Obwohl die Infektionszahlen sinken

Warum gibt es noch so viele Corona-Tote?

Müsste die Zahl der Corona-Toten nicht zurückgehen, wenn die Infektionen sinken?
© dpa, Julian Stratenschulte, jst abl

21. Januar 2021 - 10:30 Uhr

7-Tage-Inzidenz auf niedrigstem Wert seit November

Die Zahl der Neuinfektionen sinkt, die Situation auf den Intensivstationen entspannt sich langsam. Trotzdem meldet das RKI nach wie vor sehr hohe Todeszahlen. Liegt dies an einem immer noch mangelhaften Schutz der Pflegeeinrichtungen oder läuft da möglicherweise etwas ganz anderes völlig schief?

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Zahl der Corona-Toten stieg seit November rasant an

Von Juli bis Oktober gab es in Deutschland so gut wie keine Corona-Toten mehr. Dann stieg die Zahl der Todesfälle mit entsprechender Verzögerung dem sprunghaften Anstieg der registrierten Neuinfektionen folgend steil an. Am 1. Oktober zählte das RKI im 7-Tage-Schnitt noch zehn Covid-19-Opfer, vier Wochen später 67, am 1. Januar 645, aktuell sind es fast 900. Die rasant steigenden Opferzahlen und die immer bedrohlichere Lage in den Krankenhäusern waren Anlass für den Teil-Shutdown im November und den jetzt mit verschärften Maßnahmen verlängerten Folge-Lockdown.

Zweithöchste Todeszahl seit Pandemiebeginn

Doch während die Neuinfektionen langsam aber sicher sinken und sich die Situation auf den Intensivstationen entspannt hat, meldete das RKI am Mittwoch die zweithöchste Zahl von Covid-19-Toten seit Beginn der Pandemie. Das ergibt eigentlich keinen Sinn, die Entwicklung sollte sich auch in den Todeszahlen widerspiegeln. Irgendetwas kann da nicht stimmen.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Seniorenheime nach wie vor nur ungenügend geschützt werden. Das RKI schreibt in seinem Situationsbericht vom 19. Januar, der Anteil der Alten- und Pflegeheime an allen registrierten Ausbrüchen nehme seit September 2020 kontinuierlich zu und habe jetzt 44 Prozent erreicht.

Fast 90 Prozent der Toten sind älter als 70

Obwohl nur rund 20 Prozent aller registrierten Corona-Infektionen in Deutschland den Über-70-Jährigen zugerechnet werden, stammen nahezu 90 Prozent der bisher fast 49.000 Todesfälle aus diesen Altersgruppen. Besonders betroffen sind die 80- bis 89-Jährigen, die laut RKI mit knapp 22.200 Toten fast die Hälfte der an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen stellen. Rund 10.800 Opfer waren älter als 90 Jahre, 9.200 zwischen 70 und 79 Jahre alt.

Die 7-Tage-Inzidenzen bei den gefährdeten Altersgruppen sind nach wie vor hoch. Laut RKI sind es aktuell bei Menschen zwischen 60 und 79 Jahren 101 Fälle pro 100.000 Einwohner, bei den Über-80-Jährigen 282. Im Vergleich zur Vorwoche sind die Inzidenzen bei den Senioren aber teilweise deutlich gesunken: bei den 70-bis 74-Jährigen von 131 auf 99 Fälle pro 100.000, bei der nächstälteren Gruppe von 134 auf 111, bei den 80- bis 84-Jährigen von 232 auf 200 und bei den 85- bis 90-Jährigen von 387 auf 351. Mit 604 statt 654 Fällen ist die Inzidenz bei den Menschen ab 90 Jahren immer noch extrem.

Entspannung auf Intensivstationen

Trotzdem sollten die Todeszahlen nicht mehr so hoch sein, denn die Anzahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle geht seit dem Höhepunkt am 3. Januar mit 5.745 Patienten kontinuierlich und deutlich zurück. Am Mittwoch zählte das DIVI-Intensivregister 4.817 Fälle auf den Intensivstationen.

Was die Belegung von Intensivbetten durch Covid-19-Patienten betrifft, gibt es allerdings ein dickes Fragezeichen. Denn offenbar ist deren Durchschnittsalter deutlich gesunken, laut RKI-Präsident Lothar Wieler teilweise unter 60 Jahre. Ein Beispiel sind laut "Badische Zeitung" die vier Kliniken in Freiburg (Breisgau).

Heimbewohner benachteiligt?

Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Es gäbe immer mehr jüngere Patienten mit schweren Verläufen, schreibt die Zeitung. Das sagen auch Wieler und der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters Christian Karagiannidis. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dagegen sagte in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner", es würden "wegen schlechter Sterblichkeit" - sprich schlechteren Überlebenschancen - nicht mehr alle Patienten aus Pflegeeinrichtungen auf Intensivstationen gebracht.

Christian Karagiannidis bestätigt zwar, dass relativ wenige Covid-Patienten aus Heimen auf Intensivstationen behandelt werden, dies geschehe aber oft auf eigenen Wunsch. "Ich glaube in einem fortgeschrittenen Lebensalter und gerade wenn man viele Vorerkrankungen hat, dann machen sich doch viele gute Gedanken darüber, ob eine Therapie im Krankenhaus oder gar auf einer Intensivstation überhaupt noch Sinn macht, und das völlig unabhängig von Covid", sagte er dem MDR. Auch in der ersten Welle im Frühjahr sei nur ein Viertel der beatmeten Patienten über 80 Jahre alt gewesen.

Todeszahlen sind drei Wochen alt

Sterben also trotz sinkender Zahlen mehr alte Menschen, weil sie eine Intensivbehandlung ablehnen? Eher nicht. Eine Begründung für die anscheinend zu hohen Zahlen könnte vielmehr sein, dass sie nicht stimmen. Genauer gesagt, sie sind vermutlich schon drei Wochen alt und entsprechen nicht dem aktuellen Geschehen. Das hat jedenfalls eine Analyse der öffentlich zugänglichen Datenbank des RKI durch das Berliner Forschungsinstitut "IGES" ergeben.

Demnach suggerierten die vom RKI gemeldeten Todeszahlen lediglich, dass sie aktuell seien. Tatsächlich blieben die Meldungen seit Mitte Dezember zunehmend hinter den Übermittlungen zurück, so das Institut. Dies liege unter anderem an den Ärzten im Krankenhaus, die wegen Überlastung nach einem Todesfall keinen RKI-Meldebogen ausfüllten, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet wären. "Füllen Ärzte dann nur die Todesbescheinigung aus, die dann wiederum an das Standesamt weitergeleitet wird und von dort ans Gesundheitsamt, dauert das ein paar Tage", sagte Institutsleiter Bertram Häussler der "Welt".

Langwierige Zuordnung der Verstorbenen

Das größte Problem für die Gesundheitsämter sei dann, dass sie den Todesfall einem gemeldeten Verdachtsfall zuordnen müssten. "Erst wenn beides vorliegt, kann die verstorbene Person nach dem Infektionsschutzgesetz als Covid-Toter an das RKI übermittelt werden. Diese Zuordnung ist aufwendig und erfordert Zeit, die das Gesundheitsamt nicht hat", so Häussler.

Der Institutschef sagt, die Politik habe "einen Mega-Lockdown auf Basis unbrauchbarer Zahlen" beschlossen. Tatsächlich sei die Verschärfung nicht nötig gewesen, da die bestehenden Maßnahmen Wirkung zeigten. Der Rückgang der Intensivpatienten sei ein sicheres Zeichen dafür, "dass wir seit dem 4. Januar auch weniger Todesfälle haben, obwohl das im Moment nicht in den veröffentlichten Zahlen zu sehen ist".

Kein Grund zur Entwarnung

Aber auch wenn die Todeszahlen tatsächlich entsprechend den anderen Zahlen sinken, sind die Verschärfungen nicht unbedingt unnötig. Sie wurden auch - oder sogar vor allem - aufgrund der Bedrohung durch mutierte Varianten von Sars-CoV-2 vorbeugend beschlossen. "Wir müssen jetzt was machen, wenn wir speziell das Aufkeimen der Mutante in Deutschland noch beeinflussen wollen. Später kann man das nicht mehr gut machen, dann ist es zu spät", sagte Virologe Christian Drosten in seinem jüngsten NDR-Podcast.

Die Bedrohung sieht auch Bertram Häussler. Für ihn genügt es aber, bei lokalen Ausbrüchen hohe Sequenzierungen vorzunehmen, um herauszufinden, ob die Infektionen auf die Mutation zurückzuführen sind oder auf das "klassische Virus", das man im Moment weitgehend im Griff habe.

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Quelle: ntv.de/Klaus Wedekind