Situation so angespannt wie seit 2014 nicht mehr

Die Angst vor einem neuen Krieg in der Ukraine

14. April 2021 - 21:09 Uhr

Unser Reporter Dirk Emmerich berichtet aus dem Grenzgebiet der Ukraine zur Krim

Seit Tagen verlegt die russische Armee Truppen auf die Krim und an die Grenze zur Donbass-Region. Jetzt werden zusätzlich Kriegsschiffe aus dem Kaspischen ins Schwarze Meer verlegt. Die Ukraine befürchtet eine bevorstehende russische Invasion und sucht militärischen Beistand des Westens. Die Nato hat den Kreml vor einer weiteren Eskalation der Lage gewarnt.

Ukrainische Grenzer überprüfen wieder die Papiere der Einreisenden

Es ist kalt an diesem April-Morgen, von Frühling ist nichts zu spüren. Das Thermometer zeigt nur wenige Grad über Null. In der Nacht hatte es sogar Frost gegeben. Es kommen nur wenige Menschen über die Brücke, hierher nach Kalantschak. Es ist der erste Punkt in der Ukraine. Auf der anderen Seite der Brücke liegt die Krim, die vor sieben Jahren von Russland annektiert wurde. Seitdem gibt es diese Grenze. Sie ist über 200 Kilometer lang und trennt die Halbinsel, die fast doppelt so groß ist wie Schleswig-Holstein, vom ukrainischen Festland. Auf der gesamten Länge gibt es nur zwei dieser Übergänge. Für die Menschen hier war es schwer sich daran zu gewöhnen, die Grenze zu akzeptieren.

Seit vergangener Woche prüfen die ukrainischen Grenzer die Dokumente der Einreisenden, die meist zu Fuß über die Grenze kommen, noch akribischer. Auf der Krim hat sich in den letzten Tagen immer mehr russisches Militär zusammengezogen, nur ein paar Kilometer von Kalantschak entfernt. Die Angst vor einer russischen Militäraktion wird mit jedem Tag größer. Jetzt werden sogar noch Kriegsschiffe aus dem Kaspischen ins Schwarze Meer verlegt.

Der Konflikt trennt Familien

Irina, eine Frau in den Fünfzigern, zieht einen Rollkoffer hinter sich her. "Meine Eltern wohnen dort drüben auf der Krim, sie haben ein Haus dort, ich wohne hier in der Ukraine. Natürlich machen wir uns Sorgen, wenn wir die Nachrichten hören. Ein neuer Krieg zwischen Russland und der Ukraine wäre verheerend für uns alle hier. Die beiden Ländern müssten ihr Zusammenleben doch endlich irgendwie geregelt bekommen", sagt sie uns. Und Anastassija, die dazukommt, sagt: "Von den russischen Truppen in Grenznähe habe ich zwar nichts gesehen, aber natürlich wird es sie geben, ich habe keinen Zweifel. Gut ist das alles nicht. Wir haben hier viel durchgemacht in den letzten Jahren. Eigentlich wollen wir hier doch nur in Frieden leben."

Das ukrainische Militär an der Grenzkontrollstelle in Kalalantschak ist nervös. Mit Major Bogdan dürfen wir sprechen, aber ein reguläres Interview, nein, das ist er nicht befugt zu geben. Und keine Audio- oder Video-Aufzeichnungen bitte. Sein Gesicht hat er mit einer schwarzen Maske bedeckt. Er sagt, es sei wegen Corona. Doch es scheint ihm ganz recht zu sein. Er will uns nicht bestätigen, dass nicht nur die russische, sondern auch die ukrainische Armee in den Wäldern rund um Kalantschak Truppen zusammengezogen hat. Aber er dementiert auch nicht, verweist darauf, dass dies ein militärisches Geheimnis ist. Aber Experten sind sich einig, dass es diese Truppenkonzentration auf beiden Seiten in dieser Form noch nie gegeben habe. Beide Seiten bereiten sich darauf vor, dass es Krieg geben könnte.

Die Menschen haben Angst vor einem Krieg wie im Donbass

In der Gebietshauptstadt Cherson, eine Autostunde von der Grenze entfernt, weht stolz die ukrainische Flagge. Die Corona-Zahlen sind niedrig hier in dieser Region, Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, es gibt keine Maskenpflicht, aber das ist für die Menschen hier im Moment Nebensache. "Natürlich macht uns das alles Angst", sagt ein Student der Marine-Akademie in Uniform. "Ein Szenario wie im Donbass, einen hybriden Krieg, wie in Russland dort führt, will hier niemand. Möge Gott das verhindern. Russland ist ein Aggressor, es muss seine Truppen zurückziehen. Sonst wird es hier keinen Frieden geben."

Ein paar Meter auf dem zentralen Platz von Cherson erinnert eine Gedenktafel mit Fotos an die Toten aus dem Donbass-Krieg vor sechs Jahren.

Konfliktgrund: Wasser

Hintergrund für die neue Zuspitzung rund um die Krim ist die schleppende Wasserversorgung der Halbinsel. Das Wasser kam bis 2014 fast ausschließlich aus dem Dnepr. Aus Protest gegen die russische Annexion errichtete die Ukraine mehrere Staudämme, der Nord-Krim-Kanal wurde praktisch stillgelegt. Viele der kleinen Kanäle sind ausgetrocknet. Das groß verkündete russische Infrastruktur-Programm greift nicht so wie geplant. Hinzu kommt, dass es in den letzten Jahren viel zu wenig geregnet hat. Wasser ist zu einem kostbaren Gut auf der Krim geworden. Jetzt könnte womöglich eine neue russische Militäraktion versuchen, das alles zu korrigieren und die Grenze einfach ein paar Kilometer nach Norden verschieben, um die Schleusen der Dnepr-Dämme zu öffnen, damit wieder Wasser durch die Kanäle kommt. Es klingt abenteuerlich. Doch ist das wirklich so undenkbar?

Anatoli, ein 66-jähriger Mann mit goldenen Zähnen, lacht: "Ach kommen sie…Undenkbar ist inzwischen gar nichts mehr. Vor 35 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass die Sowjetunion wenig später zerfällt… und vor 10 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass Russland eines Tages die Krim annektiert… Also warum soll es jetzt undenkbar sein, dass Russland jetzt auf breiter Front versucht, die Grenze zu überschreiten."

Die Situation rund um die Krim ist so angespannt wie seit 2014 nicht mehr.

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