Anwältin klärt auf

Lieferando sorgt für Twitter-Gewitter: Dürfen Fahrer nicht den Aufzug nutzen?

Die Arbeitsbedingungen von Lieferando-Fahrern standen schon oft in der Kritik. Nun streitet das Netz darüber, ob Kunden dem Essens-Lieferanten verbieten dürfen, den Aufzug zu nehmen.
Die Arbeitsbedingungen von Lieferando-Fahrern standen schon oft in der Kritik. Nun streitet das Netz darüber, ob Kunden dem Essens-Lieferanten verbieten dürfen, den Aufzug zu nehmen.
© iStockphoto, Cineberg

31. Mai 2021 - 13:22 Uhr

Kunde will Lieferant verbieten, den Aufzug zu nutzen - darf er das?

Die Twitter-Gemeinde ist empört: Ein Kunde beschwert sich via Tweet, nachdem ein Essens-Lieferant den Aufzug im Haus benutzt hat. Lieferando entschuldigt sich bei dem Nutzer dafür und entfacht damit eine Debatte. Ob der Kunde dem Lieferanten wirklich vorschreiben darf, die Treppe zu nutzen: Rechtsanwältin Nicole Mutschke schätzt für Sie ein, ob das ok ist.

Twitter-Gemeinde empört: Nutzer beschwert sich darüber, dass Lieferando-Fahrer Aufzug nimmt

Ein Nutzer beschwerte sich darüber, dass der Lieferando-Fahrer den Aufzug im Haus nutzte, um das Essen zu liefern: "Der Lift ist nur für Hausbewohner und ihre Gäste und nicht für Arbeiter", so der Kunde. Er habe in seiner Bestellung immer dazugeschrieben, dass er dem Lieferanten die Nutzung des Aufzugs verbiete. Es ist zwar davon auszugehen, dass der Nutzer den Tweet nicht ganz ernst meinte, aber der Post entfachte eine hitzige Diskussion. Und die wurde von Lieferando selbst noch angefeuert.

Lese-Tipp: Ein Lieferdienstfahrer aus dem hessischen Hungen gibt beim Ausliefern wirklich alles! Nachdem er auf spiegelglatter Fahrbahn die Kontrolle über sein Auto verliert, überschlägt sich sein Kleinwagen. Doch der Totalschaden hält den engagierten Fahrer nicht auf: Er liefert die Pizza trotzdem aus – und zwar zu Fuß.

Statt den Essens-Lieferanten zu verteidigen, kommentierte Lieferando: "Es tut uns sehr leid, dass der Lieferant den Fahrstuhl benutzt. Sende uns gerne eine DN mit der Bestellnummer, damit wir das Ganze einmal prüfen können." Doch wie sieht das rechtlich aus: Darf ein Kunde oder das Unternehmen den Fahrer dazu zwingen, die Treppe zu nehmen?

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14 Stockwerke zu Fuß: Darf der Kunde den Essenslieferanten zum Treppenlaufen zwingen?

Zwar ist es menschlich gesehen zu verurteilen, so mit den Lieferanten umzuspringen. Aber der Kunde ist in diesem Fall im Recht, urteilt Rechtsanwältin Nicole Mutschke: "Der Hausbesitzer hat das Hausrecht und der kann natürlich erst Mal schon einschränken, wer überhaupt ins Haus kommt und was darin möglich ist." Er darf also dem Lieferando-Fahrer auch verbieten, den Aufzug zu benutzen. Das sollte er dem Lieferdienst schon vorab mitteilen – zum Beispiel, indem er es in der Bestellung angibt. Darin sollte der Kunde auch vermerken, in welchem Stockwerk er wohnt. Als Folge darauf darf sich der Kunde dann aber nicht wundern, wenn Lieferando die Bestellung storniert.

Wer die Aufzugfahrt verweigert, bekommt womöglich keine Pizza

Denn auch das Unternehmen selbst kann dem Lieferanten nicht vorschreiben, 14 Stockwerke zu Fuß hochzuhetzen: "Es geht konkret um das Weisungsrecht des Arbeitgebers. Das heißt, dass man grundsätzlich als Arbeitgeber bestimmen kann, was mein Arbeitnehmer macht. Es ist schon zuzumuten, dass mein Lieferant ein, zwei Etagen läuft. Es gibt ja auch viele Häuser, die mit vier Etagen ausgestattet sind und gar keinen Fahrstuhl haben. Da wird er sowieso laufen müssen. Aber die Rechtsprechung setzt schon irgendwo Grenzen", sagt Rechtsanwältin Mutschke. Eine genaue Etagenzahl sei im Gesetz jedoch nicht festgeschrieben – das ist letztendlich Auslegungssache.

"Wenn der Besteller sagt, dass er nicht möchte, dass der Aufzug benutzt wird, kann Lieferando ganz problemlos sagen: Dann liefern wir die Pizza nicht. Denn es gibt keine Pflicht, so einen Vertrag abzuschließen: Ich muss keine Pizza liefern", sagt Mutschke. Lieferando kann sich also aussuchen, mit wem das Unternehmen Verträge abschließt – und die Aufträge notfalls auch stornieren.

Lese-Tipp: Ob Lebensmittel-Lieferungen oder frisch zubereitetes Essen aus dem Restaurant um die Ecke: In der Corona-Pandemie lassen wir uns viel mehr nachhause bringen als vor der Pandemie. Gerade die Fahrer von Lieferando, Gorilla, Rewe & Co sind am Limit - und außerdem, wie alle wissen, nicht gerade top bezahlt. Trinkgeld geben ist da angesagt. Aber wie viel soll es denn sein?

Twittergemeinde stellt sich hinter den Lieferando-Fahrer

Der Twitternutzer, der den Post abgesendet hat, wäre also im Recht – doch die Twittercommunity ist trotzdem empört. Die Nutzer zeigen sich vor allem wütend über die Reaktion von Lieferando. So kommentiert ein Nutzer beispielsweise: "Fahrstühle nur für Menschen erster Klasse? Nicht für niedere Arbeiter. Aber ist kein Problem. Ich verzichte dann gerne auf weitere Bestellungen bei euch." Eine andere Nutzerin appelliert an das Unternehmen: "Habt doch mal ein bisschen Courage und stellt euch hinter Eure Leute!". Nach diesem Shitstorm ruderte Lieferando zurück. Ein Mitarbeiter des Social-Media-Teams beteuerte, dass die Antwort auf den Post ironisch gewesen sei. Außerdem entschuldigt ich das Unternehmen bei den Lieferanten und beteuert, hinter ihnen zu stehen.

Schon oft musste Lieferando wegen schlechter Arbeitsbedingungen Kritik einstecken. Kürzlich stand das Unternehmen aber wegen einer ganz anderen Sache im Scheinwerferlicht der Presse: Lieferando soll über 51.000 Domains besitzen, die jenen deutscher Restaurants ähneln. Die Kunden und Kundinnen wüssten oftmals nicht, dass die Restaurant-Webseiten nicht den Inhabenden gehören.

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