So trainiert es sein Immunsystem

Ihr Kind ist krank? Umso besser!

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10. Oktober 2019 - 16:11 Uhr

Der Aufbau des Immunsystems bei Kindern braucht Training

Wer kleinere Kinder hat, kann ein Lied davon singen: Kinder sind gefühlt immer krank. Magen-Darminfekte, Schnupfen, Husten und Fieber - die Anzahl und Varianten an Krankheiten ist schier endlos. Vor allem vor den Wintermonaten graust es vielen Eltern, dann beginnt die Hochsaison der Familienseuchen.

Aber es gibt eine wirklich gute Botschaft an all die Eltern, die frustriert Rotznasen wischen, Wadenwickel machen und wieder einmal bei der Arbeit mitteilen müssen, dass sie wegen ihres kranken Kindes zu Hause bleiben müssen? Ja, und zwar: Infekte sind toll, denn sie trainieren das Immunystem Ihres Kindes. Und war das Immunsystem erst einmal häufig genug im Trainingslager, sinkt bei älteren Kindern (und Erwachsenen) die Anzahl an Infekten. 

Gesundheitsexperte Dr. Christoph Specht erklärt, warum Infekte so wichtig für unsere Kinder sind.

Immunsystem trainieren: geht das?

Wir alle sind ständig Keimen und Bakterien ausgesetzt. Wir können ihnen nicht ausweichen, sie sind überall. In der Luft, an Gegenständen, am Boden. Damit wir nicht ständig Opfer dieser kleinen Fieslinge werden, haben wir unser Immunsystem. Unsere körpereigene Gesundheitspolizei bildet zu jedem unbekannten Keim oder Virus individuelle Antikörper. Begegnet uns dieses Virus oder dieser Keim dann noch einmal, kann sich unser Körper mit Hilfe dieser Antikörper dagegen wehren. Aber dieses Immunsystem aufzubauen, braucht Übung: "Ähnlich wie ein Muskel, der wächst, indem ich ihn trainiere, muss auch das Immunsystem trainiert werden", erklärt Allgemeinarzt Dr.Specht. 

Deshalb sollten Sie sich freuen, wenn Ihr Kind Infekte hat. So trainiert und stärkt es sein Immunsystem. Und profitiert davon den Rest seines Lebens.

Infekt hier, Infekt dort - wie viele sind normal?

Eltern müssen jetzt ganz tapfer sein: Bis zu zwölf Infekte pro Jahr sind bei Kleinkindern völlig normal, so der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Dr. Specht beruhigt ein wenig: "Solche Zahlen sind immer relativ. Es gibt Jahre mit hohen Infektraten und solche, in denen weniger Kinder (und Erwachsene) erkranken." Er würde eher von fünf bis sechs Infekten pro Jahr ausgehen.

Immunsystem-Training: guter Schutz vor Allergien

Und noch eine gute Nachricht für alle infektgeplagten Eltern: Wer früh übt, wappnet sein Immunsystem nicht nur gegen Schnupfen und Dreitagefieber. Kinder, die vor dem ersten Geburtstag mindestens zwei Virus-Infektionen durchgemacht hatten, litten später nur halb so häufig an Asthma wie Kinder, die in dieser Zeit infektfrei waren. Das fanden Forscher von der Berliner Charité und der Uni-Klinik München heraus, die in den Neunzigerjahren mehr als 1.300 Kinder von der Geburt bis zum 7. Lebensjahr begleiteten und ihre Infekte dokumentierten.

Wie kann ich mein Kind bei der Stärkung des Immunsystems unterstützen?

Für alle, die ihre Kinder bei ihrem Immunsystem-Training unterstützen wollen, hat Dr. Specht einige Tipps. Die sind zwar nicht neu, aber der Arzt ist überzeugt: "Es ist kein Wunder, dass es immer wieder dieselben (vermeintlich kleinen) Tipps sind, die Eltern mit auf den Weg gegeben werden. Denn: sie helfen!"

Nicht zu viel Hygiene!
Wir werden alle immer hygienischer. Und das Desinfektionsspray gehört bei vielen Eltern neben Windeln und Feuchttüchern schon zur Grundausstattung. Völlig überflüssig - und sogar schädlich. Da ist Dr. Specht sich sicher, denn nur wenn Kinder in Kontakt mit Keimen, Viren und Bakterien kommen, kann sich das kindliche Immunsystem aufbauen. Übrigens: Studien zeigen, dass Eltern, die den Schnuller der Kinder vom Boden aufheben und einfach ablecken, ebenfalls etwas Gutes für das Immunsystem der Kleinen tun.

Viel (ausreichend) schlafen
Dieser Punkt liegt dem Gesundheitsexperten besonders am Herzen. Vor allem wenn die Kinder älter werden, käme der Schlaf oft zu kurz (in unserer Schlaftabelle können Sie nachlesen, welche Schlafdauer für Ihr Kind richtig ist). Dass Ihr Kind genügend Schlaf bekommt, ist für seine Gesundheit besonders wichtig, weil im Schlaf die Anzahl an Abwehrzellen steigt. So belegen neueste Studien der Universität Lübeck und Tübingen rund um Forschungsleiterin Tanja Lange: bereits drei Stunden Schlafmangel kann das Immunsystem beeinträchtigen. 

Bewegung an der frischen Luft
Bewegung – egal bei welchem Wetter und am besten im Wald – gewöhnt das Immunsystem der Kinder an den Wechsel zwischen Warm und Kalt. Das produziert gleichzeitig Abwehrzellen und ist ein weiterer Trainingsbooster für das Immunsystem.

Und wie lange dauert die Immunsystem-Trainingsphase?

Es wird besser! Nach einigen Jahren ist das kindliche Immunsystem genügend trainiert und die Infekte werden seltener. Bereits nach dem dritten Geburtstag geht es deutlich bergauf. Und bei Schulkindern muss man nicht mehr bei jedem Kratzen im Hals eine langwierige Bronchitis befürchten. "Kinder brauchen etwa fünf Jahre, um ihr Immunsystem zu trainieren", so Dr. Specht. 

Für alle, die sich noch in der Kinderkrankheits-Hölle befinden: Hier erfahren Sie, welche Rechte berufstätige Eltern mit kranken Kindern haben.