Psychologe erklärt das Misstrauen und die Missgunst

Impfneid: Nach der Spritze kommt der Shitstorm

Diplom-Psychologe Dirk Baumeier
Diplom-Psychologe Dirk Baumeier

14. April 2021 - 17:27 Uhr

Beschimpfungen wegen Corona-Impfungen

Die Impfungen in Deutschland nehmen Fahrt auf, immer mehr Menschen bekommen die heißersehnte Spritze. Doch mit der Diskussion um Privilegien für Geimpfte kommt auch der Neid. Wer wie Erotikmodel Micaela Schäfer oder der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann seine Impfung bereits erhalten hat und davon im Internet berichtet, der kann davon ausgehen, dass es mindestens kritische Kommentare gibt oder es gleich Beschimpfungen hagelt. Hinter Misstrauen und Missgunst der Menschen steckt ein uraltes Phänomen: Der Neid. Diplom-Psychologe Dirk Baumeier erklärt, was es damit auf sich hat – und warum er auch etwas Gutes hat.

Die Todsünde des Neides

Baumeier erklärt, dass der Neid so alt sei wie die Menschheit. Früher hätte man sogar von der Todsünde des Neides gesprochen. Menschen würden allgemein unruhig werden, wenn sie das Gefühl hätten, dass andere Menschen besser behandelt werden als sie selbst.

Der Impfneid ist eine Spezialform: Jemand wünscht sich eine Impfung, muss aber noch warten.

„Bedürfnis nach Gerechtigkeit“

In uns Menschen sei das "Bedürfnis nach Gerechtigkeit" tief verankert, wie Baumeier erläutert. Deshalb würden wir nach Gleichbehandlung streben.

Baumeier: "Bei Impfneid handelt es sich um einen Spezialfall, weil wir in den zurückliegenden Wochen in verschiedenen europäischen Staaten mitbekommen haben, dass zum Beispiel Politiker ihre Position ausgenutzt haben, um sich impfen zu lassen – obwohl sie vom Alter her noch nicht dran gewesen wären. Das löst natürlich Widerwillen in den Menschen aus."

Die Aussicht auf zusätzliche Freiheiten verstärkt das Begehren nach den Impfungen zusätzlich.

Manche können schwer ertragen, dass sie schuldlos zurückgesetzt werden

Bei der Diskussion um Freiheiten für Geimpfte spielt dieser Gerechtigkeitssinn eine große Rolle:

Baumeier: "Solange nicht allen Menschen ein Impfangebot gemacht worden ist, empfinden wir Privilegien für Geimpfte als ungerecht. Denn wir können ja nichts dafür, dass wir vom Alter her oder von unserer Risikoeinschätzung her nicht zu der Gruppe gehören, die ein Impfangebot bekommen."

Um den Neid der anderen nicht zu provozieren, würden geimpfte Menschen mitunter sogar zögern, diese Impfung bekannt zu machen, wie Baumeier erklärt. Trotz der negativen Aspekte des Neides sieht der Psychologe allerdings auch positiven Aspekte: Neid könne auch ein Ansporn sein und der Spezialfall Impfneid würde zeigen, dass die Impfbereitschaft wachsen würde.

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