Was die Ampel dagegen tun will

Die Läden sind auf, doch die Beschäftigten fehlen

19. Oktober 2021 - 11:29 Uhr

Fachkräfte fehlen

Von Simon Knapstein

Die Wirtschaft zieht wieder an. In Restaurants darf man wieder speisen, in Kinos wieder Filme schauen. Die stärksten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie scheinen überwunden.

Doch jetzt, wo Läden wieder öffnen können, tut sich ein neues Problem auf: Den Betrieben fehlen die Mitarbeiter. Vor allem in der Gastronomie, im Verkehr und in Handwerksbetrieben mangelt es an Fachkräften. Die Gründe dahinter sind vielfältig, eine langfristige Lösung nicht einfach. In ihrem 10-Punkte-Plan hat die Ampel-Koalition bereits erste Konzepte vorgestellt.

Warum für den Trucker Uwe Ißleib die Arbeit durch den Fachkräftemangel immer härter wird, sehen Sie oben im Video.

Mehr Kunden, weniger Mitarbeiter

Pasan Milisic ist dankbar. Dankbar, dass seine Kunden ihm über den Lockdown die Treue gehalten haben. Die Pandemie mit ihren Einschränkungen war keine einfache Zeit für den Café-Besitzer aus Hannover. Zeitweise war der Laden komplett geschlossen, lange durften sie nur noch "zum Mitnehmen" verkaufen. "Dann haben wir uns darauf spezialisiert und die Nachbarschaft, Freunde, Stammgäste haben uns alle unterstützt, damit wir bloß hierbleiben", erklärt Milisic. Dennoch wäre der Umsatz in dieser Zeit 70 bis 80 Prozent zurückgegangen. Nur "durch die Corona-Hilfen, die wir erhalten haben, gibt es uns noch."

Nun darf Milisic sein "Corner" Café schon seit einiger Zeit wieder öffnen. Und es läuft gut. Umgeben von mintgrünen Wänden, Blumenvasen und Kaffeegeruch tummeln sich mittlerweile wieder viele Gäste, genießen hausgemachten Kuchen oder verputzen kreativ belegte Brote.

Mehr Gäste heißt auch mehr Umsatz, aber ebenso mehr Arbeit. Das stellt für das junge Café mittlerweile ein Problem dar. Viele Aushilfen seien in der Pandemie weggefallen, da Milisic sie nicht mehr bezahlen konnte: "Sie haben sich halt anders orientiert und sind tatsächlich woanders geblieben." Am Ende war der Engpass im Hannoveraner Café so groß, dass Milisic' Familie einspringen musste, um bei der Arbeit auszuhelfen.

Pasan Milisic in seinem Café in Hannover
Pasan Milisic wünscht sich noch zwei verlässliche Mitarbeiter für sein Café.
© RTL

Branchenübergreifendes Problem

Mit diesem Problem steht das "Corner" Café nicht allein dar. Neben der Ressourcenknappheit macht die Industrie- und Handelskammer Niedersachsen (IHKN) den Fachkräftebedarf als das größte Risiko für Unternehmen aus. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der IHKN hervor. Demnach sehen 91 Prozent im Baubereich und Gastgewerbe ein Geschäftsrisiko. Im Verkehr sind es 79 Prozent, bei Handel und Industrie ist es die Hälfte.

Auch Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bekräftigt diese Einschätzung: "Wir haben in Deutschland nicht nur ein Fachkräfte-Problem, also bei hochqualifizierten, hoch bezahlten Ingenieurinnen und Ärztinnen, sondern durch die Bank in allen Bereichen, auch im Niedriglohnbereich." Gerade in der Gastronomie wären viele Menschen in andere Branchen abgewandert. Diese Beschäftigten zurückzugewinnen, sei nicht so einfach. "Nur mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen kann das gelingen", so der Ökonom Fratzscher.

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Zuwanderung von 400.000 Menschen jährlich nötig

Marcel Fratzscher
Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hält es für nötig, dass mehr Menschen auch aus dem Ausland in den Arbeitsmarkt integriert werden.
© deutsche presse agentur

Doch bereits vor der Pandemie hätte Deutschland ein Problem mit Arbeitskräften gehabt. Denn: das Land "hat ein riesiges demografisches Problem. In den kommenden zehn Jahren werden vier Millionen Menschen mehr in den Ruhestand gehen als neue Beschäftigte dazukommen," erklärt Fratzscher. Dadurch sind immer weniger Arbeitskräfte auf dem Markt.

So würde sich das Problem mit der Zeit verschärfen. "Vor allem, wenn es uns nicht gelingt, mehr Menschen aus dem Ausland, aber auch mehr Frauen, mehr junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen." Der Wirtschaftsexperte rechnet mit 400.000 Menschen aus dem Ausland, um die Deutschland jedes Jahr wachsen muss, "nur damit das Fachkräfteproblem in Deutschland nicht noch größer wird."

Die Fachkräfte-Pläne der Ampel

Das hat auch die Politik bereits auf ihrem Zettel. Momentan steuert Deutschland auf eine Ampel-Koalition zu. Die drei Parteien haben in ihrem ersten Sondierungspapier auch Ergebnisse zum Fachkräftemangel festgehalten. SPD, Grüne und FDP wollen den Übergang von der Schule in die berufliche Bildung wie das duale Ausbildungssystem stärken: "Nur wenn genügend ausgebildet wird, können wir künftig den wachsenden Bedarf an Fachkräften decken."

LESE-TIPP: Wirtschaft: Was die Parteien wollen

Ansonsten will die Ampel-Koalition grünes Licht für die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften. So heißt es in dem Papier, das am Freitag veröffentlicht wurde: "Wir wollen das Fachkräfteeinwanderungsgesetz praktikabler ausgestalten. Wir wollen außerdem ein Punktesystem als zweite Säule zur Gewinnung von qualifizierten Fachkräften einführen." Ein Punktesystem errechnet für Zuwanderer eine Punktzahl anhand relevanter Kriterien, wie zum Beispiel dem Ausbildungsstand, Alter oder Sprachkenntnissen. Australien, Kanada und Österreich benutzen bereits solche Modelle.

Mehr als jeder zweite überzeugt: Zuwanderung löst Arbeitskräftemangel

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL/ntv hält über die Hälfte (56 Prozent) der Befragten verstärkte Zuwanderung für ein geeignetes Mittel, um den Arbeitskräftemangel zu beheben. 40 Prozent können dem nicht zustimmen. Die Unterschiede werden zwischen den Parteien am deutlichsten. Währen bei den Grünen 85 Prozent hinter der Idee stehen, sehen sie 70 Prozent der AfD-Wähler kritisch. Jedoch sind AfD-Anhänger die einzige Wählergruppe, die mehrheitlich gegen verstärkte Zuwanderung zur Behebung des Problems ist.

Während Angestellte, Beamte und Selbständige mehrheitlich dafür sind, finden unter Arbeitern nur 37 Prozent die Maßnahme sinnvoll. Das könnte auch daran liegen, dass Arbeiter bei einem Arbeitskräftemangel an Macht gewinnen. Denn weniger Arbeitskräfte bedeuteten ein größerer Wettbewerb zwischen Unternehmen um das Personal. "Und das ist jetzt erst einmal gut für die Beschäftigten, weil sie damit eben auch höhere Löhne verlangen können", erklärt Wirtschaftsprofessor Fratzscher.

Mitarbeiter-Suche schwieirg

Der Geschäftsführer des "Corner" Cafés Milisic sei nun auch schon seit zwei Monaten akut auf der Suche nach zwei neuen Mitarbeitern. Doch die Unsicherheit sei noch groß, weil nicht genau klar sei, was die Gastronomie im Winter erwartet. Und so könnte es dazu kommen, dass Milisic bei Einschränkungen im Winter wieder seine Öffnungszeiten einschränken muss, um seinen Qualiäts-Standard zu halten.

Doch gerade dieser Standard scheint zu überzeugen. Denn trotz viel Ungewissheit hat sich das Café anscheinend eine Sache gesichert: Die Gunst der Kunden. Denn zur Zeit, kommt es auch häufig vor, dass das kleine Café ausgebucht ist. Und hat Milisic immer noch Grund zu strahlen:"Wir sind unglaublich glücklich und wissen das auch zu schätzen, dass die Leute uns halt auch wollen".