Fehlzeitenreport 2020: Wenn der Chef einen krank macht

"Bauchschmerzen, wenn man morgens zur Firma fährt" - eine Betroffene erzählt

12. Oktober 2020 - 9:08 Uhr

Psychischer Druck vom Arbeitgeber führt zu mehr Fehltagen

Der diesjährige Fehlzeitenreport beschäftigt sich mit dem Thema "Gerechtigkeit und Gesundheit", denn Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz wirkt sich auf die Gesundheit von Beschäftigten aus. Das ist eine der zentralen Aussagen der Studie und besonders Führungskräfte spielen dabei eine wichtige Rolle. "Mein Chef machte mich krank", sagt auch Heike Jannsen. Wir haben mit ihr zu ihren persönlichen Erlebnissen im Arbeitsalltag gesprochen und gefragt, warum der Chef sie krank gemacht hat. Die ganze Geschichte im Video!

"Es kam immer mehr Druck. Irgendwann kann man nicht mehr."

Heike Jannsen hat sich von der schweren Zeit erholt
Heike Jannsen (51) litt unter extremen Druck am Arbeitsplatz
© rtl.de

Heike Jannsen (51) arbeitete von Juni 2010 bis Oktober 2013 in einer Werbeagentur. Ihre Aufgabe war es, Werbekunden zu generieren - also sowohl Altkunden bei der Stange zu halten und Neukunden zu gewinnen. Die ersten zwei Jahre war die Arbeitsatmosphäre in Ordnung, aber dann fing es an: Ihr Chef war laut der Mönchengladbacherin nie zufrieden mit ihr, egal was sie machte. Der Druck war enorm. Das Betriebsklima war für sie deswegen insgesamt sehr kühl.

Irgendwann leidet die Mönchengladbacherin durch den extremen Druck unter Bauchschmerzen und Durchfall - fast einen ganzen Monat. "Irgendwann geht das alles auf die Psyche. Man bekommt Bauchschmerzen, wenn man morgens zur Firma fährt", erklärt sie. Ihr Hausarzt überweist sie sogar ins Krankenhaus für 14 Tage. Insgesamt nimmt sie 13 kg ab.

Erst die Krankschreibung, dann die Kündigung

Nach dem Krankenhausaufenthalt sollte alles besser werden, der Chef versprach das per Handschlag. Doch nach 1,2 Wochen war alles wieder wie früher. Heike Janssen leidet weiter. Sie hat wieder Panik vor ihrem Chef und bekommt weitere Magenkrämpfe. "Es kam immer mehr Druck- Irgendwann kann man nicht mehr", erinnert sie sich an diese Zeit. Eines Tages hätte ihr Chef die Hand ihr gegenüber gehoben, er konnte sich aber dann doch noch beherrschen und verließ das Büro. Daraufhin ließ sich Heike Jannsen sich krankschreiben. Einen Tag später steht ihr Chef zu Hause vor der Wohnungstür und übergibt ihr die Kündigung.

Psychische und körperliche Beschwerden als Folge der gefühlten Ungerechtigkeit

So wie Heike Jannsen geht es vielen Arbeitnehmern. Die Gruppe der Berufstätigen, die ihren Chef als eher ungerecht wahrnehmen, weist im Durchschnitt 15,0 Fehltage auf. Diejenigen, die ihren Vorgesetzten die besten Noten für Fairness geben, kommen durchschnittlich auf nur 12,7 Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr. Das ist ein Ergebnis des Fehlzeiten-Reports 2020 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. "Gefühlte Ungerechtigkeit bringt dabei insbesondere emotionale Irritationen und psychosomatische Beschwerden mit sich", sagt Helmut Schröder, Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports 2020.

Nahezu ein Viertel der Beschäftigten, die sich von ihrem Vorgesetzten ungerecht behandelt fühlen, berichtet über Gefühle der Gereiztheit wie Wut und Ärger (23,3 Prozent). Sogar körperliche Beschwerden – ähnlich wie sie auch Heike Jannsen erlebt hat – kommen vor: Rücken- und Gelenkschmerzen (25,8 Prozent) oder Kopfschmerzen (10,2 Prozent). Was für Arbeitnehmer im Job vor allem zählt, sind Anerkennung, Vertrauen und eine faire Streitkultur. Hier gibt es für die Chefs noch Nachholbedarf, damit der Beruf nicht krank macht.