Deutscher Krebsforscher ist skeptisch

Neue Studie behauptet: Gold hat das Potenzial, Krebs zu heilen

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19. September 2019 - 15:20 Uhr

Wundermittel oder zu hohe Erwartungen?

Es klingt fast wie das Wunderheilmittel, auf das die Welt die ganze Zeit gewartet hat: Forscher der RMIT University in Melbourne (Australien) wollen Krebs künftig mit Molekülen auf Goldbasis behandeln. Diese sollen bis zu 24-mal effektiver sein als eine Chemotherapie – und das bei weniger Nebenwirkungen. Doch ganz so einfach ist es nicht: Dr. Nikolas Gunkel vom Deutschen Krebsforschungszentrum erklärt, warum.

Gold habe „unglaubliches Potenzial" in der Krebsbekämpfung

Das Team rund um Dr. Neda Mirzadeh veröffentlichte nun seine Ergebnisse im Magazin "Chemistry - A European Journal". Labortests und Tierversuche mit dem Wirkstoff zeigten, dass die Goldmoleküle bestimmte Krebszellen zerstören, ohne dabei auch gesunde Zellen anzugreifen. Sie seien sehr viel gezielter und stabiler als beispielsweise der Wirkstoff Cisplatin, der bisher häufig bei der Chemotherapie zum Einsatz kommt und sehr viele Nebenwirkungen hervorrufen kann, verrät Studienautorin Mirzadeh.

Die Goldmoleküle wurden in den vorklinischen Studien bisher gegen Prostata-, Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebszellen sowie gegen die Zellen bösartiger Melanome (z. B. auf der Haut) eingesetzt. Bei den Tierversuchen minderten die Moleküle auf Goldbasis das Wachstum der Tumore um bis zu 46,9 Prozent – im Gegensatz zu 29 Prozent mit Cisplatin, wie "ScienceDaily.com" berichtet. 

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass es hier unglaubliches Potenzial für die Entwicklung neuer krebsbekämpfender Therapeutika gibt, die anhaltende Stärke und Präzision bieten." Außerdem entwickelten Krebszellen gegen die bisherigen metallbasierten Wirkstoffe der Chemotherapie oft Resistenzen. Dieses Risiko sei bei den Goldmolekülen kleiner.

Deutscher Krebsforscher: „Zu früh, um ‚Hurra‘ zu schreien“

Dr. Nikolas Gunkel vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) steht der neuen Studie hingegen kritisch gegenüber. "Hinsichtlich der Entwicklungszeit, die Substanzen zur Krebsbekämpfung bis zu einer Anwendung beim Menschen benötigen, ist diese Studie noch keine fünf Prozent gegangen. Es ist also noch viel zu früh, um 'Hurra' zu schreien."

Weiterhin sei das Experiment extrem oberflächlich durchgeführt worden und deshalb nicht aussagekräftig: "Es wurden hier nur sechs Zelllinien untersucht, die laut Studie alle wichtigen Krebsarten repräsentieren – das tun sie aber nicht. Zum Vergleich: Am DKFZ führen wir solche Versuche mit bis zu 90 Zelllinien durch, bevor wir eine vorsichtige Aussage über die klinische Wirksamkeit wagen."

Auch die Wirksamkeit der getesteten Goldsubstanz sieht Dr. Gunkel nicht als bewiesen: "Das Tumorwachstum konnte beim Versuch an Mäusen nur verringert werden, nicht gestoppt. Das reicht aber nicht; alle Tiere wären letztendlich trotzdem gestorben. Da die Wirkung beim Menschen grundsätzlich geringer ist als in einem optimierten Mausmodell, ist eine erfolgreiche Übertragung hier eigentlich aussichtslos."

„Vielversprechende Erfolge in der Zukunft durchaus vorstellbar“

Versuche mit Gold werden laut Dr. Gunkel schon seit vielen Jahren durchgeführt – bisher konnte aber keiner der Wirkstoffe erfolgreich in einer Krebsklinik eingesetzt werden. Grundsätzlich verteufeln will der Experte das Potenzial des Edelmetalls in der Krebsbehandlung aber ausdrücklich nicht: "Es ist schon vorstellbar, dass in der Zukunft eine vielversprechende Goldsubstanz entwickelt wird. Aber der Wirkstoff aus der jetzt veröffentlichten Studie wird es definitiv nicht sein."

Viele Forscher wollen die toxische Chemotherapie überflüssig machen

Eine weitere Möglichkeit, um Krebs ohne Chemotherapie zu bekämpfen, stellte ein Team der Northwestern-University im US-Bundesstaat Illinois im letzten Jahr vor. Den Forschern gelang es, den "Kill-Code" zu entschlüsseln, mit dem sich Zellen selbst zerstören – die Wissenschaftler hoffen, diesen künstlich herzustellen und in Krebszellen zu injizieren. Mehr dazu hier!