Verteidiger spricht von "Selbstjustiz"

Nach tödlichem Schuss auf Autofahrer in Hannover: Prozess beginnt in Hannover

Der Angeklagte im Landgericht Hannover.
Der Angeklagte im Landgericht Hannover.
© RTL Nord

30. November 2021 - 12:42 Uhr

Mutmaßlicher Schütze Rinor Z. vor Gericht

Im Juni eskaliert an einer belebten Ampelkreuzung in Hannover ein Streit. Plötzlich wird geschossen, ein Mann stirbt. Nach den tödlichen Schüssen muss sich der mutmaßliche Schütze Rinor Z. (33) jetzt vor dem Landgericht Hannover verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag und versuchten Totschlag vor. Zum Prozessauftakt schweigt der Angeklagte. Täter und Opfer hatten offenbar eine Vorgeschichte.

Autofahrer gerieten aneinander

Das Opfer verstarb noch im Auto.
Das Opfer verstarb noch im Auto.
© HannoverReporter

Anfang Juni gerät Rinor Z. als Autofahrer eines Mercedes mit zwei Insassen eines Porsche Cayenne offenbar aneinander. Laut Anklage soll der Beifahrer des Porsche und Schwager des späteren Opfers ausgestiegen sein und mit einer Holzlatte auf den Mercedes des 33-jährigen Angeklagten geschlagen haben. "Daraufhin soll der Angeklagte auf den Mann geschossen haben. Der soll aber unverletzt geblieben sein und konnte flüchten", erklärt Annika Osterloh vom Landgericht Hannover gegenüber RTL Nord.

30-Jähriger starb an der Schussverletzung

Schießerei auf offener Straße in Hannovers Innenstadt: Ein Toter Luxuslimousine von Kugeln getroffen - SEK stürmt Wohnung am Abend in Langenhangen- Hintergründe weiter unklar- Am heiligten Tage hat es in Hannovers Innenstadt eine Schießerei gegeben.
Nach der Schießerei stürmte das SEK eine Wohnung.
© imago images/Die Videomanufaktur, Martin Dziadek via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Anschließend soll der 33-jährige Angeklagte durch sein geöffnetes Autofenster auf den 30 Jahre alten Fahrer des Porsche Cayenne geschossen haben. Der Wagen beschleunigte daraufhin, raste über die Kreuzung und prallte gegen den Mast eines Verkehrsschildes. Der 30-Jährige starb trotz Reanimationsversuchen noch an der Unfallstelle an der Schussverletzung. Der mutmaßliche Schütze flüchtete zu Fuß. Einige Tage später stellte Rinor Z. sich jedoch der Polizei und wurde festgenommen.

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Hintergrund soll ein Familienstreit gewesen sein

Täter und Opfer sollen sich vor der Tat bereits gekannt haben. "Es soll ein Streit zweier Familien zugrunde liegen", so Annika Osterloh. Der Prozess in Hannover findet deswegen unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt.

Einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge sollen der mutmaßliche Täter und der Beifahrer des Opfers in der Baubranche tätig gewesen sein. Laut Bericht stritten die Männer nach einem abgeschlossenem Projekt über die Verteilung des Geldes. Auch über eine Auseinandersetzung zwischen Clans wurde in den Medien spekuliert. Matthias Waldraff, der den Schwager des Opfers vor Gericht vertritt, dementiert die Berichte. "Alle die Gerüchte, es sei ein Kampf zwischen Clans, es sei Geld geflossen, all das stimmt nicht. Das wird dieser Prozessverlauf auch zeigen."

Verteidiger fordert Bewährungsstrafe

Doch warum schlug der Schwager des Opfers auf das Auto ein, und warum zog Rinor Z. eine Waffe? Beim Prozessauftakt schweigt der mutmaßliche Schütze. Sein Verteidiger Fritz Willig kündigt eine schriftliche Einlassung am nächsten Prozesstag an. Gegenüber RTL Nord erklärt der Anwalt aber bereits jetzt, sein Mandant sei im Straßenverkehr angegriffen worden – aus Rache. "Man hat angedroht aus der Sicht unseres Mandanten, ihn zumindest rollstuhlreif zu schlagen, wenn nicht sogar umzubringen." Sein Mandant habe sich das nicht gefallen lassen wollen und Selbstjustiz ausgeübt. So sei es zu dem "tragischen Tod" des Opfers gekommen.

Rinor Z. sitzt seit der Tat in Haft und bekommt dort laut Willig psychologische Unterstützung. "Er leidet natürlich schwer darunter, noch schlimmer die Frau und das Kind. Es ist eine tragische Sache für beide Seiten". Der Anwalt fordert deswegen eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten.

Schwager des Opfers hofft auf "gerechte Strafe"

Auch der Schwager des Opfers wird sich zu einem späteren Zeitpunkt wohl vor Gericht äußern. Er tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Weil er mit dem Holzbrett auf das Auto von Rinor Z. einschlug, wurde er bereits wegen Sachbeschädigung verurteilt. "Zu den Hintergründen, warum er mit der Holzlatte auf das Auto geschlagen hat, wird er vor Gericht aussagen", kündigt sein Anwalt Matthias Waldraff an. Allerdings werde der Mann voraussichtlich erst Anfang des neuen Jahres vernommen. "Mein Mandant erwartet, das der Angeklagte dafür, dass er seinen Mandanten erschossen hat, ohne Notwehr, und ohne irgendeine nachvollziehbare Motivation auf ihn als Flüchtenden geschossen hat, seine gerechte Strafe bekommt."

Opfer war offenbar bester Freund von Yeliz Koc

Yeliz Koc zeigt ihr Baby Snow Elanie
Yeliz Koc: Das Opfer soll ihr bester Freund gewesen sein.
© imago/STAR-MEDIA, SpotOn

Das Opfer war etwa vier Jahre zuvor selbst ins Visier der Polizei geraten, weil der Mann damals einen 25-Jährigen erschossen hatte. Da die Ermittler in diesem Fall aber von Notwehr ausgingen, wurde das Verfahren eingestellt. Wegen des illegalen Besitzes von Waffen wurde allerdings weiter gegen ihn ermittelt.

Aber auch in anderer Hinsicht das Opfer kein Unbekannter. Der 30-Jährige war Medienberichten zufolge der beste Freund von Reality-TV-Star Yeliz Koc. Die Ex-Freundin von Jimi Blue Ochsenknecht hatte nach der Schießerei auf Instagram fünf Bilder von sich und dem Opfer gepostet. Versehen hat sie den Post mit den Worten: "Es gibt Freunde, es gibt Familie und es gibt Freunde, die zur Familie werden! Wir werden dich jeden Tag vermissen. Ruhe in Frieden du wundervoller Mensch! Irgendwann sehen wir uns wieder!"

Angeklagtem drohen mindestens fünf Jahre Haft

Sollte Rinor Z. wegen Totschlags verurteilt werden, drohen ihm mindestens fünf Jahre Haft. Damit die Strafe wie von seinem Anwalt gefordert zur Bewährung ausgesetzt werden kann, dürfte er nicht mehr als zwei Jahre Haft bekommen. Das Gericht hat 13 weitere Prozesstage angesetzt. (dpa/lzi)