7-Tage-Inzidenz zwischenzeitlich sogar rückläufig

Sinkende Corona-Zahlen in einigen Bundesländern: Ist die Sommerwelle schon vorbei?

Hessen, Frankfurt/Main: Zahlreiche Menschen sind am Nachmittag auf der Zeil unterwegs, Frankfurts zentraler Einkaufsmeile (Aufnahme mit Langzeitbelichtung)
Rollt die Sommerwelle noch - oder kommt sie langsam zum Erliegen?
fru sb, dpa, Frank Rumpenhorst

von Klaus Wedekind

In einigen Teilen Deutschlands befindet sich die 7-Tage-Inzidenz im Sinkflug – auch wenn die Zahl der Neuinfektionen insgesamt noch immer hoch ist. Trotzdem stellt sich die Frage: Neigt sich die Sommerwelle langsam aber sicher dem Ende zu? Und wie sieht es eigentlich in den Krankenhäusern aus?

Höhepunkt möglicherweise überschritten

Bis Ende Juni ging die Zahl der bundesweiten Neuinfektionen steil nach oben, seitdem stagnierte sie, am 13. Juli war sie sogar zeitweise deutlich niedriger als am Vortag. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und vor allem Schleswig-Holstein sinken die Inzidenzen sogar deutlich. Andererseits gibt es Bayern, Hessen oder Brandenburg, wo die Fallzahlen weiter in die Höhe schießen. Die Sommerwelle ist also vermutlich noch nicht überall durch, hat aber insgesamt möglicherweise schon ihren Höhepunkt überschritten.

Ob die gemeldeten Zahlen auch nur annähernd das Infektionsgeschehen abbilden, darf stark bezweifelt werden. Viele Menschen machen nach einem positiven Schnelltest keinen PCR-Test, ohne den sie durch das statistische Raster fallen. Vor allem Jüngere merken vielleicht auch gar nicht, dass sie sich angesteckt haben oder ignorieren leichte Symptome einfach.

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PCR-Tests in Bremen: 92 Prozent positiv

Dass die Dunkelziffer wesentlich höher sein muss, sieht man auch am Anteil der positiven PCR-Tests, der laut RKI-Dashboard deutschlandweit rund 54 Prozent beträgt. Die angegebenen Werte der Bundesländer sind teilweise noch höher, in Bremen liegt die Positivrate angeblich sogar bei über 92 Prozent. In Berlin dagegen beträgt der Wert dem Dashboard zufolge nur rund 9 Prozent. Die Aussagekraft ist fraglich, die Hauptstadt selbst gibt in ihrem Lagebericht einen Anteil positiver Tests von knapp 26 Prozent an.

Mehr als einen Trend geben die aktuellen Fallzahlen also kaum her. Man kann aber zumindest sagen, dass die Welle im Nordwesten wohl tatsächlich (vorerst) gebrochen ist und der Rückgang der Inzidenzen dort nicht nur auf den Ferienbeginn zurückzuführen ist. Man könnte zwar meinen, dass dem so ist, da die Kurve beispielsweise in Schleswig-Holstein exakt mit Beginn der Sommerferien am 3. Juli umknickt. 7-Tage-Inzidenzen zeigen allerdings Werte an, die eine Woche zurückliegen, die gemeldeten Neuinfektionen sanken also schon deutlich davor.

Welchen Einfluss haben die Schulferien?

In NRW ist ähnliches zu beobachten. Dort sinken die Zahlen etwa seit dem Beginn der Sommerferien am 27. Juni. In Niedersachsen beginnen die Ferien erst am 14. Juli, die Inzidenz ist aber bereits seit Anfang des Monats stark rückläufig. Die Hamburger Schüler haben seit dem 7. Juli frei, die Fallzahlen der Hansestadt waren da schon von rund 900 auf 800 gefallen. Eine Woche nach Ferienbeginn nähern sie sich 560 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner.

Interessant ist, dass Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt mit rund 330, 418 und 437 Fällen derzeit die niedrigsten Inzidenzen haben. Der Anstieg fiel bisher auch wesentlich flacher aus als in den meisten anderen Bundesländern und scheint ebenfalls bereits den Höhepunkt erreicht oder sogar überschritten zu haben.

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Hospitalisierung verdoppelt

Wichtiger als wenig aussagekräftige Fallzahlen ist die Belastung der Krankenhäuser durch Covid-19-Patienten. Hier hat sich die deutsche 7-Tage-Inzidenz der Hospitalisierung innerhalb der vergangenen vier Wochen von rund drei auf knapp sechs Fälle pro 100.000 Einwohner verdoppelt, Tendenz steigend. Ein Abebben der Welle wird sich dort erst mit Verzögerung auswirken.

Auch auf den Intensivstationen ist die Sommerwelle deutlich zu spüren. Am 5. Juni waren es dort laut DIVI-Intensivregister bundesweit nur 606 Corona-Patienten, jetzt sind es 1243.

Dabei spiegelt sich nicht unbedingt die Höhe der gemeldeten Inzidenz eines Bundeslandes wider. Hessen beispielsweise hat mit rund 974 Neuinfektionen aktuell den zweithöchsten Wert. Innerhalb der vergangenen vier Wochen ist dort die Zahl der intensiv behandelten Covid-19-Patienten nur von 62 auf 94 gestiegen.

Schwere Verläufe sind seltener

Im Saarland, das derzeit über 1.080 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner zählt, hat sich zwar die Zahl der Corona-Intensivpatienten seit Mitte Juni fast verdreifacht. Mit 30 Fällen ist es aber noch weit von den Höchstständen im vergangenen Dezember entfernt, als es über 90 Patienten waren. Bundesweit ist es noch deutlicher, hier zählte man im Winter fast 5.000 Covid-19-Infizierte auf den Intensivstationen - viermal mehr als aktuell.

Hinzu kommt, dass laut Intensivmediziner Christian Karagiannidis nur etwa die Hälfte der Corona-Intensivpatienten eine Unterstützung der Lunge benötigen. Vor Omikron seien dies deutlich mehr gewesen, twitterte der Leiter des DIVI-Intensivregisters. Außerdem beschränkten sich die sehr schweren Verläufe zunehmend auf alte Menschen. Rund 80 Prozent der mit Covid-19 intensiv behandelten Patienten sind über 60 Jahre alt, 56 Prozent sind älter als 70.

Dass die aktuellen Omikron-Varianten viel seltener zu schweren Krankheitsverläufen als ihre Vorgänger führen, sieht man auch an der Entwicklung der Todesfälle. Der 7-Tage-Schnitt stieg seit dem 13. Juni lediglich von 65 auf 91 registrierte Corona-Opfer. Mitte Dezember lag der Wert noch bei fast 380, Mitte Mai bei knapp 140 Todesfällen.

Personalausfälle: Angespannte Lage in vielen Krankenhäusern

Trotzdem ist die Lage in vielen deutschen Krankenhäusern sehr angespannt. Das Hauptproblem seien aktuell Personalausfälle, so Karagiannidis. Schon am 26. Juni twitterte er, die Zahl der betreibbaren High-Care-Intensivbetten habe den tiefsten Stand seit der Erfassung erreicht.

Zum Höhepunkt der vergangenen Winterwelle meldete das DIVI-Intensivregister noch bis zu 4.000 freie Betten, jetzt sind es nur noch knapp 3.000. In Berlin sind lediglich 11 Prozent der Betten nicht belegt, in Bremen sind es nicht mal mehr 2 Prozent. Da ist es keine Überraschung, dass wieder mehr als die Hälfte der Krankenhäuser die eigene Betriebssituation als eingeschränkt einschätzt.

Mit Corona hat dies aktuell eher indirekt zu tun, von den bundesweit 18.103 Intensivpatienten haben nur 1.211 Covid-19. Allerdings wird der ohnehin schon chronische Personalmangel durch infiziertes Personal zusätzlich verschärft. Die Deutsche Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) zählt derzeit fast 60 Prozent zentrale Notaufnahmen mit Personalausfällen durch Corona.

Sommerwelle als Chance?

Wenn eine vergleichsweise harmlose Sommerwelle bereits das geschwächte Gesundheitssystem so sehr belasten kann, muss man sich für den kommenden Herbst und Winter Sorgen machen. "Hier wird es entscheidend sein, wie viele der Risikopatienten sich noch impfen lassen und wie sich das Virus weiter im Hinblick auf mögliche neue Varianten entwickelt", sagte Karagiannidis dem Ärzteblatt.

Impfungen findet auch die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Professorin Christine Falk, entscheidend, vor allem die Booster-Dosis. Die dritte Impfung habe eine ganz entscheidende Schutzwirkung vor schweren Verläufen und Krankenhaus-Aufenthalten - und zwar in allen Altersgruppen, sagte sie dem SWR. Das zeige auch der neueste Impfbericht des RKI.

Falk kann der Sommerwelle sogar etwas Positives abgewinnen. "Wir konnten messen, dass eine dreifache Impfung und eine anschließende Corona-Infektion zu einer noch besseren Immunreaktion führt." Durch die vielen Infektionen und die steigende Quote der dreifach Geimpften baue die Bevölkerung eine immer bessere Grundimmunität auf, so die Epidemiologin. Das helfe im Herbst und Winter aber nur, solange es bei den Omikron-Varianten bleibe.

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