Prozessbeginn gegen Fake-Millionärin aus NRW

Partys, Luxus und Lügen: Anna Sorokins großer Auftritt vor New Yorker Gericht

04. Dezember 2019 - 17:51 Uhr

Anna Sorokin führte alle hinters Licht

Abendessen für Tausende Dollar. Privatjets. Urlaub in Marokko für 7.000 Dollar pro Nacht. Glaubt man Berichten über den Lebensstil von Anna Sorokin, könnte man sie - wie sie selbst wohl behauptete - für eine schwerreiche Erbin halten. Doch die Lebensgeschichte der 28-Jährigen steckte voller Lügen, mit denen sie das Vertrauen der New Yorker High Society gewann und ihre Opfer um mehr als eine Viertelmillion Dollar (etwa 240.000 Euro) betrogen haben soll. Nun hat der Prozess gegen die mutmaßliche Hochstaplerin begonnen - und es kommen immer mehr Details ans Licht. Mehr dazu im Video. 

"Sie hatte ein engelhaftes Gesicht mit blauen Augen und Schmollmund"

Die Geschichte von Anna Sorokin liest sich wie das Abschlusskapitel im Meisterkurs für Trickbetrüger. Mit einer Kombination aus Lügen, selbstsicherem Auftreten, gefälschten Dokumenten und Ausreden soll sie Bekannte, Hotels, Restaurants und Banken reihenweise hinters Licht geführt haben. 

Die 28-Jährige wurde nahe Moskau geboren, zog im Alter von 16 Jahren mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder nach Deutschland und ging in Eschweiler in der Nähe von Köln zur Schule. "Sie hatte ein engelhaftes Gesicht mit blauen Augen und Schmollmund", schreibt Fotoredakteurin Rachel Deloache Williams vom Magazin "Vanity Fair", die Sorokin um 62.000 Dollar (55.000 Euro) betrogen haben soll. 2013 zog sie schließlich nach New York und legte sich dort den Namen Anna Delvey zu. 

"Treuhandfonds-Kids rennen überall herum"

Niemand wusste offenbar, woher diese Anna kam oder woher sie all das Bargeld hatte, mit dem sie neue Bekannte zu teuren Essen einlud. Sie schien geschickt darin, sich mit den richtigen Leuten an den richtigen Orten zu umgeben. "Treuhandfonds-Kids rennen überall herum. Jeder ist dein bester Freund und du weißt über niemanden etwas wirklich", sagt Marketing-Experte Tommy Saleh, der Sorokin 2013 in Paris während der Modewoche kennenlernte. Auf Kunstmessen und in Galerien mischte sie sich unters Volk.

Der Haken war nur: Anna Delvey gab es nicht, und Anna Sorokin zahlte ihre Rechnungen nicht. Laut Staatsanwaltschaft fälschte sie Schecks, beglich Schulden nicht und legte bei Banken gefälschte Unterlagen vor, um etwa einen Kredit über 22 Millionen Dollar (20 Mio Euro) zu sichern.

Sie gab an, auf deutschen und schweizerischen Konten über mindestens 60 Millionen Euro zu verfügen. Sie sprach davon, einen Privatclub mit Filialen in Los Angeles, London, Hong Kong und Dubai öffnen zu wollen. Zur Höchstform ihrer Trickserei lief sie laut Ermittlern zwischen November 2016 und August 2017 auf.

Ihr Leben soll bald verfilmt werden

Beim Prozessauftakt am Mittwoch wirkt Sorokin gefasst, tupft sich aber Tränen aus den Augen. Im schwarzen Kleid und Absatzschuhen ist sie in den Gerichtssaal gekommen. Von einem "kalkulierten System, um ihren Opfern ein Gefühl von Sicherheit zu geben", spricht Staatsanwältin Kaegan Mays-Williams. Mal habe Sorokin Freunden gesagt, ihre Kreditkarte vergessen zu haben, mal habe sie deutsche Feiertage oder die Zeitverschiebung für eine ausbleibende Überweisung verantwortlich gemacht. "Die Angeklagte gab allen und allem die Schuld außer sich selbst", sagt Mays-Williams. Verteidiger Spodek hält dagegen. "Anna hat für ihren Weg gezahlt - und wenn sie das nicht konnte, tat es jemand anders." Die Welt stecke voller Heuchler, sagt Spodek.

Im Fall einer Verurteilung droht ihr eine jahrelange Haftstrafe. Unabhängig vom Urteil könnte sie nach Deutschland abgeschoben werden, da sie ihr 90 Tage gültiges Visum für die USA nach Angaben der Polizeibehörde bereits überzogen hat.

Der spektakuläre Fall hat längst das Interesse Hollywoods geweckt: TV-Produzentin Shonda Rhimes will die Geschichte für Netflix in eine Serie verwandeln, parallel ist ein Titel mit Jennifer Lawrence oder Margot Robbie als Sorokin in der Hauptrolle im Gespräch. Glaubt man Medienberichten, hat Sorokin auch dort bereits die Finger im Spiel.

mo