Unternimmt die Polizei nicht genug?

Vermisstenfall Jennifer M. aus Bühl: Im RTL-Interview erheben die Eltern schwere Vorwürfe

29. Januar 2021 - 17:43 Uhr

Dramatischer Appell der Eltern an ihre Jennifer

"Jennifer, wir haben dich sehr sehr lieb", richtet Natalie M. (43) mit erstickter Stimme ihren Appell in die Kamera. "Wir hoffen, dass du nach Hause kommst und dass wir dich zumindest an Weihnachten umarmen können." Seit nunmehr vier Monaten ist ihre Tochter Jennifer M. verschwunden. Welche Worte die Eltern an sie richten und weshalb sie die Arbeit der Polizei kritisieren – im Video.

Eltern der vermissten Jennifer aus Bühl spürten, dass etwas nicht stimmte

Von Jennifer M. aus Bühl (Baden-Württemberg) fehlt seit dem 27. Juli 2020 jede Spur. Sie verließ am Morgen ihr Elternhaus und kehrte nie zurück. Inzwischen wird sie europaweit gesucht. Die Familie des Teenagers ist verzweifelt und hegt den Verdacht, dass die 17-Jährige gegen ihren Willen von ihrem Freund Sadegh (20) in Bremen festgehalten wird oder Opfer eines Verbrechens wurde. Im Interview mit RTL erheben die Eltern schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Nachdem Jennifer Sadegh im Juni 2019 in einem Internetchat kennengelernt habe, habe sie sich stark verändert. Erst im November hatten die Eltern von der Beziehung erfahren, doch schon vorher hatten sie Veränderungen an ihrem Kind beobachtet. Einen Urlaub im August habe sie quasi nur im Hotelzimmer verbracht, später hätten sich auch ihre schulischen Leistungen verschlechtert, die 17-Jährige habe 10 Kilogramm abgenommen, soziale Kontakte abgebrochen. Freunde des Mädchens rieten zur Trennung, doch Jennifer wollte nicht hören.

Der 20-Jährige sei den Eltern zufolge "ein Kontrollfreak", habe ihre Tochter terrorisiert. Der psychische Druck ging so weit, dass die Eltern psychologische Hilfe suchten, dem Jungen Hausverbot erteilten. Die Eltern waren zunehmend misstrauisch, auch, weil sie eine Fernbeziehung über Hunderte Kilometer als schwierig erachteten.

„Mama, ich habe dich so lieb"

Natalie M. beschreibt Jennifer als schüchtern und häuslich, sie habe nur einige wenige aber enge Freundschaften gepflegt, viel Zeit mit den Eltern verbracht. Sie könne sich absolut nicht vorstellen, dass die 17-Jährige bewusst von zu Hause fernbleibt. Zwar habe es durch Konflikte mit ihrem Freund auch Spannungen innerhalb der Familie gegeben, doch die Beziehung sei nach wie vor eng gewesen. Immer wieder habe Jennifer sich den Eltern anvertraut, Hilfe gesucht.

Auch in der letzten Nacht daheim habe sie ihre Mutter zu sich gerufen. Natalie M. schlief bei ihrer Tochter, fast die ganze Nacht habe Jennifer sie im Arm gehalten. Besonders in den letzten Tagen vor ihrem Verschwinden habe die 17-Jährige sie oft umarmt, häufig gesagt: "Mama, ich habe dich so lieb, entschuldige, dass ich dich so nerve", erzählt Natalie M. "Ich habe gespürt, dass mit meiner Tochter etwas nicht stimmt. Dass sie psychisch richtig fertig ist. Wir waren auch selber schon sehr angegriffen."

Sadegh höhnt im Video: "Vielleicht ist sie auch schon tot"

Wenn der Freund zu Besuch war, habe er einen sehr netten Eindruck gemacht. "Doch sobald er aus dem Haus war, war es die Hölle." Oft hätten die beiden sich am Telefon gestritten. Sie habe ohne seine Erlaubnis nicht raus gedurft, habe ihm zeigen müssen, welche Kleidung sie trägt. Kleider habe sie nicht anziehen dürfen. "Das ist ein richtiger Psychopath", sagt Natalie M. heute. Er habe die Telefonnummern sämtlicher Familienangehörigen, die seinen Kontakt blockten. Immer habe er die Schuld auf Jennifer geschoben.

Natalie M.s Bruder schickte Sadegh eine verstörende Videobotschaft. Darin zu sehen ist der 20-Jährige in Nahaufnahme, es ist dunkel. Er flucht, schimpft, droht. Dann folgen Worte, bei denen die Eltern der Vermissten mit den Tränen kämpfen müssen: "Wundert euch nicht, wenn ihr eure Tochter nicht findet, Digga. Vielleicht ist sie auch schon tot. Ich lach mich darüber schlapp", höhnt er und lacht.

Ein Video, dass Natalia und Dimitri in ihrer Überzeugung bestärkt, dass der 20-Jährige hinter dem Verschwinden ihrer Tochter steckt. "Hundert Prozent hat er sie versteckt. Ich weiß, dass sie nicht bei ihm zu Hause ist", sagt die verzweifelte Mutter. Jennifer sei vermutlich freiwillig zu ihm gegangen, doch inzwischen habe sich das sicherlich geändert. Sie sei durch seine Manipulationen in die Enge getrieben worden. "Es vergeht keine einzige Minute, in der wir nicht an unsere Jennifer denke", sagt sie. Die Eltern haben sogar eine Privatdetektei beauftragt, seien selbst nach Bremen gefahren, um ihre Tochter zu finden, weil die Polizei ihrer Ansicht nach zu wenig unternommen habe.

Ermittlungen der Polizei laufen ins Leere

Vorwürfe, den die Polizei so nicht stehen lassen will. Der Leiter des Kriminalkommissariats, Gerhard Zenk, geht wie die Eltern davon aus, dass Jennifer bei Sadegh ist, dass Jennifer freiwillig mit dem Mann mitgegangen ist. Dafür gebe es "eindeutige Indizien". Ob sie immer noch freiwillig dort ist oder sogar in Gefahr schwebt, könne er nicht sagen. "Wir haben keine Anhaltspunkte für eine Gefahrensituation". Nach wie vor, werde weiterermittelt, weiter gesucht. Zweimal sei in der Presse öffentlich gefahndet worden. Der Wohnort des Freundes und eines Verwandten sei wiederholt kontrolliert und überprüft worden.

"Wir kommen auch deswegen nicht weiter, weil wir uns an Gesetz und Ordnung halten müssen. Wir können diese Wohnung nicht rund um die Uhr überwachen." Man habe Gespräche mit Sadeghs Eltern und Verwandten geführt, Sadegh selbst leugne, etwas mit dem Verschwinden von Jennifer zu tun zu haben. "Was wir nicht ausschließen können ist, dass Jennifer vielleicht sich verborgen halten will bei ihm im Umfeld bis zu ihrem 18. Geburtstag." Das Video des Mannes habe er heute zum ersten Mal gesehen. "Das Video ist ein Aushängeschild für die Persönlichkeit des Freundes." Für die Eltern habe man großes Verständnis und Mitgefühl. "Es sind schon 140 Tage. Ein Kind auf diese Weise zumindest temporär zu verlieren, das schmerzt."