Lockdown statt Lockerung

RKI-Chef Wieler: "Die vierte Welle hat begonnen"

RKI-Chef Wieler spricht sich für die Beibehaltung des Inzidenzwertes aus
RKI-Chef Wieler spricht sich für die Beibehaltung des Inzidenzwertes aus
© REUTERS, POOL, ZWO

29. Juli 2021 - 14:25 Uhr

Neues Papier befeuert Debatte

Mit Sorge schauen Politik und Gesundheitsexperten Richtung Herbst. Denn die Coronazahlen steigen wieder und eine vierte Welle könnte einen neuen Lockdown bringen. Viele Länderchefs fordern deshalb schon jetzt eine gemeinsame Strategie. Doch wie die aussehen soll, ist noch unklar. Ein neues Papier von RKI-Chef Lothar Wieler bringt jetzt neuen Zündstoff für die Diskussion.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Inzidenz - Ja oder Nein?

Es ist eine Debatte um die Grundsätze der Coronapolitik der nächsten Monate: Soll die Inzidenz der wichtigste Indikator in der Pandemie bleiben oder nicht? Geht es nach Gesundheitsminister Jens Spahn könnten schon bald auch andere Faktoren, wie z.B. die Auslastung der Krankenhäuser eine wichtigere Rolle spielen. "Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft, wir benötigen nun noch detailliertere Informationen über die Lage in den Kliniken", so Spahn vor wenigen Tagen.

Auch die SPD-Ministerpräsidentinnen von Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern Malu Dreyer und Manuela Schwesig fordern einen neuen "Warnwert" zur Bewertung der Corona-Lage. "Ich unterstütze den Vorschlag, dass sich Bund und Länder auf einen neuen bundeseinheitlichen Warnwert zur Coronalage verständigen, ausdrücklich", sagte Schwesig den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Wir müssen zukünftig stärker Impfungen und Krankenhausbelastungen berücksichtigen."

Wieler: "Die vierte Welle hat begonnen"

Das sieht der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler gänzlich anders. "Eine steigende 7-Tage-Inzidenz ist und bleibt der früheste aller Indikatoren. Die 7-Tage-Inzidenz bleibt wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren", schreibt Wieler in einem Papier an die Ministerpräsidenten der Länder.

Das hatte vor gut zwei Wochen noch ganz anders geklungen. Damals setzte sich Wieler für eine Neubewertung des Inzidenzwertes ein. Jetzt die Kehrtwende.

Wieler stützt seine Argumentation jetzt darauf, dass noch immer gut die Hälfte der Deutschen nicht vollständig geimpft ist und auch die Infektionszahlen seit Anfang Juli wieder Stück für Stück steigen. "Je mehr Fälle auftreten, desto mehr schwere Verläufe (Krankenhauseinweisungen/ITS) und Todesfälle werden – mit etwas Zeitverzug – registriert", so Wieler.

Er schließt seine Resümee der aktuellen Lage mit den Worten: "Die vierte Welle hat begonnen."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:
 Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, reist nach Genf zur WHO. 15.07.2021, Berlin Deutschland *** Federal Minister of Health Jens Spahn, CDU, travels to Geneva for WHO 15 07 2021, Berlin Germany Copyright: xThomasxKoehler/photothek.dex
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fordert eine Abkehr von der Inzidenz.
© imago images/photothek, Thomas Koehler/photothek.de via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Politik fordert Abkehr von der Inzidenz

Folgt man jedoch der Argumentation von Spahn, Schwesig und Co. wird es gar nicht erst zu einer steigenden Anzahl an Krankenhauspatienten kommen. Weil die Älteren nämlich mehr und mehr geimpft sind und die Jüngeren nur selten schwer erkranken (und im Krankenhaus behandelt werden müssen), könne Deutschland auch eine höhere Inzidenz durchaus verkraften, ohne dass das Gesundheitssystem kollabiert.

+++ Inzidenz, R-Wert und Hospitalisierungsrate: Was bedeutet welcher Corona-Wert? +++

Mit anderen Worten: Die Politiker machen sich für eine Anhebung oder sogar eine Abkehr von der Inzidenz stark, weil Neuinfektionen hauptsächlich die ungeimpfte junge Bevölkerung treffen würde, die allerdings viel seltener schwer erkrankt.

Wieler hält in seinem Schreiben dagegen: "Hohe Impfquoten alleine sind nicht ausreichend die vierte Welle flach zu halten."

Auch Söder besorgt wegen Entwicklung

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte sich diesbezüglich besorgt gezeigt. Auf die Frage, ob alle nun ergriffenen Maßnahmen reichen, um eine vierte Welle abzuwenden, sagte Söder: "Nein, ich glaube nicht." Er fügte hinzu: "Wir dürfen deshalb nicht einfach in den Herbst hinein stolpern. Wir brauchen vorher eine klare Linie."

Die fordert laut "Bild"-Zeitung auch Kanzleramtschef Helge Braun. Bis zur Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin will er das Thema geklärt haben. Es könnten erneut zähe Verhandlungen werden.

AUDIO NOW Podcast Empfehlung zum Thema Corona

Auch interessant