Mit 15 in einen sinnlosen Krieg: Ein SS-Kindersoldat erinnert sich an das Frühjahr 1945

Von RTL-Chefkorrespondent Lothar Keller

Neben Hans Müncheberg starb ein Freund, getroffen von einem Scharfschützen. Als er einem feindlichen Soldaten direkt gegenübersteht, haben beide den Finger am Abzug – und keiner schießt. Wenige Tage vor Kriegsende verletzen ihn Splitter einer Panzergranate schwer an Arm und Lunge.

Mit 15 in einen sinnlosen Krieg: Ein SS-Kindersoldat erinnert sich an das Frühjahr 1945
Hans Müncheberg erinnert sich im Gespräch mit Lothar Keller

Da war Hans Müncheberg gerade 15 Jahre alt.

Heute ist er 85. Er wirkt mindestens zehn Jahre jünger, er ist schnell auf den Beinen und mit den Gedanken. Er hat nichts vergessen aus den letzten Tagen des Weltkrieges, als er ein Teil der letzten Reserve war. Kinder, Jugendliche und alte Männer sollten retten, was längst nicht mehr zu retten war. Sie sollten Berlin gegen die Rote Armee verteidigen, die aus allen Richtungen angriff.

Müncheberg wollte kämpfen. Er war Schüler auf einer Eliteschule der Nationalsozialisten, gedrillt auf Gehorsam und den Kampf für das Reich und den Führer. Als 15jähriger war er eigentlich zu jung, ab 16 erst wurden Jugendliche zum Volkssturm eingezogen. Zudem wog der 15jährige Hans gerade Mal 45 Kilo, bei 1,60 m Körpergröße.

Doch der Leiter der 'Nationalpolitischen Bildungsanstalt' in Potsdam, SS-Oberführer Calliebe, schickte Müncheberg und die anderen Jungen der Jahrgänge 1929 und 1930 trotzdem nach Berlin, um an der Seite von SS-Soldaten in den Endkampf um die Hauptstadt zu ziehen.

Müncheberg wollte kämpfen, doch der Krieg ist anders, als er und die 15jährigen Kameraden sich den Krieg vorgestellt hatten. "Wir haben uns nicht vorgestellt, dass wir uns andauernd zurückziehen müssen. Wir dachten: Wenn man kämpft, dann geht man vorwärts bis zum Sieg." Stattdessen wird der Teil Berlins, den die Deutschen noch kontrollieren, immer enger. Seine Einheit zieht sich ins Funkhaus an der Masurenallee zurück, da liegen sowjetische Scharfschützen auf der anderen Straßenseite.

"Von diesem Moment an hatte der Feind für mich ein Gesicht"

Als ein Scharfschütze Münchebergs Kameraden erschießt, flieht er durch Hinterhöfe und verliert seine Einheit aus den Augen. Er biegt um eine Straßenecke - da steht direkt vor ihm ein Rotarmist. "Wir erschraken beide, hatten aber beide die Waffen nicht erhoben. Wir guckten uns an. Er wird gedacht haben – das ist ja ein Kind. Ich hab gedacht – ist das denn der Feind? Er war blond, blauäugig, der sah aus wie einer von uns! Ich hab einen Schritt zurück gemacht. Er musste nicht schießen, ich musste nicht schießen. Und von diesem Moment an hatte der Feind für mich ein Gesicht, er war ein Mensch wie du und ich."

Bei dem Versuch, in Richtung Westen aus Berlin zu fliehen, wird Müncheberg durch Granatsplitter schwer verletzt. Zwei Frauen versorgen seine Wunden. Und als er sich nach Kriegsende schwach, müde und hungrig auf den Weg in seine Heimatstadt Templin macht, hilft ihm eine Gruppe von Polen – ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Obwohl selber Opfer der Deutschen, geben sie dem verletzten deutschen Kind zu Essen und ein Bett.

Wenn Müncheberg sich daran erinnert, stehen ihm die Tränen in den Augen.

Nur jeder zweite aus Münchebergs Klasse hat den Krieg überlebt. Überlebt hat aber auch SS-Oberführer Calliebe – der Mann, der Müncheberg und seine Mitschüler zu Kindersoldaten machte. Calliebe floh nach Niedersachsen und wurde in Soltau Lateinlehrer an einer Oberschule. Er wurde nie dafür zur Verantwortung gezogen, dass er die Kinder von Potsdam in den Krieg geschickt hat.

Hans Müncheberg durfte in der DDR zunächst nicht studieren, weil er Schüler der Nazi-Eliteschule gewesen war. In den Westen zu gehen kam für ihn damals und später dennoch nie in Frage: In dem Land, das den SS-Oberführer Calliebe ungestört weiter Kinder unterrichten lässt, wollte Hans Müncheberg nicht leben.