Naiver Freund – oder eiskalter Mörder?

Ex-FBI-Agent zum Fall Jens Söring: "Die Ermittler haben gelogen"

4. Dezember 2019 - 10:29 Uhr

Im Video: Ex-FBI-Agent Stanley Lapekas exklusiv im RTL-Interview über den Fall Jens Söring

29 Jahre lang sitzt der deutsche Diplomatensohn Jens Söring in den USA im Gefängnis – verurteilt wegen des Mordes an den Eltern seiner Freundin. Immer wieder beteuert er seine Unschuld, immer wieder scheitern seine Revisions- und Berufungsanträge. Vergangene Woche dann die überraschende Nachricht: Söring kommt auf Bewährung frei, soll nach Deutschland abgeschoben werden. Aber: Freigesprochen ist er nicht – der Schuldspruch gilt weiterhin. Ist Söring tatsächlich ein Mörder? RTL-Reporterin Janina Beck hat mit dem pensionierten FBI-Agenten Stanley Lapekas gesprochen. Lapekas ist überzeugt, dass Söring die Morde nicht begangen hat. "Die Ermittler haben gelogen", sagt er. "Mit diesem Fall stimmt etwas grundlegend nicht." Wie er seinen Verdacht begründet, sehen Sie im Video.

Mord an der Haysom-Familie: Wurde Jens Söring schlechtes Timing zum Verhängnis?

Jens Söring gibt im Gefängnis Buckingham Correctional Center ein Interview. Söring soll 1985 in den USA einen Doppelmord begangen haben. Jetzt kommt der Deutsche frei - und soll in sein Heimatland abgeschoben werden
Jens Söring bei einem Interview im Gefängnis.
© dpa, Steve Helber, SH lop

April 1985: In Lynchburg, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Virginia, werden die verstümmelten Leichen von Derek und Nancy Haysom gefunden. Mit Messerstichen übersät, die Kehlen durchgeschnitten – ein schockierend brutaler Mord. Die Tochter der Toten, Elizabeth Haysom, sowie ihr damaliger Freund Jens Söring geraten unter Verdacht. Sie nehmen Reißaus. Nach einem Jahr auf der Flucht werden die beiden schließlich in London verhaftet.

Haysom, eine Kanadierin, wird rasch an die USA ausgeliefert – Söring hingegen erst vier Jahre später, unter der Bedingung, in Amerika nicht zum Tode verurteilt zu werden. Diese Verzögerung sei Söring womöglich zum Verhängnis geworden, meint Ex-FBI-Agent Stanley Lapekas: "Es gibt bei uns in der Strafverfolgung ein Sprichwort: 'Wer zuerst unterm Baum sitzt, bekommt den Schatten ab.'" Soll heißen: Wer zuerst mit den Ermittlern spricht, gewinnt.

Elizabeth Haysom wurde zuerst in die USA gebracht, gestand ihre Verwicklung in die Morde und sagte gegen Söring aus. Damit, sagt Lapekas, habe sie als Erste wichtige Informationen zur Klärung des aufsehenerregenden Mordfalls beigesteuert – das hätten die Ermittler ihr zum Vorteil ausgelegt. Man habe sich deshalb entschieden, ihrer Version der Ereignisse zu folgen. Dass Söring sein Geständnis später widerrief und behauptete, er habe die Tat aus Liebe auf sich genommen, habe dann keine Rolle mehr gespielt.

Er will die Tat aus Liebe auf sich genommen haben: FBI-Täterprofil spricht angeblich gegen Jens Söring als Mörder

Jens Söring in einer Szene aus dem Dokumentarfilm "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich". Der Film basiert auf realen Ereignissen.
Jens Söring in einer Szene aus dem Dokumentarfilm "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich". Der Film basiert auf realen Ereignissen.
© deutsche presse agentur

Für die Ermittler habe es aber ein Problem gegeben: ein Täter-Profil, zu Beginn der Ermittlungen erstellt von der Verhaltensanalyse-Einheit des FBI in Quantico. Dieses Profil habe eindeutig gegen Söring als Täter gesprochen, so Lapekas: Stattdessen habe es auf eine Frau als Täterin hingedeutet – eine Frau, die eine enge Beziehung zu den Opfern gehabt haben müsse. Möglicherweise Elizabeth Haysom selbst.

Denn: Die Haysoms wurden in ihrem Zuhause ermordet, beim Essen. Zeichen eines Einbruchs gab es keine. Außerdem war Elizabeths Mutter nur mit einem Nachthemd bekleidet. Jens Söring kannte das Ehepaar Haysom kaum – es sei höchst unwahrscheinlich, dass die leicht bekleidete Mutter einen mehr oder weniger fremden Mann hineingebeten habe. Deshalb müsse an diesem Tag eine Frau an der Tür geklingelt haben – der die beiden Opfer vertrauten.

Fall Söring: Ist ein verschwundenes Täter-Profil das fehlende Puzzlestück?

Hätte man dieses FBI-Täterprofil veröffentlicht, hätte es der damaligen Beweislage widersprochen, sagt der pensionierte Agent. Also habe man sich wohl entschieden, es unter den Tisch fallen zu lassen. Tatsächlich wurde das Profil – sofern es existiert hat – nie in den Prozess gegen Söring eingeführt. Das Profil selbst sei zwar nicht mehr aufzutreiben, sagt Stanley Lapekas – aber es gebe in den alten Akten genügend Hinweise darauf.

Die seinerzeit beteiligten Ermittler widersprechen dieser Darstellung vehement: Ein solches Täterprofil habe es nie gegeben. Lapekas ist sich allerdings sicher. "Der Mann, der damals das Profil erstellt haben soll, war tatsächlich FBI-Profiler. Es gibt Fotos von ihm am Tatort. Und dann behaupten sie ernsthaft, es sei nie ein Täterprofil erstellt worden?" Das zu leugnen, sei eine Lüge.

Ex-FBI-Agent Lapekas: "Jens Söring würde heute nicht mehr verurteilt werden"

Das Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia - in diesem Gefängnis saß Jens Söring.
Das Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia - in diesem Gefängnis saß Jens Söring.

Stanley Lapekas ist überzeugt: Stünde Jens Söring heute vor Gericht, würde das Urteil wesentlich milder ausfallen. "Als ehemaliger Ermittler kann ich mit ziemlicher Gewissheit sagen: Wenn man die Beweise, die damals verwendet wurden, und unseren heutigen Wissensstand vergleicht, würde Söring nicht verurteilt werden. Zumindest nicht wegen der beiden Morde."

Sörings Auftreten vor Gericht sei ihm wohl zum Verhängnis geworden: "Die Jury hat einen jungen Mann gesehen, der aus amerikanischer Sicht arrogant wirkte. Kurze, knappe Antworten, sehr kontrolliertes Auftreten. Ich glaube, seine Persönlichkeit wurde ihm zum Nachteil ausgelegt. Und seine Staatsangehörigkeit, das war auch ein großer Faktor."

Jetzt aber, nach 33 langen Jahren, Freiheit für Jens Söring. Der 53-Jährige ist offiziell zwar weiterhin schuldig – aber Lapekas rät Söring, die Vergangenheit jetzt hinter sich zu lassen. "Letztendlich wünsche ich ihnen beiden, Jens und Elizabeth, das Beste."

Trotz aller Zweifel: Jens Söring bleibt ein verurteilter Doppelmörder

Combo picture, released June 25, 1990, of Elizabeth Haysom, left, and Jens Soering, who have been arrested for the murder of Elizabeth's parents at their home in Bedord County, Va. Image of Haysom is 1987 filer, and Soering is 1990 filer. (AP Photo)
Kommen jetzt beide auf Bewährung frei: Elizabeth Haysom und Jens Söring.
© picture alliance / ASSOCIATED PR, XMH

Bei allen Zweifeln an Sörings Schuld: Profiling ist keine exakte Wissenschaft, Täterprofile sind oft unscharf. Häufig treffen sie nur teilweise zu oder liegen sogar völlig daneben. Söring allein aufgrund eines mehr als 30 Jahre alten Profils für unschuldig erklären zu wollen, wäre übereilt.

Ja, es mag Zweifel geben, ob Söring tatsächlich ein Mörder ist, die Beweislage ist in Teilen schwammig. Aber: Söring ist nach wie vor ein rechtskräftigt verurteilter Doppelmörder – und das bleibt er auch weiterhin. Die US-Justiz hat das Urteil nicht ohne Grund mehrfach bekräftigt. Söring kommt zwar auf Bewährung frei – aber diese Freilassung erfolgt unter voller Aufrechterhaltung des Schuldspruchs.