Rücksicht auf dubiose Freunde

Die UEFA ignoriert ihre Verantwortung

© imago images/ULMER Pressebildagentur, ULMER via www.imago-images.de, www.imago-images.de

21. Juni 2021 - 8:28 Uhr

Immer wieder gnadenlos ignorant

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Diese Fußball-EM ist für die UEFA eine unglaubliche Herausforderung. Vor allem beim Thema Verantwortung. Und sie ist auch ein meisterlicher Beleg, wie gnadenlos ignorant der Verband mit genau dieser Verantwortung umgeht.

Die UEFA kann keinen Applaus erwarten

Den größten Schaden hat die UEFA tatsächlich noch abgewendet. Unbedingt zugetraut hat man es der Europäischen Fußball-Union nicht. Denn wenn es politisch und gesellschaftlich etwas heikler wird, wenn es um Verantwortung und Haltung geht, dann ist dieser mächtige Verband stets ganz schnell dabei, den Kopf zu senken. Ganz nach dem alten Schüler-Trick. Wenn ich nicht hingucke, dann muss ich auch nichts sagen.

Am Wochenende hat der Trick mal nicht funktioniert. Als nach Recherchen von RTL/ntv bekannt geworden war, dass die UEFA wegen der Regenbogenbinde von Kapitän Manuel Neuer gegen den DFB ermittelt, wuchs der Druck immens. Man war tatsächlich schon sehr gespannt, was der Grund für Sanktionen gewesen wäre. Ein kleines Bekenntnis für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung zu bestrafen, herrje, was wäre das für ein Unsinn gewesen. Nun, die UEFA hat die Ermittlungen fix beendet - ohne Sanktionen.

Applaus kann der Verband für seine Entscheidung nicht erwarten. Denn sie war ja die einzig richtige. Selbst wenn es Menschen gibt, unter anderem ja den AfD-Politiker Uwe Junge, die absolut kein Verständnis dafür haben, wenn man die LGBTQ-Bewegung in ihrem Kampf für ein gleichberechtigtes Leben unterstützt. Man muss diese Menschen (Menschen wie Junge) nicht verstehen. Ebenso wenig wie man die UEFA verstehen muss. Leider nicht nur in diesem Fall.

Ungarn-Duell auch politisch brisant

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Gute Freunde in Ungarn

Die Liste der Wunderlichkeit ist allein bei dieser Fußball-Europameisterschaft ewig lang. Sie fängt bei der Sturheit an, den Ausrichterstädten Zuschauergarantien in den jeweiligen Stadien abzuverlangen, den Druck zu erhöhen, als die meisten Länder im verzweifelten Kampf gegen die dritte Corona-Welle waren. Es geht weiter über die Absurdität, die Spiele der Gruppe E in St. Petersburg und Sevilla austragen zu lassen. Beide Städte sind 4500 Kilometer voneinander entfernt. Ein Arschtritt für alle, die den Kampf für das Klima ernstnehmen.

Ebenso wie die Gruppen-Konstellation mit Rom und Baku. Baku, diese Weltsportstadt. Nun ist es nicht nur die UEFA, die ihre Liebe zu der Metropole in Aserbaidschan wild entfacht hat. Auch die Formel 1 ist immer gerne zu Gast und ebenso wurden die Europaspiele in dem je nach politisch-theoretischer Lesart totalitär bis autoritär reagierten Land, das die Menschenrechte immer wieder verletzt und missachtet, bereits ausgetragen. Und was ist mit dem russischen Spielort St. Petersburg? Über die repressive Politik von Präsident Wladimir Putin gegen seine Kritiker ist ja auch alles bekannt.

Und Budapest, wo Ministerpräsident Victor Orbán ebenfalls einen aggressiven Politikstil pflegt. Gerade erst hat das Parlament ein Gesetz gebilligt, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt. Das Gesetz gilt als besonderes Anliegen von Orbán. Der hat übrigens besonders gute Kontakte zur UEFA, sein Verhältnis zum Verbands-Chef Aleksander Ceferin gilt als sehr freundschaftlich. Politische Statements von Fußballern, wie nun eben von Neuer und dem DFB-Team, sind da dann natürlich eine ganz heikle Sache. Man will es sich schließlich nicht mit den Kumpels verscherzen.

RTL-Reporter: Regenbogen-Binde zeigt Entwicklung beim DFB

Die UEFA braucht einen glücklichen Orban

Und einen gut gelaunten Orbán braucht die UEFA schließlich auch. Denn Budapest könnte als Ort für das EM-Finale noch interessant werden. Dann nämlich, wenn sich die Engländer weiter weigern, die Quarantäne-Regeln für geladene VIP-Gäste nicht aufzuweichen. Und je häufiger man diesen Satz liest, desto wütender macht er. In England breitet sich gerade die hochansteckende Delta-Mutante des Coronavirus aus und die UEFA fordert: Ey, seid nicht so, das sind immerhin VIPs! Und in Budapest geht's doch auch!

Und wie es in der ungarischen Hauptstadt geht: Volles Stadion, 55.000 Fans in der schicken Arena. Ja, der Fußball hat diese Bilder vermisst. Aber es ist eben immer noch Pandemie. Auch in Ungarn. Budapest, dein (UEFA-)Freund und Helfer. Schon als in der vergangenen Saison Spiele der Champions League auf der Kippe standen (wegen Einreise-Beschränkungen für Mannschaften aus Risikogebieten), bot Ungarn Hilfe an. Unter anderem trug RB Leipzig sein "Heimspiel" gegen Liverpool in der modernen Puskás Aréna aus.

Die Liste der Absurditäten ist längst nicht abgearbeitet. Da ist schließlich noch der "Fall Eriksen". Als der Spielmacher der Dänen auf dem Feld kollabiert war, einen Herzstillstand erlitten hatte und um sein Leben kämpfte, schob die UEFA die Entscheidung über eine Spielfortsetzung den Mannschaften zu. Beide, auch die Finnen, waren überfordert. Solch eine Situation sollte es nie geben. Die UEFA hätte schlicht abbrechen müssen und über die Neuansetzung diskutieren lassen, wenn klar ist, wie es Eriksen geht.

Verbietet UEFA München die Regenbogenfarben?

Emotionale Kälte statt größtmöglicher Sensibilität

Dass es ein Alternativ-Angebot für den Tag danach (um 12 Uhr) gab, war keine faire Option. Und als sich der Schock der Dänen gelegt hatte, als die Angst um Eriksen gewichen war, da platzte der Ärger des Verbands, der Trainer und Spieler heraus. Sie hatten eben doch Druck von der UEFA gespürt. Und es ist dann eben so, dass dieser Verband eine emotionale Kälte ausstrahlt, wenn größtmögliche Sensibilität angebracht wäre.

Und als ob das nicht alles schon reichen würde, droht der UEFA nun das nächste Szenario, in dem es verlieren wird. Die Stadt München möchte die Arena im letzten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn gerne in den Regenbogenfarben erstrahlen lassen. Der Oberbürgermeister der Stadt, Dieter Reiter, will den europäischen Verband in einem Brief zum Regenbogen-Protest auffordern. Die UEFA hat als Ausrichter der EM das Hoheitsrecht in der Arena. Es wäre ein europaweit sichtbares Zeichen gegen Ausgrenzung und für Toleranz. Ein klares Zeichen Richtung Ungarn, ein klares Zeichen an Orbán. Den guten Freund der UEFA.