Dr. Zinn ordnet Studie ein

Schützt die Abstandsregel gar nicht vor einer Corona-Infektion?

Abstand halten ist das A und O - oder doch nicht? Eine aktuelle Studie hält andere Faktoren in Innenräumen für deutlich entscheidender (Symbolbild.)
Abstand halten ist das A und O - oder doch nicht? Eine aktuelle Studie hält andere Faktoren in Innenräumen für deutlich entscheidender (Symbolbild.)
© iStockphoto, nemke

30. April 2021 - 11:23 Uhr

Ein Jahr Abstand gehalten - alles umsonst?

Maske auf, Hände waschen und vor allem eins: Abstand halten. Diesen Regeln folgen wir alle seit mehr als einem Jahr. Laut einer Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) soll der Abstand von zwei Metern aber in Innenräumen gar nicht so eine entscheidende Rolle spielen. Viel wichtiger seien hingegen ganz andere Faktoren. Haben wir umsonst Abstand gehalten?

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Sind Zeit, Luft und Co wichtiger als Abstand?

Zwei oder 20 Meter Abstand halten? Das mache laut den Mathematik-Professoren Martin Z. Bazant und John W. M. Bush keinen wirklichen Unterschied in geschlossenen Räumen. Denn: Zirkuliert das Coronavirus in einem Raum, sind ihm Abstände bei der Übertragung über Aerosole offenbar herzlich egal.

Wichtiger seien laut der im Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America (PNAS) veröffentlichten Studie unter anderem die Zeit, die man in einem Raum verbringe, die Luftfilterung bzw. -zirkulation, Immunisierung, Mutationen und ob Masken getragen würden. Auch die Art der Aktivität, also ob man sich bewegt, isst, spricht, singt oder schreit, spiele eine Rolle.

Falsches Gefühl von Sicherheit

"Wir argumentieren, dass im Zusammenhang mit der Übertragung über die Luft in einem gut durchmischten Raum die Vorteile der 6-Fuß-Regel (etwa 1,5-2 Meter, Anmerk. d. Red.) begrenzt sind", zitiert der amerikanische Nachrichtensender "Fox News" Bazant. "Da jeder im Raum die gleiche Luft atmet, teilen sie das gleiche Risiko. Soziale Distanzierung kann also ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln."

"Unsere Analyse zeigt, dass viele Räume bei voller Belegung sicher sein können, während andere ein erhebliches Risiko bergen", so Bazant gegenüber "Fox News". Laut den Forschern sei es demzufolge unter anderem je nach Belüftung und im Raum verbrachter Zeit nicht nötig, für jeden geschlossenen Raum Belegungsbeschränkungen festzulegen.

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Bedeutet das nun, dass Abstand halten uns und andere gar nicht schützt und wir stattdessen lieber die Fenster aufreißen sollten? Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, ordnet die Ergebnisse der Studie für uns ein.

"Man muss sagen, es ist multifaktoriell, d. h. der Abstand spielt eine Rolle, die Menge der Leute im Raum spielen eine Rolle, die Größen der Räume spielen eine Rolle und ob ich mich zusätzlich schütze, nämlich eine Maske trage", erklärt Zinn im RTL-Interview. Insofern seien die Ergebnisse nicht verwunderlich. "Aber ein zusätzlicher Abstand zu Menschen, die keine Masken tragen, ist extrem wichtig. Insofern würde ich dringend empfehlen, dass wir bei unseren 1,5 Metern bleiben. Interessanterweise ist es eine weiche Wissenschaft, es gibt Länder, die sagen 1,8 Meter oder 2 Meter, aber Abstand spielt eine Rolle, um Infektionen zu vermeiden."

Verhält es sich anders, wenn man FFP2-Masken trägt?

Kann man den Abstand nicht einhalten, weil man eng zusammenarbeitet, zum Beispiel im Operationsbetrieb oder bei Patientenkontakt, "trägt man FFP2-Masken, weil man sehr sehr geringe Abstände hat. Da spielt die Maske den hauptprotektiven Faktor. Aber wenn keine Masken getragen werden, ist wichtig, wie weit man auseinander war. Unter 1,5 Meter ohne Schutz ist eher kritisch", erklärt Zinn weiter.

Welche Innenbereiche wären der Studie zufolge gefährlicher, welche weniger gefährlich?

Laut den US-Forschern sei das Infektionsrisiko je nach Raum unterschiedlich. Welche sind gefährlicher – und welche nicht? Gut sei alles, was groß ist, so Zinn. Also Hallen und gut durchlüftete Bereiche, wo wenig Leute drin sind. "Man geht davon aus, dass man eine Infektionsdosis einatmen muss von etwa 3.000 Viren, um sich aktiv zu infizieren. Und da spielt die Größe des Raumes, die Durchlüftung des Raumes und die Menge der Menschen eine große Rolle. Groß und gut durchlüftet ist besser."

Was ist mit Abstand bei privaten Treffen?

Kann keine Maske getragen werden, ist auch laut den Ergebnissen der Mathematik-Professoren Martin Z. Bazant und John W. M. Bush das Abstand halten sinnvoll, um das Risiko einer Übertragung durch die Atmung gering zu halten. Müssen wir uns beim Kaffee mit Eltern oder Großeltern also anders verhalten als in der Bahn oder anderen öffentlichen Räumen mit Maskenpflicht?

"Das ist tatsächlich eine Empfehlung, die wir auch schon Weihnachten gegeben haben", erklärt Zinn. "Wenn man sich trifft mit Familienangehörigen, die noch nicht geimpft sind: Abstände. Auch beim Kaffee, auch beim Essen. Das bringt tatsächlich was. Zusätzlich regelmäßiges Lüften, wenn man zum Beispiel beim Essen oder Trinken keine Masken tragen kann."

Hält man sich draußen auf, sei auch den Forschern zufolge der Abstand extrem wichtig: Schon ein Meter könne das Infektionsrisiko auf ein Minimum reduzieren.

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