Mediziner ordnet ein

Neue Omikron-Sublinie BJ.1 in Europa angekommen: Was wir wissen - und was nicht

Gefahrenschild mit Coronavirus-Symbol
Kaum gibt es angepasste Impfstoffe, erscheint eine neue Omikron-Variante auf der Bildfläche. Wie gefährlich ist sie?
www.imago-images.de, IMAGO/Christian Ohde

von Vera Dünnwald und Anna Kriller

Und wieder eine neue Corona-Variante? Gerade erst boostern wir gegen die Omikron-Sublinie BA.1 und freuen uns über eine Zulassung des angepassten Impfstoffs gegen die aktuellen Sublinien BA.4/BA.5, da taucht auch schon wieder ein neuer Subtyp auf: BJ.1 hat nun auch Österreich erreicht. Neue Gefahr oder normale Mutation? Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht hat BJ.1 für uns eingeordnet.

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BJ.1 von Indien in die USA und nach Europa

Ursprünglich stammt die Omikron-Sublinie BJ.1 offenbar aus Indien, ist ein Abkömmling des Omikron-Subtyps BA.2 und wurde bereits vor etwa einem Monat entdeckt. Mittlerweile hat sie es in die USA und nach Europa geschafft, allerdings soll es weltweit nur rund 70 Fälle geben. Viel Lärm um nichts?

Wie Ulrich Elling, Molekularbiologe am Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bei Twitter mitteilt, gebe die neue Sublinie seiner Meinung nach durchaus Anlass „zu großer Sorge“. Zwar seien die Zahlen immer noch sehr niedrig, aber die neu erworbenen Mutationen seien „eine unangenehme Kombination an kritischen Stellen“. Eine Umgehung des Immunschutzes sei Elling zufolge darum wahrscheinlich. Klingt erst mal gefährlich, aber was ist dran?

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Neue Omikron-Sublinie in Österreich angekommen - ist BJ.1 gefährlicher als die bisherigen Subtypen?

Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? „Nein, überhaupt nicht“, erklärt Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht im RTL-Interview. „Man findet ständig neue Varianten. Bei dieser ist es jetzt halt so, dass die Mutationen am Spike-Protein sind. Und wenn die am Spike-Protein sind, dann kann man auch davon ausgehen, dass es etwas mit dem Eindringen des Virus in die Zelle oder/und mit dem Ausweichen gegenüber des Immunsystems zu tun hat.“

Dass das Virus mutiere, sei aber nur logisch, da die Immunität in der Bevölkerung weltweit immer mehr steige, so Specht weiter. Heißt konkret: „Ein Virus, das jetzt immer noch so aussehen würde wie das alte, hat einfach gar keine Chance, das können Sie nicht mehr feststellen, weil das Immunsystem das vorher kaputtmacht.“

Daraus könne man aber überhaupt nicht sagen, dass BJ.1 krankmachender sei, warnt der Experte. Auch könne man nicht sagen, ob BJ.1 wirklich dem Immunsystem besser ausweichen könne. „Das kann man nur vermuten. Aber man muss immer wieder unterscheiden zwischen Ansteckungsfähigkeit, krankmachender Wirkung und Immunausweichmöglichkeit. Das sind ganz verschiedene Geschichten.“ So könne es zum Beispiel auch ein Virus geben, das dem Immunsystem super ausweichen könne, aber keine krankmachende Wirkung habe, erklärt Specht.

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Dr. Specht: "Beobachten muss man es, ja – Sorgen machen, nein, überhaupt nicht!“

Dass BJ.1 die neue „Lauterbachsche Killervariante“ werde, sei laut Specht also extrem unwahrscheinlich. Wenn wir wollten, könnten wir jeden Tag eine neue Variante angucken, so etwas wird ständig wiederkommen. „Aus diesen paar Fällen kann man noch gar nicht sagen, ob sich diese Virusvariante überhaupt gegen BA.4/BA.5 durchsetzen kann. Auch sagt es nichts darüber aus, dass es in Indien viele Fälle gibt, ob es dann auch hier bald viele Fälle gibt.“

Das könne je nach Ländern ganz unterschiedlich sein. „Wenn ein Virus hier Fuß fassen möchte, muss es gegen BA.4/BA.5 antreten. Und ob das dieses Virus kann, kann man jetzt noch gar nicht sagen. Beobachten muss man es, ja – Sorgen machen, nein, überhaupt nicht!“

Wie viel bringt eine Impfung mit angepassten Boostern, wenn es dauernd neue Sublinien gibt?

Vor schweren Corona-Erkrankungen gut geschützt sind wir immer noch durch die Impfung. Aktuell wird in Deutschland mit angepassten Impfstoffen gegen den Omikron-Subtyp BA.1 geimpft, eine Variante, die aber derzeit gar nicht die meisten Infektionen verantwortet. Für diese sind vielmehr BA.4/BA.5 verantwortlich.

Ein angepasster Booster wurde am Montag von der EU-Kommission zugelassen. Stellt sich die Frage: Wenn es jetzt schon wieder neue Subtypen gibt, bringt es dann überhaupt etwas, sich derzeit impfen zu lassen? Sind wir da nicht immer viel zu spät oder ist es egal, mit welchem Impfstoff wir geboostert werden?

„Beides“, erklärt Specht. „Wir sind immer zu spät, weil der Universalimpfstoff, der sozusagen vorausgreifend möglicherweise entstehende Varianten abdeckt, den haben wir noch nicht. Und das Zweite stimmt auch, ist aber nicht so schlimm. Weil zumindest bisher der uralte Impfstoff gegen das Wuhan-Virus nach wie vor sehr gut schwere Erkrankungen und Tod verhindert. Und das ist die Hoffnung, die man auch weiterhin haben darf, dass auch die schweren Fälle bei den nächsten Varianten durch diesen Uralt-Impfstoff immer noch gut verhindert werden.“