Baby Arthur musste wahres Martyrium durchstehen

Extreme Ekzeme und Erbrechen! Ärzte erkennen Kuhmilchallergie bei Säugling zu spät

Von der schweren Kuhmilchallergie gezeichnet: Arthurs Körper ist zu 98 % mit einem schweren Ekzem bedeckt.
Von der schweren Kuhmilchallergie gezeichnet: Arthurs Körper ist zu 98 % mit einem schweren Ekzem bedeckt.
© JamPress, Ria Newman

27. Februar 2021 - 12:12 Uhr

Nach Rückkehr aus dem Krankenhaus wird es gleich dramatisch

Mit dem Baby aus dem Krankenhaus nach Hause kommen: Das ist für viele Eltern ein besonders schöner Moment. Nicht so für Charlotte Smallwood aus dem englischen Romford. Denn nachdem Baby Arthur, gerade zuhause angekommen, zum ersten Mal Säuglingsnahrung bekommt, wird es dramatisch: Der Säugling erbricht sich und krümmt sich vor Schmerzen. Die Ärzte gehen von gewöhnlichen Koliken und Reflux aus. Doch weit gefehlt - der wahre Grund kommt erst Monate später zum Vorschein. Baby Arthur muss deswegen ein wahres Martyrium durchmachen.

Ärzte gehen von Reflux und Koliken aus - Arthurs Eltern glauben, dass mehr dahinter steckt

Schon im Krankenhaus ziehen nach der Geburt bei der 25-jährigen Charlotte erste Sorgewolken auf, denn Arthurs Gesicht ist fleckig und stark geschwollen. Die Ärzte beruhigen Charlotte: Nur Babyakne und Schwellungen aufgrund der Kaiserschnitt-Geburt. Ihre ganze Geschichte erzählte sie jetzt der Nachrichtenagentur JamPress.

Charlottes Hausarzt geht davon aus, dass es sich dabei um Reflux und Koliken handelt - kein ungewöhnliches Problem. Der sogenannte funktionelle Reflux ist auf die noch geringere Verschlusskraft des Muskelbandes am Mageneingang zurückzuführen. Auch Koliken sind bei Säuglingen an der Tagesordnung - das Verdauungssystem wird erst eingerichtet und es kommt zu schweren Krämpfen. Charlotte und ihr Ehemann Lewis (28) kennen diese Phänomene, schließlich hatte ihre dreijährige Tochter Thea die auch. Deswegen sind sie sich sicher: Hinter dem, was sie bei Arthur sehen, steckt viel mehr.

"Arthur kratzte, weinte und schrie die ganze Nacht lang"

Trotzdem folgen sie den Anweisungen ihrer Ärzte: Sie probieren rezeptfreie Kolik- und Refluxmedikamente aus. Aber nichts hilft ihrem Baby, das wegen der Beschwerden kaum schlafen kann. Charlotte erinnert sich: "Arthur kratzte, weinte und schrie die ganze Nacht lang. Ich musste seinen Arm eng um seinen Körper wickeln, nur damit er für fünf Minuten aufhörte zu kratzen." Doch auch sie selbst leidet massiv unter den Symptomen: Sieben Monate lang hatte sie nicht mehr als drei Stunden ununterbrochenen Schlaf pro Nacht.

Charlotte glaubt, dass es die Kuhmilch ist - die Ärzte nicht

Charlotte glaubt, dass es die Kuhmilch ist, die die Probleme verursacht - doch die Ärzte sind anderer Meinung.
Charlotte glaubt, dass es die Kuhmilch ist, die die Probleme verursacht - doch die Ärzte sind anderer Meinung.
© JamPress, Ria Newman

"Monatelang lang hing ich ständig am Telefon, um mit dem Arzt zu telefonieren", erzählt Charlotte. "Er bekam Antibiotika, milde Steroid-Cremes, Badecremes und rezeptfreie Cremes - nichts half, es machte alles nur immer schlimmer, einige Cremes ließen ihn sogar so aussehen, als ob er verbrannt worden wäre." Mittlerweile ist Charlotte durch ihre täglichen Beobachtungen der festen Überzeugung: Kuhmilch ist das Problem.

Aber die behandelnden Ärzte bestehen darauf, dass Arthur keine Kuhmilchproteinallergie hat - obwohl das seine wunde Haut erklären könnte. Eine Kuhmilchproteinallergie (KMPA) ist eine abnormale Reaktion des körpereigenen Immunsystems: Die Proteine der Kuhmilch werden als Bedrohung interpretiert - das führt dazu, dass das Immunsystem sensibilisiert wird und allergische Symptome produziert.

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Notaufahme! Ein schneller Test bestätigt den Verdacht der Mutter

Als sich sein Zustand ständig weiter verschlimmert, bringen Charlotte und ihr Mann ihren Säugling in die Notaufnahme - aufgrund der Covid-19-Beschränkungen sind keine persönlichen Termine möglich. Ein kurzer Test zeigt schon nach zehn Minuten: Baby Arthur leidet tatsächlich an einer Kuhmilchproteinallergie. Doch damit sind noch lange nicht alle Probleme aus der Welt. Die Ärzte verschreiben stärkere Steroid-Cremes und Badecremes. Innerhalb einer Woche beginnt sich seine Haut zwar zu erholen. Aber als Charlotte versucht, die Cremes wieder abzusetzen, kommen die Hautprobleme mit voller Wucht wieder zurück.

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Die massiven Hautprobleme bleiben trotzdem

Sie erzählt: "Das Ekzem und die Reaktionen wurden immer schlimmer, schließlich reagierte seine Haut auf alles, was in oder auf seinen Körper kam. Seine Haut und sein Darm trugen die Hauptlast der Reaktionen - er hatte unkontrollierbaren Stuhlgang, der wie saures Wasser roch. Es schien, als ob das, was gerade in ihn hineingegangen war, versuchte, über seine Haut wieder herauszukommen. Er konnte nichts tun - er lachte nie, konnte sich nicht rollen, aufsetzen, spielen oder nach Dingen greifen."

Die Ernährungsberaterin, die der Familie jetzt wegen der Ernährungsprobleme zur Seite steht, drängt auf einen Termin im Homerton University Hospital in London für Allergietests. Zu diesem Zeitpunkt ist der Säugling sieben Monate alt. Leider ist der Zustand seiner Haut jetzt zu schlecht, um noch einmal Allergietests durchzuführen: Sein Körper ist zu 98 % mit einem schweren Ekzem bedeckt.

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Neuer Dermatologe "schockiert" und "angewidert" von der Arbeit der Kollegen

"Wir gingen mit einem sehr deprimierten Gefühl nach Hause und fragten uns, wie lange wir noch warten müssten, bis jemand ihn wieder untersuchen würde", sagte Charlotte. "Aber am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf von der Homerton Kinderdermatologie, die mich bat, ihn noch am selben Tag dorthin zu bringen - wir konnten es nicht glauben." Dort wird Baby Arthur von Spezialisten untersucht. Und die sind "schockiert" und "angewidert" darüber, wie die anderen Ärzte sein Hautproblem behandelt hatten.

Der neue Dermatologe verordnet eine strenge Hautbehandlungs-Routine, die in seinen Augen innerhalb einer Woche helfen sollte. "Zu der Zeit war ich sehr skeptisch", erzählt Charlotte, "ich habe ihm nicht geglaubt, aber er war in nur 24 Stunden fast frei von Ekzemen. Am Ende der ersten Behandlungswoche lachte er, setzte sich auf, griff nach Dingen und spielte."

Mittlerweile ist der süße Arthur aufgeblüht, leidet nur noch gelegentlich an leichten Ekzemschüben.
Mittlerweile ist der süße Arthur aufgeblüht, leidet nur noch gelegentlich an leichten Ekzemschüben.
© JamPress, Ria NewMan

Charlotte muss Lebensmittel-Etiketten jetzt sehr sorgfältig lesen

Mittlerweile ist der süße Arthur aufgeblüht, leidet nur noch gelegentlich an leichten Ekzemschüben, die durch Umweltfaktoren wie Staub und Waschmittel verursacht werden. Und Charlotte studiert jetzt immer sehr sorgfältig die Lebensmittel-Etiketten, um sicherzustellen, dass keine Milchprodukte in Arthurs Ernährung gelangen. Denn die könnten einen weiteren verheerenden Ausbruch verursachen. Ihre Erfahrung mit der Ärzteschaft? Sie ist enttäuscht, dass das Problem erst so spät richtig diagnostiziert wurde: "Viele Ärzte scheinen sehr unzugänglich zu sein, wenn es um KMPA geht, so als ob sie nicht glauben würden, dass es eine echte Allergie ist."

Wie können Eltern selbst erkennen, ob eine Kuhmilchproteinallergie vorliegt?

Von Tipps und Tricks zum eigenständigen Erkennen einer KMPA rät Sabine Schnadt, Diplom-Oecotrophologin im Deutschen Allergie- und Asthmabund e.V. (DAAB), uns ab. Sie empfiehlt stattdessen: "Hier sollte unbedingt eine Abklärung durch einen Kinderarzt und Allergologen stattfinden." Gleichzeitig mahnt sie aber zur Vorsicht: "Nicht alleine der Blut- oder Hauttest gibt Auskunft über das Vorliegen einer Allergie", so Schnadt. "Daher ist es im Fall einer Neurodermitis hilfreich, eine allergologisch spezialisierte Ernährungsfachkraft hinzuzuziehen und im Fall des Verdachtes auf eine Kuhmilchallergie vom Soforttyp – wenn der Verzehr von Kuhmilch nicht eindeutig zu Symptomen führt – eine orale Provokationstestung in einer spezialisierten Klinik durchführen zu lassen."

Insgesamt hält die Expertin die Aufklärung der Kinderärzte in Deutschland aber für besser als in Großbritannien - "das hier vorliegende Beispiel schon sehr dramatisch", sagt sie uns. "Das liegt möglicherweise auch in den unterschiedlichen Gesundheitssystemen begründet. In Großbritannien gibt es tatsächlich eher wenige Allergiespezialisten."

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Häufigster Auslöser für tödliche Anaphylaxie ist Kuhmilch

Die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen einer schweren Nahrungsmittelallergie ist laut einer aktuellen Meldung des Deutschen Ärzteblattes in den letzten 20 Jahren angestiegen. Die Zahl der sogar tödlichen Anaphylaxien ist demnach aber laut einer neuen Studie aus Großbritannien dagegen deutlich zurückgegangen. Allerdings hat bei Kindern der Anteil der Todesfälle durch Kuhmilchallergien zugenommen.

Todesfälle sind allerdings insgesamt selten, so das Ärzteblatt. Das UK Fatal Anaphylaxis Registry habe seit seiner Gründung im Jahr 1992 insgesamt 187 Todesfälle dokumentiert, bei denen Lebensmittel der wahrscheinliche Auslöser einer fatalen Anaphylaxie waren. Mit 86 Fällen sei etwa die Hälfte auf Erdnüsse oder Baumnüsse wie Cashewnüsse und Walnüsse zurückzuführen. Der häufigste Auslöser für eine tödliche Anaphylaxie bei Kindern war aber Kuhmilch. Die Exposition mit dem proteinreichen Getränk war laut der Studie für 26 % der tödlichen Anaphylaxien verantwortlich.

Hier bekommen Sie Hilfe!

Patienten mit Fragen rund die Themen Kuhmilchallergie/ Nahrungsmittelallergie und Anaphylaxie können sich beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) melden!

Allergie-Hotline:

Tel.: 0 21 66 - 64 78 8 88 oder 0 180 505 21 21 (14 Cent aus dem Festnetz pro min)

Mo - Do : 9:00 -12:00 Uhr