Polens Gesundheitssystem blutet aus

Es ist nicht nur das Geld: Warum viele polnische Ärzte lieber in Deutschland arbeiten

22. Januar 2021 - 10:52 Uhr

Medizinischer Aderlass macht Polen zu schaffen

Polen leidet. Natürlich unter der Corona-Pandemie, wie der Rest der Welt. Aber auch unter einem Problem, das jetzt besonders deutlich wird: Ärztemangel. Laut OECD kamen in Polen im Jahr 2017 auf 100.000 Einwohner 238 Ärzte - so wenig wie in keinem anderen EU-Land. Entsprechend hoch ist die Belastung für die Mediziner. Ein polnischer Arzt hat durchschnittlich 3.200 Konsultationen in einem Jahr – ein Mediziner in Deutschland 2.300. RTL-Reporterin Alexandra Callenius hat mit einer Ärztin gesprochen, die in Polen geblieben ist – und mit einem Kollegen, der in Deutschland arbeitet. Mehr dazu in unserem Video.

„Unsere Regierung hat keinen Respekt vor jungen Ärzten“

Mikolaj Kopek
Arzt Mikolaj Kopek kam aus Stettin nach Deutschland.

In einigen deutschen Krankenhäusern im Grenzgebiet stammt inzwischen fast die Hälfte aller Ärzte aus Polen. Mikolaj Kopek ist einer von ihnen. Er stammt aus Stettin, arbeitet in einer Klinik im brandenburgischen Schwedt. Die Entscheidung für den Wechsel ins Ausland fiel ihm leicht: "Ein junger Arzt in Deutschland verdient vier bis fünfmal soviel wie in Polen", sagt er.

Außerdem seien die Arbeitsbedingungen besser, die Ausstattung der Krankenhäuser, es gebe besseres Material. In seinem Heimatland höre er von den Politikern immer nur, dass kein Geld da sei. "Unsere Regierung hat keinen Respekt vor jungen Ärzten", findet er.

Corona hat die Krise verschärft

Polnische Medien sind voll von Berichten über die Zustände in den neu eingerichteten Notkrankenhäusern für Covid-Patienten: Diese hätten kaum Personal und könnten deshalb nur wenige Erkrankte aufnehmen. Seit Polen 2004 der EU beigetreten ist, sind Tausende Ärzte abgewandert.

Die Abwanderung und ein rigoroser Sparkurs der Regierung haben das polnische Gesundheitssystem ausgeblutet. Zudem hat die Corona-Pandemie die ohnehin extrem hohe Arbeitsbelastung für Ärzte in Polen weiter verschärft.

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Ärztin beklagt katastrophale Zustände

Oberärztin Sybilla Brzozowska
Oberärztin Sybilla Brzozowska
© RTL

Das bestätigt auch Oberärztin Sybilla Brzozowska. Sie arbeitet in Slubice, an der Grenze zu Frankfurt/Oder. Es fehle an allem, sagt sie. Zu wenig Ärzte, zu wenig Krankenschwestern, zu schlechtes Equipment. Außerdem gebe es eine riesige Generationenlücke, das Durchschnittsalter bei den Schwestern liege über 50. Immerhin: Wie sie haben die meisten ihrer Kollegen bereits die erste Corona-Impfung erhalten. Außerdem wird das Personal ein bis zweimal pro Woche auf Corona getestet.

Doch dadurch, dass die meisten jungen Ärzte abwanderten, drohe die polnische Medizin zurückzufallen. Denn mit den jungen Ärzten verschwinde auch das aktuelle medizinische Wissen aus Polen.

Ärztekammer: "Gesundheit und das Leben unserer Patienten sind gefährdet“

Die klaffende Lücke im polnischen Gesundheitswesen sollen nun Mediziner aus Ländern außerhalb der EU füllen. Polen wirbt massiv in Ländern wie Belarus um Fachärzte. Die polnische Ärztekammer aber warnt: Es gebe keine Sicherheit, dass ein medizinischer Abschluss aus einem Drittland gleichwertig mit einem EU-Abschluss sei.

"Die Regierung plant, die Kriterien für die Verifizierung der Fähigkeiten dieser Ärzte aus Nicht-EU-Ländern lockerer zu fassen, als für die landeseigenen Mediziner", kritisiert Ärztekammer-Sprecher Rafal Holubicki. Auch die vorgesehene Überprüfung des Sprachniveaus sei nicht ausreichend. "Das ist beunruhigend. Besonders deshalb, weil es die Gesundheit und das Leben unserer Patienten gefährden könnte."