Er soll mit über 100 Faxen und Mails Promis bedroht haben

"NSU 2.0"-Drohschreiben: Zugriff bei Arbeitslosem in Berlin

04. Mai 2021 - 17:30 Uhr

Mutmaßlicher Verfasser festgenommen

Haben sie den Richtigen? Die Polizei hat in Berlin einen 53 Jahre alten Mann festgenommen, der hinter den "NSU 2.0"-Drohschreiben stecken soll. In den widerlichen Mails oder Faxen wurden vor allem prominenten Frauen mit dem Tode und Vergewaltigungsphantasien gedroht.

Drohschreiben-Serie läuft seit fast drei Jahren

Der 53-jährige erwerbslose Mann deutscher Staatsangehörigkeit stehe im dringenden Verdacht, "seit August 2018 unter dem Synonym "NSU 2.0" bundesweit eine Serie von Drohschreiben mit volksverhetzenden, beleidigenden und drohenden Inhalten verschickt zu haben". Das teilten die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Hessische Landeskriminalamt in der Nacht zu Dienstag mit.

21.04.2021, Hessen, Wiesbaden: Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Landtag von Hessen und Co-Vorsitzenden der Linkspartei, steht nach einer Pressekonferenz im hessischen Landtag. Sie kündigte an, dass sie sowohl auf der Lande
Die Bundeschefin der Linken Janine Wissler hat eine ganze Reihe an Drohmails erhalten.
© dpa, Sebastian Gollnow, scg axs

Empfänger waren Promis vor allem aus der Medienwelt und der Politik, darunter auch Abgeordnete des Hessischen Landtags und des Bundestags. Heikel war der Fall auch deswegen, weil der oder die Täter sich offenbar Insiderwissen der Polizei zunutze machen konnten.

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung soll der Mann bei Behörden angerufen und sich dort als Kollege ausgegeben haben, um Daten zu erfragen. So sei er an gesperrte Privatadressen und Daten der Empfänger seiner Schreiben gekommen.

Der Verfasser fühlte sich offenbar sehr sicher, nicht erkannt zu werden. So setzte er beispielsweise in Mails an Linken-Chefin Janine Wissler gleich die zuständigen Abteilungen des ermittelnden Landeskriminalamtes in CC.

NSU 2.0: Mutmaßlichder Verfasser der Schreiben polizeibekannt

Der Verdächtige ist den Sicherheitsbehörden kein Unbekannter: Er wurde bereits in der Vergangenheit wegen zahlreicher - unter anderem auch rechtsmotivierter - Straftaten rechtskräftig verurteilt. Die Ermittler betonen, dass er zu keinem Zeitpunkt Bediensteter einer Polizeibehörde gewesen sei. "Das Team um den polizeilichen Sonderermittler Hanspeter Mener hat zehn Monate lang nichts unversucht gelassen, um den mutmaßlichen Täter aus der Anonymität des Darknets zu reißen", sagt Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) nach der Festnahme.

Die bei der Durchsuchung am Montag sichergestellten Datenträger würden nun ausgewertet, zudem werde unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, der Bedrohung sowie der Beleidigung ermittelt.

Auch Trittbrettfahrer verschickten Mails mit dem Kürzel "NSU 2.0"

ARCHIV - 15.07.2016, Hessen, Mainz-Kastel: Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU,l) und der hessische Landespolizeipräsident Udo Münch beobachten eine Übung der Polizei.  (zu dpa «Innenminister Beuth stellt Kriminalstatistik 2018 vor» vom  13.
Innenminister Peter Beuth (links) wurde heftig für die schleppende Ermittlung zum "NSU 2.0" kritisiert. Der damalige Landespolizeipräsident Udo Münch (rechts) wurde im Zuge der Affäre in den vorzeitigen Ruhestand vesetzt.
© dpa, Boris Roessler, brx gfh rho

Mitte März hatte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) von insgesamt 133 verschickten Drohschreiben berichtet. 115 dieser Schreiben rechneten die Ermittler dem Tatkomplex "NSU 2.0" zurechnen. 18 Schreiben seien mutmaßlich von Trittbrettfahrern verfasst und versendet worden.

Weil unmittelbar vor den Schreiben persönliche Daten der bedrohten Promis an Polizeicomputern abgerufen wurden, geriet die Polizei an sich ins Visier. "Die Drohschreiben hatten einen sehr schwerwiegenden Verdacht auf die Polizei gelenkt", erklärt Beuth dazu, "Nach allem was wir heute wissen, war nie ein hessischer Polizist für die NSU 2.0-Drohmailserie verantwortlich." Dennoch wolle er aus der Drohmail-Affäre Lehren für die Sicherheitsbehörden ziehen.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann freute sich über die Festnahme: "Wenn sich der dringende Tatverdacht bestätigt, ist dies eine großartige Nachricht für die Opfer, aber auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Hass, Hetze und Drohungen werden nicht die Oberhand gewinnen."

Quelle: DPA/RTLde

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