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Dr. Anthony Fauci: "Unter Donald Trump war es besonders schwierig"

Im RTL-Interview spricht Dr. Anthony Fauci über seine Zeit mit dem Ex-Präsidenten

"Unter Donald Trump war es besonders schwierig"

"Wir befürchten im Herbst eine neue Corona-Welle" Dr. Anthony Fauci im RTL-Interview
02:31 min
Dr. Anthony Fauci im RTL-Interview
"Wir befürchten im Herbst eine neue Corona-Welle"

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von Roger Saha

Er ist der mächtigste Mediziner der Welt. Dr. Anthony Fauci hat alle US-Präsidenten seit Ronald Reagan beraten. Der 81-jährige Direktor des einflussreichen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) kämpft den letzten Kampf seiner Karriere: gegen das Coronavirus. Mit dem früheren Präsidenten Donald Trump legte er sich mehrfach öffentlich an. Der Immunologe steht im Fadenkreuz der Kritik – oder wird verehrt.

Wie geht es weiter mit dem Coronavirus? Was sind die Lehren für die Zukunft? Und wann geht es für Dr. Fauci an den Strand? Lesen Sie das exklusive Interview.

Lese-Tipp: Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de

Machen wir gerade einen riesigen Fehler?

 Impfung der Bewohner und des Pflegepersonals gegen das COVID-19 Virus mit dem Impfstoff von Biontech und Pfizer in der Altenresidenz Dominus VI. Alcala de Henares, 04.01.2021 COVID-19 Impfung *** Vaccination of residents and caregivers against the C
"Die Booster-Impfung hat den Schutz deutlich erhöht", sagt Dr. Anthony Fauci im Hinblick auf Omikron (Archivfoto).
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RTL.news: Herr Dr. Fauci, in den USA hat ein Gericht gerade die Masken-Pflicht abgeräumt, auch Social-Distancing spielt keine große Rolle mehr – das Leben fühlt sich wieder wie vor Corona an. Machen wir einen riesigen Fehler?

Dr. Anthony Fauci: Ich glaube nicht, dass es ein riesiger Fehler ist. Aber ich glaube auch nicht, dass wir wieder zur Normalität zurückgekehrt sind. Wir wären es gerne, wir würden es uns wünschen, sind es aber nicht. Der Grund dafür: Das Virus existiert immer noch. Hier in den USA hatten wir vier große Corona-Wellen. Wir bringen gerade erst die Omikron-Welle hinter uns. Bei uns sowie in der EU und Großbritannien werden die Maskenregeln für Innenräume gelockert, obwohl wir jetzt mit der sehr ansteckenden BA.2-Variante zu tun haben. Dabei wissen wir, dass die Immunität gegen das Virus nicht lange hält. Und es sind nicht so viele Menschen geimpft, wie wir uns das wünschen würden. In den USA ist nur rund 67 Prozent der Bevölkerung geimpft – und davon ist nur die Hälfte geboostert. Auch wenn wir gerne zurück zur Normalität gehen würden, sind wir immer noch angreifbar.

Die schlechte Nachricht ist, wir haben immer noch viele positive Fälle. Die gute Nachricht ist aber, dass die Hospitalisierungsrate nicht im gleichen Verhältnis steigt. Dennoch gehören die Ungeimpften weiter zur vulnerablen Gruppe. Und ich glaube die Realität ist, dass wir noch nicht zur Normalität wie wir sie vor Corona kannten, zurückgekehrt sind.

RTL.news: Sie haben gerade die vier Corona-Wellen angesprochen. Der deutsche Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat kürzlich gesagt, dass er eine neue Welle mit einer besonders tödlichen Corona-Variante im Herbst befürchtet. Sehen Sie das auch so?

Dr. Anthony Fauci: Es ist schwer vorauszusehen. Aber ich glaube, worauf er hinweist ist, dass es immer die Gefahr einer neuen Variante gibt. Wir sollten uns daran erinnern, dass die Impfstoffe gemeinsam mit dem Booster auch bei unterschiedlichen Varianten gut gewirkt haben. Bei Omikron haben wir gesehen, dass zwei Impfdosen nicht ausreichend waren. Aber die Booster-Impfung hat den Schutz deutlich erhöht.

Mit der Zeit lässt dieser Impfschutz aber wieder nach. Wir befürchten, dass es im Herbst, wenn es wieder kälter wird und die Menschen sich vermehrt drinnen aufhalten, zu einer erneuten Welle kommen kann. Deshalb ist es jetzt wichtig, so viele Menschen wie möglich zu impfen. Wir müssen einfach besser werden beim Impfen, daran besteht kein Zweifel.

Lese-Tipp: Karl Lauterbach warnte vor Corona-"Killervarianten"

Dr. Anthony Fauci: "Solange Corona kursiert, bleibt das Risiko einer neuen Variante"

ARCHIV - 29.02.2020, USA, Washington: Donald Trump (l), Präsident der USA, steht neben Anthony Fauci, Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten in den USA, der während einer Pressekonferenz im Weißen Haus über die Verbreitung des ne
Dr. Fauci hat alle US-Präsidenten seit Ronald Reagan beraten. Über Donald Trump sagt er: "Es gab eine enorme Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Fakten und öffentlichen Aussagen."
fgj jai kay, dpa, Carolyn Kaster

RTL.news: Sie sind der medizinische Chef-Berater von Präsident Biden. Das Weiße Haus hat für den 12. Mai einen internationalen Corona-Gipfel angekündigt. Was erhoffen Sie sich davon?

Dr. Anthony Fauci: Wir wünschen uns eine intensivere internationale Zusammenarbeit. Konkret bedeutet das: Wir müssen daran arbeiten, nicht nur die Impfstoffe in die Entwicklungsländer zu bekommen. Sondern auch die Infrastruktur aufzubauen und die Menschen zu impfen. Denn solange das Coronavirus noch kursiert, bleibt das Risiko einer neuen Variante, die jeden treffen wird. Menschen in reichen wie in armen Ländern. Das haben wir bei der Delta-Variante aus Indien und Omikron aus Südafrika gesehen. Selbst wenn Sie denken, Sie sind in Ihrem entwickelten Land sicher – Sie sind es nicht, solange das Virus auf der Welt zirkuliert.

RTL.news: Sie haben alle US-Präsidenten seit Ronald Reagan beraten. Gerade unter Donald Trump kam es zu vielen Pressekonferenzen, die man zweifelsohne als speziell bezeichnen kann. So machte er zum Beispiel den Vorschlag, ein Malaria-Mittel oder die Injektion von Desinfektionsmittel könne gegen Corona helfen. Nun beraten Sie den aktuellen US-Präsidenten Joe Biden. Wie anspruchsvoll waren die vergangenen zwei Jahre für Sie als Wissenschaftler?

Dr. Anthony Fauci: Unabhängig vom jeweiligen Präsidenten ist es eine enorme Herausforderung mit einer globalen Pandemie umzugehen, die so viele Menschen weltweit und in meinem eigenen Land betrifft. Allerdings war es unter der Präsidentschaft von Donald Trump besonders schwierig. Es gab eine enorme Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Fakten und öffentlichen Aussagen. Da war das Wunschdenken, das Virus würde von allein weggehen. Selbst heute – unter einer Bundesregierung, die sehr auf die Wissenschaft hört – haben wir auf Bundesstaat-Ebene Gouverneure, die nicht gerade für das Impfen sind. Das ist sehr unglücklich.

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Nach Corona: Unsere Kinder und Enkel werden neue Pandemien erleben

RTL.news: Sie sind schon in den 1980er Jahren ein Experte in der Forschung und Bekämpfung von HIV und Aids gewesen. Jetzt, nur vier Jahrzehnte später, kämpft die Welt gegen Corona. Werden wir potenziell tödliche Bedrohungen häufiger sehen in Zukunft?

Dr. Anthony Fauci: Ganz sicher werden unsere Nachkommen – unser Kinder und Enkel – Pandemien erleben. Wir können nicht sagen, ob das nächstes Jahr, in fünf oder 50 Jahren der Fall sein wird. Und das ist ein Problem. Wir müssen ständig vorbereitet sein. Und wir dürfen unsere Erinnerung an vorherige Pandemien niemals verlieren. Sonst werden wir große Probleme bekommen.

RTL.news: Vor ein paar Monaten haben Sie gesagt, wenn diese Pandemie vorbei ist, machen Sie einen Strandurlaub. Haben Sie schon gebucht?

Dr. Anthony Fauci (lacht): Nein, noch nicht. Aber ich hoffe, dass das noch klappt. Wir müssen noch sicherstellen, dass wir die Lage so gut wie möglich unter Kontrolle bekommen. Wir gehen in die richtige Richtung. Wir sind heute viel besser dran als vor einem Jahr. Aber wir dürfen nicht sorglos werden.

Rente für Dr. Fauci - noch nicht ganz

Dr. Anthony Fauci im exklusiven Interview mit RTL.
Dr. Anthony Fauci im exklusiven Interview mit RTL.
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RTL.news: Sie sind 81 Jahre alt. Sie hätten schon längst in den Ruhestand gehen können. Bleiben Sie, bis die Pandemie vorbei ist?

Dr. Anthony Fauci: Ich werde nicht bis zum Ende von Covid-19 hier sein. Dann wäre ich vermutlich 120 und Covid-19 wäre immer noch hier. Aber ich möchte bleiben, bis wir sagen können: Die Phase der Pandemie ist auf einem Level, wo wir als Gesellschaft ohne größere Störung leben können. Und ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg – und fast da! Und dann komme ich Sie in Deutschland besuchen!

RTL.news: Was soll Ihr Vermächtnis sein?

Dr. Anthony Fauci: Ich hoffe, dass mein Vermächtnis ist, dass ich meinem Land und indirekt dem Rest der Welt gedient habe. Ich leite dieses Institut seit rund 40 Jahren. Wir haben uns früh dem Kampf gegen HIV gewidmet. In einer Weise, wie es den Menschen sehr gedient hat. Lang nachdem ich weg bin, hoffe ich, dass die Menschen sagen: Er hat sein Bestes gegeben. Er hat sich angestrengt. Und er hat etwas Gutes für die Welt getan.

RTL.news: Dr. Fauci, danke für das Gespräch.