Neue Quarantäneregelung stellt Reisende vor Probleme

12 Tage frei nehmen für 7 Tage Urlaub: Was wird jetzt aus dem Herbsturlaub?

Aufgrund der vielen Beschränkungen, die es wegen Covid19 in einigen Reiseländern gibt, möchten viele lieber von ihrer Urlaubsreise zurücktreten
© dpa, Emilio Morenatti, EM vco

22. September 2020 - 9:57 Uhr

5-tägige Pflichtquarantäne für Reiserückkehrer aus Risikogebieten

Bis zum 15.9. konnten sich alle Reiserückkehrer aus Risikogebieten kostenlos auf das Virus testen lassen. Jetzt ist damit Schluss, denn durch die Regelung stießen die Labore an ihre Grenzen: Engpässe bei den Materialien und Rückstaus bei den Auswertungen machten deutlich, dass eine andere Lösung her musste. Ab dem 1.10. gilt: Jeder Rückkehrer aus einem Risikogebiet muss sich in Quarantäne begeben und kann diese nach frühestens fünf Tagen mit einem negativen PCR-Test beenden. Ob mit oder ohne Symptome – das gilt für jeden.

Für Urlauber, die gar schon zu Anfang des Jahres ihren Herbsturlaub geplant und gebucht haben, war diese Regelung da noch nicht abzusehen und stellt sie nun vor große Schwierigkeiten und Sorgen. So geht es auch Stefanie Dettmann aus Neumünster, Anita Niesen aus Gerolstein und Uwe Knoll aus Glauchau.

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Platzt der Traum vom Herbsturlaub in Hurghada?

Junge Frau sitzt am Meer, Hurghada, Aegypten, Afrika
Hurghada ist sonst ein beliebtes Urlaubsziel.
© picture alliance / Arco Images, F. Schneider

Stefanie Dettmann hat bereits im Januar ihren Herbsturlaub für sich, ihre Söhne Max und Paul und ihren Freund Marek Barcz beim Reiseveranstalter FTI gebucht. Im Oktober sollte es nach Ägypten gehen. Lange darauf hingespart, wollten es sich die Vier im Urlaubsort Hurghada so richtig gut gehen lassen. Und das haben sie sich auch was kosten lassen: Eine Woche im Hotel "Desert Rose" kostet 3.869 Euro (Anzahlung von 1547 €).

Urlaub lieber nicht antreten?

Frau sitzt mit zwei Jungs auf eienr Couch
Stefanie Dettmann mit ihren Söhnen Max und Paul in ihrer Videobotschaft an uns.
© RTL

Im April versucht Stefanie bereits in Erfahrung zu bringen, wie es mit ihrer gebuchten Ägyptenreise aussieht. Im Reisebüro bittet man sie, abzuwarten. Doch als sich Anfang August die Lage nicht zu bessern scheint, setzt sie sich erneut mit Reisebüro und Veranstalter in Verbindung. Am liebsten würde sie die Reise nicht antreten. Jedenfalls nichts jetzt. Doch eine Lösung kann mit dem Reiseveranstalter nicht gefunden werden: FTI gestattet keine kostenfreie Stornierung, weder eine Umbuchung, noch eine Gutschrift, die die Familie im nächsten Jahr einlösen könnte.

Quarantänepflicht vs. Schulpflicht

"Dieser Erholungsurlaub ist nur Stress, verbunden mit Angst und einem großen Loch, das mein hartverdientes Geld schluckt", schreibt die alleinerziehende Mutter dem RTL-Urlaubsretter-Team in ihrem Hilferuf. "Ich will weder unsere Gesundheit aufs Spiel setzen, noch Covid-19 verbreiten und definitiv ist es mir finanziell nicht möglich, in einer Quarantäne auf Lohn zu verzichten", heißt es weiter in der Nachricht der 39-Jährigen. Auch ihre Jungs hätten ab dem 19.10. wieder Unterricht. Im Falle einer 5-tägigen Quarantäne nach ihrer Rückkehr müssten sie aber bis zum 22.10. in Quarantäne bleiben. Was ist die Lösung einer solchen Situation, die der Familie nicht den lang ersehnten und hart zusammengesparten Urlaub streichen würde? Denn wenn sie die Stornokosten tragen müssten, könnten sie sich dieses Jahr keinen anderen Urlaub mehr leisten.

Was Lehrern und Schülern drohen kann, wenn sie die Quarantänepflicht nicht mit den Ferien abdecken können, lesen Sie hier.

Trotz Kundentreue kaum Kulanz

Mann und Frau stehen auf Wiese
Uwe und Christiane in ihrer Videobotschaft an uns.
© RTL

Sogar Kundentreue zahlt sich in diesen Situationen nicht aus, wie uns Uwe Knoll aus Glauchau in Sachsen berichtet. Seit Jahren fährt der Antiquitätenhändler mit FTI in die Türkei. Auch den diesjährigen Aufenthalt mit seiner Frau Christiane und seinen Enkelkindern Selina und Julien buchte der 60-Jährige bereits Anfang Januar. Neben der Angst um eine mögliche Ansteckung auf der Reise stehen Uwe und Christiane vor einem ähnlichen Problem wie Stefanie Dettmann: Im Falle einer Quarantäne könnten die Kinder einige Unterrichtsstunden verpassen.

Knappe drei Wochen in Quarantäne möglich

A medical worker administers a PCR test to a resident of the Basque town of Azpeitia, Spain, amid a localised outbreak of the coronavirus disease (COVID-19), August 17, 2020. REUTERS/Vincent West
Vor der Ausreise aus der Türkei muss immer noch ein PCR-Test gemacht werden.
© REUTERS, VINCENT WEST, VPW

Denn für die Türkei gilt immer noch: Ausreise nur mit negativem PCR-Test. Sollte sich eines der Kinder oder beide Erwachsenen mit Covid-19 anstecken, droht eine Quarantäne noch in der Türkei von höchstens 14 Tagen. Hinzu kämen weitere fünf Tage Quarantäne in Deutschland. Unter diesen Umständen möchte die Schwiegertochter ihre Kinder ohnehin nicht mitreisen lassen und generell ist ein solcher Urlaub mit viel Ungewissheit und daher mit wenig Entspannung verbunden. Doch nichts da: Keine kostenlose Stornierung, Umbuchung oder Gutschrift seitens des Veranstalters möglich. "Unter diesen Voraussetzungen wäre ich doch niemals eine Buchung eingegangen", beschwert sich Uwe.

Die Fälle häufen sich

Anita Niesen aus Gerolstein macht ähnlich schlechte Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter. Bei Aurum-Tours hat die 70-Jährige ebenfalls bereits im Januar zwei Türkeiurlaube in Kemer gebucht. Für den Urlaub, den sie mit ihrem Mann Wolfgang, ihrem Patenkind Karolin, ihrer Schwägerin Margret und dessen Mann antreten wollte, haben sie je Reise bereits 929 € von 1161 € angezahlt. Angenommen keiner der Mitreisenden müsste noch in der Türkei in Quarantäne, bleibt die 5-tägige Selbstisolation in Deutschland unumgänglich. Für Karolin, die am 23.10 wieder Schulunterricht hätte, würde das bedeuten, bis zum 26.10. in Quarantäne zu müssen. Und auch für Anita dürfte die neue Quarantäneregel schwierig werden, da sie noch berufstätig ist.

Auch Erkrankungen reichen nicht für kostenfreie Stornierung

Älteres Ehepaar steht vor Kathedrale
Anita und Wolfgang auf einer ihrer Reisen
© RTL

Doch zählen diese Faktoren sogar eher zum kleineren Übel: Drei der sechs Reisenden gehören aufgrund verschiedener Erkrankungen zur Risikogruppe. Frau Niesen leidet an einer Lungenerkrankung, ihr Mann und ihre Schwägerin sind an Krebs erkrankt. "Jetzt sind wir natürlich zu ängstlich in den Urlaub zu fliegen", sagt uns Anita am Telefon. Obwohl für sie die Reise durch ihre Erkrankungen wesentlich riskanter ist, kommt ihnen der Veranstalter nicht entgegen: Kostenfreie Stornierung, Umbuchungen oder die Ausstellung eines Reisegutscheins wurden bisher vom Veranstalter abgelehnt.

Was sagen die Veranstalter?

Nur wenige Touristen sind am 20.07.2016 an einem Badestrand in Kemer, Türkei, zu sehen. Foto: Marius Becker/dpa (zu dpa-Reportage "Der Konflikt, die Touristen - Weit weg vom türkischen Traumurlaub" vom 21.07.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Einer Umbuchung aufs nächste Jahr hat der Veranstalter von Anita und ihren Mitreisenden zugestimmt.
© dpa, Marius Becker

Wir haben bei den Veranstaltern FTI und Aurum Tours nachgefragt und um Stellungnahme gebeten, warum den Kunden nicht kostenfrei storniert wird, obwohl ihre geplanten Reisen in Risikogebiete gehen und mit verschärften Quarantäneregelungen verbunden sind.

Nachdem wir uns eingeschaltet haben, ist Aurum Tours Anita Niesen und ihren Mitreisenden nun doch entgegengekommen: Der Veranstalter hat sich zu einer Umbuchung des Urlaubs auf 2021 bereit erklärt und prüft nun mögliche Optionen.

Bei FTI: Problem seien „x-Buchungen“

Hat seine China-Reisen in einem Sonderkatalog gebündelt: der Veranstalter FTI. Foto: Rene Ruprecht
FTI Touristik ist der Reiseveranstalter von Stefanie und von Uwe
© DPA

FTI, Reiseveranstalter der Familie Dettmann und Familie Knoll, rechtfertigt in seinem Antwortschreiben die Stornierungsbedingungen folgendermaßen: Bei beiden Buchungen handele es sich um "x-Buchungen", die besonderen, strengeren Bedingungen unterliegen. Da die Flüge bei "Fremdfluggebern" eingekauft würden, die wiederum ebenfalls keine kostenfreie Stornierung anbieten, würden dem Veranstalter im Falle einer Stornierung selbst Kosten entstehen, die er nicht erstattet bekäme.

Konkret hieße das, dass FTI jeweils die Gesamtkosten der gebuchten Flüge für die Dettmanns und die der Knolls tragen müsste. Für die Flüge der Dettmanns nach Ägypten wären das 2.631 €, für die der Knolls in die Türkei 1.458 €. Deswegen könne FTI keine kostenfreie Stornierung anbieten.

Abwarten mit höherem Risiko oder gebührenpflichtig stornieren

Aus Sicht des Veranstalters haben die Dettmanns immerhin zwei Optionen: Abwarten, ob die Reisewarnung für Ägypten verlängert wird und sie somit doch noch kostenfrei stornieren können, dabei aber auch das Risiko eingehen, schließlich 80% Stornokosten tragen zu müssen. Oder jetzt schon zu stornieren und 55% zu zahlen.

Zur Durchführbarkeit hat FTI eine ganz andere Meinung als Uwe Knoll: "Mit Aufhebung der Reisewarnung für diese Region der Türkei am 4. August 2020, kann aus Sicht des Auswärtigen Amts die Reise, so wie im Januar 2020 gebucht, durchgeführt werden, auch wenn durch die neue, behördliche Anordnung eine Quarantäne nach Rückkehr aus einem Risikogebiet vorgeschrieben ist", heißt es im Antwortschreiben. Somit erlaubt FTI auch im Fall von Uwe Knoll nur Stornierung zu den AGB.

Ist das so gerechtfertigt?

Wir haben Rechtsanwalt Paul Degott die drei Fälle vorgelegt und ihn um Einschätzung gebeten. Seiner Ansicht nach sollte eine kostenfreie Stornierung der Reisen möglich sein, auch wenn keine Reisewarnung besteht. Wie er das begründet und was er Kunden empfiehlt, die sich in einer solchem Lage befinden, lesen Sie hier.