Charité-Direktor schlägt Alarm

Hungern gegen die Angst! Immer mehr Essstörungen wegen Corona

Viele Fälle von Essstörungen durch die Pandemie. Foto: Symbolbild
Viele Fälle von Essstörungen durch die Pandemie. Foto: Symbolbild
© Petair - Fotolia

20. Dezember 2021 - 17:23 Uhr

Nicht genug Therapie-Plätze

Wovor in den Intensiv-Stationen immer wieder gewarnt wird, ist bei den Kinder- und Jugendpsychiatrien schon lange Realität: Wegen Corona sind sie hoffnungslos überfüllt. Der verantwortliche Direktor der Charité, Dr. Christoph Correll, sagt: "Wir haben nicht die Kapazitäten, alle zeitgerecht wirklich zu betreuen." Dabei brauchen vor allem jugendliche Mädchen dringend Hilfe.

Oft monatelange Wartezeiten

Was tun, wenn der geregelte Tagesablauf wegbricht, das Training im Sportverein ausfällt, die ausgelassenen Treffen mit Freunden weniger werden? Vor allem jugendliche Mädchen reagieren mit einer gefährlichen Essstörung. Laut Klinik-Leiter Dr. Christoph Correll von der Berliner Charité brauchen nicht nur mehr Patientinnen eine Behandlung, sie sind auch kränker unterernährter als noch vor der Pandemie: "Es ist für Mädchen anscheinend ein Regulationsmechanismus, sich selbst wieder vom Selbstwert zu stabilisieren, sich Sicherheit zu geben, Kontrolle zu übernehmen und das durch Essstörungen zu tun, weil man da genau messen kann, was ich gerade gemacht hab'."

Eine vermeintliche Kontrolle über den eigenen Körper und das eigene Essensverhalten, in Zeiten in den ansonsten große Unsicherheit herrscht. Denn ausgelöst wird die Essstörung durch die Folgen der Pandemie. Zum einen fallen Formen der Selbstkontrolle wie beispielsweise Sport- oder Musikunterricht weg. "Zum anderen gibt es die Außenregulation weniger, dass ein Lehrer, ein Trainer oder auch andere Kinder und Jugendliche drauf gucken: 'Mensch, du isst ja gar nichts, du bist so dünn geworden, was ist denn los mit dir?'", Correll.

Anstieg von 30% der Kontakte von Suizidberatungsstellen

Das hat nicht nur Essstörungen zur Folge, auch die Zahl der Depressionen steigt. Mit dramatischen Folgen. Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa spricht von einer "Eskalation der Ängste." Und die drückt sich in dramatischen Zahlen aus. Allein während des zweiten Lockdowns ist die Zahl der Kontakte der U25-Suizidpräventionsberatung um 30% gestiegen. Bei der Caritas sorgt man sich um langfristige Folgen: "Man kann nicht sagen, wenn morgen die Pandemie zu Ende ist, ist auch die Belastung zu Ende. Sondern die Ängste, die Depressionen die heute wirksam werden, werden morgen und übermorgen ihre Spuren hinterlassen", sagt die Caritas-Präsidentin Welskop-Deffaa.

Umso besorgniserregender, dass die Zahl der Beratungsangebote und Therapieplätze bei weitem nicht ausreicht, um allen schnell zu helfen: "Kinder und Jugendliche, die geöffnet sind für ein Hilfsangebot, müssen Wochen und Monate lang auf einen Platz warten und in dieser Phase kann alles wieder zusammenbrechen, was vorher an Stabilisierung aufgebaut war", sagt Welskop-Deffaa.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Pandemie als Chance für die Gesellschaft

Damit es gar nicht erst zu einer psychischen Erkrankung kommt, rät Dr. Christoph Correll von der Berliner Charité zu drei Bewältigungsstrategien.

  1. Kontaktausgleich durch das Internet. Zwar ist das Netz oft gescholten, doch richtig eingesetzt kann es dabei helfen, den Kontakt zur Welt zu halten und soziale Verluste auszugleichen.
  2. Bewegung draußen in der Welt. Deshalb drängt der Klinik-Leiter die Politik dazu, unter allen Umständen Parks und Spielplätze offen zu halten.
  3. Soziale Kontakte beibehalten. Unter psychischen Gesichtspunkten ist gerade für Jugendliche "Social Distancing" genau die falsche Herangehensweise. Treffen sind also erwünscht, es sollte aber natürlich eine körperliche Distanz vorhanden sein, um die Gefahren eine Ansteckung zu minimieren.

Und zumindest in einem Punkt kann Correll den Folgen der Pandemie sogar etwas positives abgewinnen "Ich sehe in der Pandemie eine Riesenchance für psychisch Erkrankte und für uns als Gesellschaft, psychische Belastungen und Erkrankungen zu entstigmatisieren. Weil es jetzt nicht mehr nur Randgruppen sind, denen es schlecht geht und die sich psychosozial benachteiligt oder belastet fühlen." Denn wenn Corona eines gezeigt hat, dann dass psychische Belastungen jeden treffen können. (mch)

Lese-Tipp: Magersucht, Bulimie, Binge-Eating-Störung & Co.: Das sind die Anzeichen für eine Essstörung