Red Bull mault: „Keine klare Linie“

Track Limits? Auf der Strecke könnte die Linie nicht klarer sein!

06. Mai 2021 - 15:05 Uhr

Von Alessa-Luisa Naujoks

Armer Max Verstappen: War er doch auf bestem Weg, sich mit den finalen Metern in Portimao ein WM-Zusatzpünktchen durch die schnellste Rennrundenzeit zu schnappen – wären da nicht die heimtückischen Track Limits in Kurve 14 gewesen. Rundenzeit gestrichen. Ausgerechnet beim Rivalen von Lewis Hamilton wurden in der allerletzten Runde die Regeln konsequent durchgezogen. Okay, vorher bei allen anderen 19 Autos natürlich auch. Nur sieht das Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko etwas anders. Im RTL/ntv-Interview meckert er über "keine klare Linie" bei den Strafen für das Verlassen der Strecke – oben im Video. Hätte sich sein Schützling Verstappen aber einfach an die mehr als klare weiße Linie auf dem Asphalt gehalten, könnte er sich das "ganze Theater" sparen.

Marko stellt Notwendigkeit der weißen Linie infrage

Ginge es nach Marko, sollte die Formel 1 die "Notwendigkeit der weißen Linien" als Streckenmarkierung hinterfragen. Wer braucht sie schon? Gesucht wird der schnellste Weg ins Ziel – ob über Asphalt, Auslaufzone, Gras oder Kies? Wen interessiert's. Am besten, wir schaffen die Ziellinie gleich mit ab.

Schwachsinn!

Klar, auf einigen Rennstrecken dieser F1-Generation gibt es zu viele asphaltierte Auslaufzonen. Vor allem den Traditions-Liebhabern untern den Motorsport-Fans – wie es auch der 78-jährige Marko zu sein scheint – ist das ein Dorn im Auge, sorgen Gras und Kies doch für so viel mehr Drama! Erinnern wir uns nur mal an Sebastian Vettels Horror-Hockenheim-Patzer, als er 2018 in Führung liegend vor heimischem Publikum ins Kiesbett rutschte und aussteigen musste.

 33 Max Verstappen NED, Red Bull Racing, F1 Grand Prix of Portugal at Autodromo Internacional do Algarve on May 1, 2021 in Portimao, Portugal. Photo by HOCH ZWEI Portimao Portugal *** 33 Max Verstappen NED, Red Bull Racing , F1 Grand Prix of Portugal
Für so einen Move wurde Max Verstappen in Portugal bestraft - seine schnellste Rennrunde wurde gestrichen.
© imago images/HochZwei, HOCH ZWEI via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Viel Asphalt – viel Sicherheit

Dass Vettel dort aber eigentlich gar nicht hätte langfahren sollen, das war dem Deutschen nicht nur durch den Kies vor der Nase bekannt, eben auch durch die weiße Streckenmarkierung. Und die Regeln besagen nun mal mehr als deutlich: Die Piloten dürfen die vorgegebene Piste nicht mit beiden Rädern verlassen, wenn sie sich dadurch einen Vorteil verschaffen. Da kann dahinter noch so viel asphaltierter "Platz en masse" sein, wie Marko meint. Vorteil ist Vorteil, Regelverstoß ist Regelverstoß.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die weiten Auslaufzonen zur Sicherheit der F1 beitragen. Niemand von uns möchte wohl noch einmal solche Schrecksekunden wie in Bahrain 2020 erleben, als ein Feuerball über Romain Grosjeans Haas aufging und für wenige Momente keiner so genau wusste, was da gerade mit dem Franzosen geschah. Um das Risiko zu verringern, braucht es klare Richtlinien. Und eine davon ist und bleibt die weiße Streckenmarkierung.

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Red-Bull-Pech? Ja. Benachteiligung? Nein.

Dass zum Saisonauftakt in Bahrain die Track Limits während des Rennens angepasst wurden und Verstappens möglicher Sieg genau dieser Veränderung zum Opfer fiel? Es war riesiges Red-Bull-Pech. Aber: Auch Sieger Hamilton musste sich nach dem Regel-Update an die neue Vorgabe halten.

Dass Marko nicht vergessen hat, dass in eben jener Kurve zuvor die beiden Mercedes "über 20 Mal" die Strecke verlassen hätten, ist verständlich. Der Knackpunkt war bloß: Hamilton und Valtteri Bottas machten dies bei freier Fahrt, "gaining an advantage" (dt. einen Vorteil bekommen) war damit nicht glasklar erfüllt. Bei Verstappen hingegen schon: Er konnte Hamilton durch das Verlassen der Strecke überholen. Ein "lasting advantage", ein bleibender Vorteil in Form des Platzgewinns laut § 27.3 des Sport-Reglements. Und deshalb musste Verstappen ihn wieder vorbeiwinken. Vollkommen regelkonform.

Red Bull sitzt im Track-Limit-Glashaus – und eigentlich wollen sie da auch gar nicht weg

Trotzdem macht sich das Gefühl bei Red Bull breit, man sei bei der Bestrafung für das Missachten von Track Limits benachteiligt, da diese Regel beim Team aus Milton Keynes "am konsequentesten" angewendete werden würde. Nun ja, wer im besagten Glashaus sitzt, sollte einfach nicht mit Steinen werfen: Wer sich durch das Missachten der weißen Linie einen Sieg, eine Pole oder die schnellste Runde inklusive WM-Pünktchen schnappen könnte, der steht einfach unter genauer Beobachtung.

Wenn stattdessen Vettel im schwachen Aston Martin die weiße Linie um Millimeter im Kampf um Platz 12 verpasst? Tja, dann hält sich die Aufregung dabei nun mal in Grenzen. Und doch bin ich sicher, dass Helmut Marko mit seinem Team einen Rollentausch dankend ablehnen würde. An der Spitze des Feldes fährt es sich mit all den weißen Linien unter der Lupe der Rennleitung dann doch besser.

Und so lenkte der RB-Motorsportberater ja auch etwas ein, suchte das Gespräch mit Verstappen und erklärte: "Wenn wir schon so im Fokus stehen, dann muss Max halt versuchen, dass er diese Limits - so unsinnig sie in manchen Situationen sind - einhält." Aber eines Tages 2021, da wird bestimmt auch ein Herr Marko den Sinn der weißen Linien erkennen. Dann, wenn Hamilton oder Bottas dank dieser Markierung im Kampf gegen Red Bull das Nachsehen haben.

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