelegt wird.

Das erwartet Bauer vom Gutachten

Auch für Kardinal Rainer Maria Woelki könnte es jetzt ernst werden.
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© dpa, Marcel Kusch, mku wst pil

Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, hatte er sich entschieden, nichts gegen O. zu unternehmen. Die Begründung: O. sei aufgrund seiner Demenz nicht vernehmungsfähig. Wieder einmal entstand der Eindruck, dass katholische Würdenträger nur dann etwas zugeben, wenn sie nicht mehr anders können.

Bauer hofft, dass damit am Donnerstag endlich Schluss ist. "Mir ist es so wichtig, dass die Hintergründe aufgeklärt werden. Denn Täter gibt es überall. In der Familie. Im Sportverein. Aber die katholische Kirche hat das zugelassen und diese Männer, die den Missbrauch begangen haben, weiter geschützt. Ich möchte, dass das aufgeklärt wird, weil ich das für mich brauche. Es muss deutlich gemacht werden, warum das geschehen konnte und warum das so lange geschehen konnte."