Sie lebt seit 34 Jahren in Deutschland

Gebraucht, aber nicht geduldet? Intensivkrankenschwester Farah Demir (36) droht die Abschiebung

17. Dezember 2020 - 12:06 Uhr

Darf sie ihren Beruf bald nicht mehr ausüben?

Farah Demir reiste am 24. Juni 1986 als kleines Mädchen über die DDR in die Bundesrepublik Deutschland ein. Sie machte Abitur und absolvierte ihre Ausbildung zur Fachkrankenschwester. Heute kämpft die 36-Jährige auf der Corona-Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gegen das Virus und könnte dennoch abgeschoben werden. Warum das so ist und was Farah Demir dazu sagt - im Video.

Behörde bestreitet, dass eine Abschiebung droht

Das Foto zeigt Farah Demir in ihrer Arbeitskleidung auf der Intensivstation. Schutzanzug, Handschuhe und FFP3-Maske gehören zur Grundausstattung.
Das Foto zeigt Farah Demir in ihrer Arbeitskleidung auf der Intensivstation. Schutzanzug, Handschuhe und FFP3-Maske gehören zur Grundausstattung.
© Farah Demir/privat

Laut Aufenthaltsgesetz ist Farah, die seit 34 Jahren in Deutschland lebt, eine "geduldete Person mit ungeklärter Identität". Als solche wird sie in einem Schreiben der Ausländerbehörde Hameln vom 19.11.20 eingestuft. Man fordert Farah darin auf, bis zum 20. Dezember einen Pass oder andere Nachweise ihrer Identität vorzulegen, ansonsten drohen Konsequenzen. Im schlimmsten Falle die Abschiebung. Die Behörde selbst bestreitet, dass eine Abschiebung in dem Schreiben Thema gewesen oder geplant sei. "Die Duldung wird aktuell nicht aufgehoben, der Aufenthalt wird weiterhin geduldet. Es droht somit keine Abschiebung." Doch was, wenn am 20. Dezember die Frist verstreicht, ohne, dass entsprechende Identitätsnachweise erbracht werden konnten? Bisher war Farah Demirs Duldung immer "zwischen zwei Wochen und sechs Monaten verlängert worden", so die Fachkrankenschwester. "Ganz nach belieben des Sachbearbeiter." Wie es nun weiter geht, ist ungewiss.

Die sogenannte "Duldung light" für Personen mit ungeklärter Identität nach § 60b AufenthG wurde zum 01. Januar 2020 eingeführt. Dass Farah nun so eingestuft worden ist, verschärft ihre Lage. Denn gemäß §60b Abschnitt 5 AufenthG darf "geduldeten Ausländern mit ungeklärter Identität die Ausübung einer Erwerbstätigkeit nicht erlaubt werden". Heißt, dass Farah Demir neben der Abschiebung de facto auch noch ein Beschäftigungsverbot droht. Und das in einem Beruf, der in Pandemiezeiten mehr denn je gebraucht wird.

Farah bezeichnet Deutschland als ihr "Mutterland"

"Der Libanon ist mein Vaterland", sagt Farah Demir, die ihrer Geburtsurkunde zufolge in Beirut zur Welt kam, im RTL-Interview. "Da bin ich geboren und da war ich bis zu meinem zweiten Lebensjahr und dann kam ich nach Deutschland. Und Deutschland wurde zu meinem Mutterland, weil Deutschland mich aufgezogen hat, Deutschland hat mich gebildet, Deutschland hat mich ausgebildet, Deutschland hat mich erzogen." Hier seien ihr Lebensmittelpunkt, Familie und Freunde.

"Ich bin seit 15 Jahren geduldet, davor war ich fast Deutsche", erzählt Farah, die jeden Tag Schwerstkranken und ihren Angehörigen zur Seite steht. "Dann nahmen sie mir dieses fast-Deutsche weg und gaben mir eine Duldung. Sie setzten mich mit Kriminellen gleich und manchmal fühle ich mich auch so. Und ich weiß gar nicht warum. Ich schäme mich für diese Probleme, ich schäme mich dafür, dass ich diese Probleme habe."

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Personenregisterauszug soll belegen, dass Familie Demir aus der Türkei stammt

Noch 1986 war ihre Geburtsurkunde aus dem Libanon als echt anerkannt worden, alles schien gut. Die Familie erhielt später eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, doch die wurde 2008 samt aller Pässe von der Ausländerbehörde kassiert. Der Grund: 2006 war plötzlich ein Auszug aus einem türkischen Personenregister aufgetaucht, der bescheinige, dass die Familie türkischer Herkunft sei. Türken fielen jedoch nicht in die geltende Bleiberechtsregelung, so das Amt in einer Stellungnahme. Seither ist die Familie in Deutschland nur noch geduldet.

Farah kann sich das nicht erklären, sie sagt, das Dokument, in dem sämtliche aufgelistete Geschwister dasselbe Geburtsdatum haben und sich lediglich die Geburtsjahre unterschieden, sei falsch. Der Auszug liegt RTL vor. Farah habe beim türkischen Konsulat und bei der türkischen Botschaft angefragt, um sich bescheinigen zu lassen, dass Angaben aus dem Personenregister nicht stimmen. Doch man habe ihr Ersuchen abgelehnt, ihr sogar mit strafrechtlichen Konsequenzen gedroht. "Mir wurde vorgeworfen, ich hätte diesen selbst erstellt und er sei gefälscht", so Farah Demir. "Leider weigerte sich das türkische Generalkonsulat mir diesbezüglich ein schriftliches Schreiben auszuhändigen, um es der Ausländerbehörde vorzulegen." Die Ausländerbehörde in Hameln beharrt hingegen auf der Echtheit des Dokuments, sagt in einer Stellungnahme, dass eine "zufällige Übereinstimmung aller elf Vornamen ausgeschlossen werden konnte". Zudem hätten sich damals von der Familie vorgelegte Identitätsnachweise mit Lichtbild "als Fälschung erwiesen".

Farahs Versuche, bei der libanesischen Botschaft einen Pass zu bekommen, hätten zu nichts geführt, sagt die 36-Jährige. Ihr Antrag, deutsche Staatsbürgerin zu werden, sei drei Mal abgelehnt worden, weil auf ihrer Geburtsurkunde der offizielle Stempel aus Beirut fehle. Auch Härtefallkommissionen und Ministerien bat sie um Hilfe – erfolglos.

"Diese ganzen Stimmen brüllen für mich und jetzt wird gehört"

Die MHH – übrigens eine staatliche Einrichtung – macht sich in einer eigens ins Leben gerufenen Petition nun für ihre Intensivkrankenschwester stark. Die Forderung der Klinik: "Migranten in systemrelevanten und sozialen Berufen brauchen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, denn wir sind auf sie angewiesen."

Dass sich ihre Kollegen und ihr Arbeitgeber so für sie einsetzen, berühre Farah Demir zutiefst. "15 Jahre kämpfe ich schon gegen die Behörden an. Ich hatte keine Chance", sagt sie. "Ich habe alleine gebrüllt, aber es hat mich niemand gehört. Jetzt brüllen meine Kollegen für mich und diese ganzen Stimmen brüllen für mich und jetzt wird gehört."

"Sie ist eine Deutsche und deshalb gehört sie zu uns"

"Die Situation von Frau Demir trifft uns tief im Herzen", sagt ihre Kollegin Kerstin (40), ebenfalls Fachkrankenschwester an der MHH. "Es ist uns völlig unverständlich, wie in einer Situation wie dieser (...) eine Krankenschwester, die hoch qualifiziert ist und die wir sehr schätzen, jetzt in eine Situation kommt, wo sie in kurzer Zeit das Land verlassen soll." Ihre Hoffnung: "Ich wünsche mir, durch alles, was wir jetzt versuchen zu tun, dass sie am Ende einen deutschen Pass in der Hand hält, weil sie hier groß geworden ist, zur Schule gegangen ist, hier arbeitet, Steuern zahlt. Sie ist eine Deutsche und deshalb gehört sie zu uns."

Wie hoch der Leidensdruck der jungen Frau ist, zeigt auch die Erzählung von Timm Daron (28), der Fachkrankenpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie am MHH ist. "Farah war noch nie im Urlaub, weil sie wegen ihrer Duldung nur einen gewissen Bewegungsradius hat." Mit ihr zusammen habe er vor zwei Jahren die Fortbildung für die Intensivmedizin gemacht, im Zuge derer auch eine mehrtägige Exkursion stattgefunden habe. Mit Übernachtung." Farah durfte nicht, Farah musste jeden Abend nach Hause fahren, da sie nicht an einem ihr nicht genehmigten Ort die Nacht verbringen durfte. Das ist abstrus!"

Er hoffe, dass Farah nach Jahrzehnten der Unsicherheit und fehlenden Zukunftsperspektiven endlich zur Ruhe kommen könne. Dass sie vielleicht sogar eines Tages in den Libanon, "das Land ihrer Vorfahren" reisen darf. "Ich sage bewusst nicht Heimat, denn die Heimat ist hier."

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