Psychoterror, Schläge und Tritte

Häusliche Gewalt gegen Männer: Tami wurde von seiner Freundin über Jahre misshandelt

02. Juni 2020 - 8:22 Uhr

"Sie hat meinen freien Willen gebrochen"

Tami Weissenberg wurde von seiner damaligen Freundin über viele Jahre hinweg kontrolliert, terrorisiert und geprügelt. Das ging so weit, dass er nicht einmal mehr selbstständig ohne ihre Erlaubnis zur Apotheke gehen durfte, um sich ein Medikament zu besorgen. Schläge und Verbalattacken gehörten zum Alltag. RTL hat er erzählt, wie er diese Zeit erlebt hat und wie es so weit kommen konnte. Im Video erzählt er, wie weit seine Freundin wirklich ging, um ihm zu schaden.

Die Übergriffe fingen ganz schleichend an

Zum ersten Mal spürte Tami Weissenberg (Name von der Redaktion geändert) deutlich, dass seine Grenzen überschritten wurden, als seine Freundin ihm eine Ohrfeige verpasste. So fest, "dass es kurz stumm war im Ohr", erzählt er im RTL-Interview. Auslöser sei ein aus der Sicht seiner Partnerin mangelhaftes Hotel gewesen. Weil er sich nicht wie von ihr gewünscht mit dem Direktor anlegen, ihn "runterputzen" wollte, sei sie ausgeflippt. Nach dem Schlag habe er sich benommen, beklemmt, ohmächtig gefühlt.

"Dass davor schon psychische Gewalt und Unterdrückung stattgefunden hatte, war mir so gar nicht bewusst." Über einen längeren Zeitraum habe seine Ex "räumliche, materielle, finanzielle Abhängigkeiten" geschaffen, ihn so klein gehalten, kontrolliert und unterdrückt. "Im Nachhinein betrachtet weiß ich, dass das schon eine massive Form von psychischer Gewalt war."

"Am Schluss war es Alltag"

In der Öffentlichkeiten gaben sie stets das perfekte Paar, doch hinter der Fassade eskalierten Situationen zunehmend aufgrund von Kleinigkeiten. Hatte Tami Weissenberg Obst falsch aufgeschnitten oder nicht das richtige Produkt im Supermarkt besorgt, hagelte es Erniedrigungen durch verbale Gewalt "mit massiver Fäkalsprache", Beleidungen, Anspucken, Ohrfeigen ins Gesicht und Tritte. Dieser Willkür hatte Tami wenig entgegenzusetzen. Anfangs habe er es noch geschafft, "Sanktionen zu vermeiden", indem er ihre Wünsche erfüllte, sich vornahm, "es beim nächsten Mal besser zu machen". Doch später sei ihre Wut für ihn nicht mehr vorhersehbar gewesen.

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Tami wurde sogar kriminell, um die Wünsche seiner Freundin erfüllen zu können

Zu Beginn der Beziehung habe er noch versucht, das Verhalten seiner Partnerin zu entschuldigen. Sie selbst habe in ihrer Kindheit Ablehnung, wenig Liebe, Verlust, Trennungsschmerz erfahren und sich nach Übergriffen auf ihre schwierige Kindheit berufen. "Tut mir leid, oh Gott oh Gott, das war ja wegen früher", habe sie dann gesagt. "Das hat es dann auch für mich gerechtfertigt. Ich dachte dann: 'Okay, die Ohrfeige steckst du noch weg.'" Später sprach das Paar gar nicht mehr darüber, wenn sie wieder die Hand gegen ihn erhoben hatte. Keine Entschuldigungen mehr. Keine Rechtfertigungen.

"Das ist ein ganz langer Prozess. Bis die ersten körperlichen Übergriffe stattfinden, ist zuvor schon eine ganz lange psychische Demontage am Start gewesen. Sonst klappt das nicht", sagt er. "Wenn ich einen Menschen kennenlerne und nach einer Woche klatscht der mir eine, gehe ich weg." Lange habe er weggesehen, viel ausgeblendet. Tami nennt es "Dummheit". Im Job habe er eine Fassade aufrechterhalten können, doch irgendwann habe er es nicht mehr geschafft, mit seinem Lohn die großen Wünsche seiner Freundin zu erfüllen. Er habe angefangen, sich Vorschüsse auszuzahlen, Arbeitnehmerkredite, sei sogar vor dem einen oder anderen "krummen Ding" nicht zurückgeschreckt, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. "Zum Schluss stand ich wegen Betruges vor Gericht, wo ich immer noch jeden Monat meine Geldstrafe abbezahle." Doch damals sei ihm jedes Mittel recht gewesen, um seine Ruhe vor den psychischen und physischen Übergriffen zu haben.

Tami erzählte aus Scham niemandem von den Übergriffen

Nach und nach habe er die Verantwortung für sein Leben aus der Hand gegeben. Materiell, räumlich, finanziell. Das sei so weit gegangen, dass seine Freundin ihm irgendwann diktierte: "Ich bestimme, wann du isst, was du isst, wann du Geld kriegst, wieviel Geld zu kriegst und wo du schlafen darfst." Freunde und Familie habe seine Partnerin systematisch vergrault, sie gekränkt und beleidigt, seltene Besuche zeitlich so eng getaktet, dass es kaum zu persönlichen Gesprächen kommen konnte. Sollte er anderen von den Schlägen erzählen, habe sie sogar damit gedroht, "den Spieß umzudrehen" und ihn der häuslichen Gewalt zu bezichtigen. Sie habe seinen Willen gebrochen, sagt er heute. "Ich habe mich als Diener gefühlt, der seiner Herrin um jeden Preis gefallen wollte." Trotz allem habe er immer die Hoffnung gehabt, dass es irgendwann doch besser werden würde.

Angst und auch Scham hätten ebenfalls eine Rolle gespielt. Scham darüber, zuzugeben, als Mann von einer Frau missbraucht zu werden. "Dir glaubt keiner", habe er gedacht. "Und wenn du jetzt gehst, hast du ja auch nichts." Selbst seinen Eltern habe er sich lange nicht anvertraut. Sie erfuhren später aus einem Magazinbericht von dem Schicksal ihres Sohnes, schickten ihm ein Foto des Artikels. Er fuhr sofort zu ihnen, überwand seine Scham und brach das Schweigen.

Heute leidet Tami noch immer unter Angstzuständen, seit zwei Jahren macht er eine Traumatherapie, um das Erlebte zu verarbeiten und Strategien zu entwickeln, nicht wieder in alte Muster zu fallen. Seiner Ex-Freundin gegenüber empfinde er trotz allem weder Groll noch Hass. Im Gegenteil. Mit seinem Hilfsprojekt "Schutzwohnung.de" bietet er anderen Männern, die Opfer häuslicher Gewalt sind, Hilfe an. Jene Hilfe, der er damals selbst so dringend gebraucht hätte.

Erfahren auch Sie daheim körperliche oder seelische Gewalt?

Seit einigen Wochen gibt es das bundesweit erste Hilfetelefon speziell für Männer. Unter der 0800-1239900 oder auch per Mail an beratung@maennerhilfetelefon.de erhalten Sie Hilfe. Zudem ist auch das bundesweite Opfer-Telefon des "Weißen Rings" an sieben Tagen in der Woche von 07 bis 22 Uhr für Sie unter der 116 006 erreichbar. Dort haben geschulte, ehrenamtliche BeraterInnen ein Ohr für Sie, bieten Unterstützung und zeigen Wege auf, wie Sie dem Kreislauf aus Gewalt und Demütigung entkommen können.

Helfen auch Sie Opfern häuslicher Gewalt

Dieser Beitrag ist Teil der Initiative #sicherheim der UFA, der Agentur Die Botschaft sowie der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch die Mediengruppe RTL gehört. Gemeinsam mit der Schirmherrin der Kampagne Natalia Wörner und weiteren prominenten Unterstützern setzen wir ein Zeichen im Kampf gegen häusliche Gewalt an Frauen. Bitte helfen Sie Opfern häuslicher Gewalt.

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