Ansteckende Infektionskrankheit

Gesundheitslexikon: Kinderlähmung (Poliomyelitis, Polio)

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25. Oktober 2019 - 14:36 Uhr

Kinderlähmung in Deutschland fast vergessen

Die Kinderlähmung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rasant verbreitete, ist in Deutschland heute aufgrund konsequenter Impfung fast vergessen. Allerdings haben zwischen 50.000 und 60.000 Menschen noch mit den Spätfolgen der Krankheit zu kämpfen.

Was ist Kinderlähmung?

Die Kinderlähmung, im Fachjargon Poliomyelitis oder Polio genannt, ist eine überaus ansteckende Infektionskrankheit, die viral, also durch ein Virus, übertragen wird. Es existieren drei Unterarten, wobei der Typ I der bekannteste ist, da er schwere Lähmungen hervorruft. Zwischen den drei Untertypen herrscht keine Kreuzimmunität, eine Infektion mit Typ II bedeutet also keine Immunität vor Typ I. Die Inkubationszeit - also die Zeit, die zwischen der Infektion mit den Viren und dem Ausbruch der Krankheit vergeht - beträgt circa drei bis 35 Tage.

Ursachen

Ursache der Kinderlähmung ist das Poliovirus oder auch Heine-Medin-Virus. In den meisten Fällen befällt es Kinder. Es wird in der Frühphase hauptsächlich über Tröpfcheninfektion verbreitet, später ist es jedoch per Schmierinfektion ansteckend. Über den Mund gelangt das Virus in den Darm, wo es die lokalen Lymphknoten infiziert und sich anschließend in die Blutbahn verteilt. Rasch wandert es zum Rückenmark und entfaltet dort seine toxische Wirkung: Eine Entzündungsreaktion zerstört die Nervenzellen, die hauptsächlich für die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskulatur zuständig sind.

Symptome

Bei etwa 95 Prozent der Infizierten zeigen sich keine Symptome, und das Immunsystem bildet nach einer stummen Poliomyelitis Antikörper gegen das Virus. Bei den restlichen Betroffenen unterscheiden sich die Symptome je nach Subtyp: Die abortive Poliomyelitis, eine Erkrankung ohne Beteiligung des Nervensystems, bildet etwa eine Woche nach Ansteckung unspezifische Symptome wie Übelkeit, Durchfall, Kopf- oder Gliederschmerzen aus. Diese Form betrifft etwa vier Prozent aller Polio-Fälle. Etwa zwei Prozent entwickeln eine Hirnhautentzündung (Meningitis) mit hohem Fieber, Muskelkrämpfen und Nackensteife. Nur etwa 0,1 Prozent aller Polio-Patienten zeigen nach einer scheinbar ausgeheilten aseptischen Meningitis einen erneuten Fieberschub. Dieser Typ I tritt dann in Verbindung mit typischen schlaffen Lähmungserscheinungen zutage.

Diagnose

Bei Verdacht einer Kinderlähmung muss der Betroffene sofort ins Krankenhaus gebracht und isoliert werden. Aufgrund der Symptomatik kann ein Arzt lediglich beim Verlauf des biphasischen Typ I sicher eine Diagnose stellen. Für andere Formen der Kinderlähmung müssen Labortests vorgenommen werden, um sicherzugehen, dass es sich nicht um eine bakterielle Meningitis, FSME, GBS oder Diphterie handelt. Proben aus Speichel, Stuhl oder Liquor (Nervenwasser) geben Aufschluss darüber, ob Polio-Erreger vorhanden sind. Auch im Blut finden sich bei einer Infektion spezielle Antikörper gegen das Virus.

Behandlung und Vorbeugung

Bis heute gibt es keine Heilungsmöglichkeiten von Polio. Bei einer Infektion kann man daher lediglich lindernde Maßnahmen ergreifen. Wenn es sich um eine Meningitis handelt, muss der Patient auf einer Intensivstation überwacht werden, da Vitalzeichenentgleisung und zerebrale Anfälle drohen. Bei Lähmungen und Ausfallerscheinungen haben sich spezielle Lagerungen und krankengymnastische Übungen bewährt. Die Poliomyelitis kann rückstandslos verschwinden oder bleibende Schäden hinterlassen. Dies ist durch Therapie und Behandlungsmaßnahmen jedoch nicht beeinflussbar. Als vorbeugende Maßnahme ist eine Impfung gegen die Kinderlähmung möglich und empfehlenswert.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel kann einen Besuch beim Arzt nicht ersetzen. Er enthält nur allgemeine Hinweise und darf daher keinesfalls zu einer Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung herangezogen werden.