Karl-Erivan Haub wird seit drei Jahren vermisst - RTL liegen Geheim-Dokumente vor

Tengelmann-Milliardär verschwunden: Steckt der russische Geheimdienst dahinter?

15. März 2021 - 17:54 Uhr

Von Sergej Maier und Liv von Boetticher

Vor knapp drei Jahren verschwand Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub spurlos bei einem Ski-Ausflug im Schweizer Zermatt. Alles deutete auf einen tragischen Bergunfall hin. Doch inzwischen glaubt in der Familie fast niemand mehr an einen Unfall. Reporter von RTL und ntv haben in dem Fall recherchiert – und Einblick in geheime Akten bekommen. Die Papiere weisen auf eine jahrzehntelange Verbindung des ehemaligen Firmenlenkers zum russischen Geheimdienst hin. Der mysteriöse Fall wird Teil einer großen TVNOW-Doku noch in diesem Frühjahr.

Karl-Erivan Haub soll Kontakt zum russischen Geheimdienst gehabt haben

Bisher wurden für die Suche rund 1,5 Millionen Euro aus privaten Mitteln ausgegeben. RTL/ntv liegt das umfangreiche Material mit Quellen aus Geheimdienstkreisen vor:

Der 07. April 2018 verspricht schon in den frühen Morgenstunden ein schöner Tag in Zermatt zu werden: wolkenloser blauer Himmel über dem Matterhorn. Von den Tagen zuvor gibt es wenige Zentimeter Neuschnee. Optimale Bedingungen für einen Tag am Berg. Am vorherigen Abend war Karl-Erivan Haub, genannt "Charlie", mit einem Privatjet der Firma Jet Aviation von Köln nach Sion geflogen, Ankunft in Zermatt gegen 17 Uhr.

Die letzten Stunden vor seinem Verschwinden haben die örtlichen Behörden gemeinsam mit einem Ermittlerteam minutiös rekonstruiert. Die Ermittler haben alle Kameras in Zermatt gesichtet und mit jedem gesprochen, der mit Charlie in Kontakt stand.

Interne Tengelmann-Ermittlungen: Karl-Erivan Haub spurlos verschwunden

Obwohl der Milliardär am nächsten Tag früh zu einer Skitour aufbrechen möchte, führt er an jenem Abend noch mehrere Telefonate. Darunter eines um 20:52 Uhr für 60 Minuten zu einer russischen Nummer und ein weiteres um 21:54 Uhr zu einer weiteren russischen Nummer. Dieses Mal für 48 Minuten. Am nächsten Morgen verlässt er das Hotel "The Omnia", ein feines Boutique Hotel mit Blick über Zermatt, bereits um 07:30 Uhr und nimmt die erste Gondel hinauf auf den Berg. Normalerweise dürfen bei dieser frühen Fahrt nur die Mitarbeiter der Berggasthöfe mitfahren. Für den regulären Betrieb ist sie noch nicht offen.

Die letzte registrierte Einwahl von Haubs Telefon in das Schweizer Handynetz findet um 08:33 Uhr statt. Wurde es danach ausgeschaltet oder ist es kaputt gegangen? Unklar. Das iPhone 6S mit 128 GB ist nahezu vollständig geladen (aus den Unterlagen ergibt sich ein Akkustand von 84 Prozent um 05:53 Uhr). Um 09:09 Uhr gibt es den letzten "Point of Contact": eine Kamera am Skilift der Bergstation "Klein Matterhorn" zeichnet Charlie ein letztes Mal auf. Seit diesem Moment fehlt von einem der reichsten Menschen Deutschlands, dem bis in die höchsten politischen Kreise in Deutschland und den USA vernetzten Karl-Erivan Haub, jede Spur.

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Ermittler im Haub-Fall: „Es war zu 95 Prozent kein Unfall“

Was nun beginnt ist eine beispiellose Suchaktion, die es in dieser Form wohl noch nie gegeben hat. Sie wird, im Laufe der folgenden Jahre, nahezu unfassbare Hinweise zu Tage fördern. Bisher wurden für die Suche rund 1,5 Millionen Euro ausgegeben, Ende offen. "Es war zu 95 Prozent kein Unfall", so eine anonyme Quelle gegenüber ntv.

Einen ersten Hinweis, dass Charlie womöglich keinen Unfall hatte, gibt es schon unmittelbar nach dem Start der Suchaktion: ein "auffallend unauffälliges" Pärchen mietet sich ebenfalls ins Hotel "The Omnia" ein, wo die Suchmaßnamen in einem Raum im Erdgeschoss koordiniert werden. Eine spätere Überprüfung der Pässe ergibt, dass es sich um Personen handelt, die laut Geheimdienstkreisen aus dem Umfeld des russischen Nachrichtendienstes stammen. Ein Team von RTL/ntv konnte diese Hinweise mit eigenen Quellen in Teilen verifizieren.

Karl-Erivan Haub soll Kontakt zu russischen Agenten gehabt haben

Des Weiteren ergibt eine Überprüfung der letzten Telefonkontakte einen engen Kontakt zu einer Russin namens Veronika E., ihr sind laut den geheimen Akten auch beide zuletzt angerufenen Handynummern zuzuordnen. Das RTL/ntv Team konnte sowohl die Rufnummern als auch die Zugehörigkeit zu Veronika E. verifizieren. Die Russin ist Mitinhaberin einer Eventagentur aus St. Petersburg, welche allem Anschein nach nicht in erster Linie Events organisiert. Aus den streng vertraulichen Akten geht hervor, dass es sich viel mehr um eine vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB geführte Agentur handelt, um mit Ausländern in Kontakt zu treten.

Veronika E. ist laut Quellen aus Geheimdienstkreisen eine aktive Agentin und soll einen Hubschrauberführerschein besitzen. Mit der Sache betraute Personen sind von dieser Darstellung überzeugt. Ob Karl-Erivan Haub mit der 41-jährigen in einer privaten oder beruflichen Beziehung steht oder gestanden hat, ist den als streng vertraulich eingestuften Dokumenten nicht zu entnehmen und gibt auch den Ermittlern Rätsel auf. Als gesichert gilt, dass sich Charlie und Veronika E. seit mindestens 2002 kennen und die junge Frau auch auf Einladung der Familie in die USA gereist ist.