Dauerbrenner-Thema in allen Familien

Bekommen Kinder einen Schaden vom vielen TV-Glotzen?

Wieviel  TV-Konsum ist noch okay? Diese Frage stellen sich quasi alle Eltern.
© picture alliance / dpa, Frank Rumpenhorst

09. November 2020 - 14:23 Uhr

Wann müssen Eltern einen Riegel vorschieben?

Es ist der Dauerbrenner in der Erziehung: Wie lange darf mein Kind eigentlich fernsehen? Wobei, die Frage ist so nicht mehr zeitgemäß gestellt. Denn heute sprechen Pädagogen und Kinderärzte von Bildschirmzeit. Denn lange schon haben auch Smartphones und Tablets Einzug in die Kinderzimmer der Republik Einzug gehalten. Auf denen kann man spielen, malen, lesen - aber eben auch Filme und Serien sehen: Paw Patrol, Super Wings, die Maus, der kleine Maulwurf, Peppa Pig und Co locken schon die Kleinsten mit magischer Kraft vor den Bildschirm. Wie viel Bildschirmzeit ist noch okay - und wo müssen Eltern einen Riegel vorschieben? Wir haben mit Kinderärztin Barbara Mühlfeld und Medienpädagogin Iren Schulz darüber gesprochen.

Das Verlangen nach mehr ist schnell geweckt

Glotzende Kinder
Sind die Kinder einmal vor der Glotze, bekommt man sie auch nicht so schnell wieder weg!
© iStockphoto, iStock, NN

Das Leben in der digitalen Welt bringt es einfach mit sich: Erwachsene checken Nachrichten, Mails und Social Media auf dem Smartphone, tätigen Einkäufe am Rechner, schauen Netflix, TVNOW und Co auf dem Tablet. Und die Kleinen? Wollen natürlich so sein wie die Großen. Schon früh setzt das Verlangen mitzugucken ein. Und spätestens, wenn die Kinder in einer Stress-Situation oder auf Reisen zur Überbrückung der Langeweile mal etwas länger Kinderserien und Filme gucken dürfen, ist das Verlangen nach mehr geweckt.

Kinderärztin: Bis zum vierten Lebensjahr am besten gar kein TV

Doch wie lange kann man Kinder je nach Alter bedenkenlos Cartoons, Serien oder gar Filme sehen lassen? "Grundsätzlich kann man Kinder eigentlich nie 'bedenkenlos' fernsehen lassen", sagt Kinderärztin Barbara Mühlfeld. "Auch wenn es aus der Zeit gefallen scheint: Wir empfehlen sogar, dass Kinder bis zum 3. Geburtstag gar nicht fernsehen sollen." Denn der Einfluss der Bilder auf die kognitive und sprachliche Entwicklung sei beeindruckend – und dies, je jünger die Kinder seien. "Ab dem 3. Geburtstag bis etwa zum Schuleintritt sind 15 Minuten am Tag in Ordnung", so Mühlfeld. "Falls mal ein längerer Film geschaut wird, sollte es dann auch wieder fernsehfreie Tage geben, so dass es sich auf die Woche rechnet." Von großer Wichtigkeit ist dabei, wirklich altersgerechte Sendungen auszuwählen.

Die Weltgesundheitsorganisation ist sogar noch strenger mit ihren Richtlinien – lesen Sie hier, welche Richtlinien die WHO für Bildschirmzeit und Bewegung empfiehlt!

Der Sehsinn braucht Bewegung, das Erleben von Ferne und Nähe

Wer schon einmal erlebt hat, welches Drama ausgelöst wird, wenn zum Beispiel eine oder ein Dreijähriger vom Bildschirm getrennt wird, merkt: Die lieben Kleinen docken regelrecht an die Flimmerkiste an. Kann das wirklich physisch und psychisch schädlich werden, wenn die empfohlenen Zeiten regelmäßig überschritten werden? "Kinder sind durch die bewegten Bilder meist völlig gebannt, ginge es nach ihnen, würden viele von ihnen stundenlang vor dem Fernseher verbringen", sagt Kinderärztin Mühlfeld. "Das führt zu Bewegungsmangel mit all seinen Konsequenzen: eingeschränkte Entwicklung der motorischen Fähigkeiten, des Gleichgewichtssinns, auch des Sehens". Kinder brauchen zum Training des Sehsinns regelmäßig Bewegung und Aufenthalt im Freien, weil sie dadurch automatisch abwechselnd in die Ferne und in die Nähe sehen – das sei ein sehr wichtiges Training für die Augen, so Mühlfeld.

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Auswirkung auf Kommunikation, Konzentration und Gedächtnis

Und der Bewegungsmangel führe dann natürlich auch zu Übergewicht – mit all seinen körperlich und seelisch krank machenden Folgen: "Bei kleinen Kindern bleibt häufig die sprachliche Entwicklung zurück, da sie durch zu viel Bildschirmzeit nur passiv mit Sprache konfrontiert werden – nicht aber antworten und nicht selbst Reaktionen des Gegenübers durch ihre Antwort provozieren können." Sie lernen dadurch wichtige Instrumente der Kommunikation nicht ausreichend kennen, so die Kinderärztin. "Je nach Alter haben zu schnelle Bildfolgen Auswirkung auf die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis, beide leiden. Schlimmer: Kinder lernen dann nicht, ihr Gehirn 'richtig' zu gebrauchen."

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Wie können Eltern den Medienkonsum der Kinder sinnvoll steuern und begleiten?

Steuerungsmöglichkeiten gibt es ja – entweder technisch oder erzieherisch. Bei den meisten Kindertablets können die Eltern zum Beispiel Konsumzeiten einstellen oder sogar vorgeben, dass zuerst etwas gelesen werden muss, bevor ein Cartoon oder eine Serie geguckt werden darf. Besser ist natürlich, gemeinsam klare Regeln und Vereinbarungen zu treffen – und die auch konsequent durchzuziehen.

Den Medienkonsum kreativ und aktiv verarbeiten

Eine andere Möglichkeit ist, eine Aufgabe zu stellen: "Die Inhalte sollten nicht nur passiv konsumiert werden", sagt Medienpädagogin Dr. Iren Schulz. "Nach einer Sendung können die Kinder gefragt werden, was sie gerade gesehen haben, damit sie sich auch aktiv und verarbeitend mit den Inhalten befassen." Alles in allem gilt für Schulz: "Eltern müssen selbst einschätzen lernen und ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Medienkonsum ihr Kind überhaupt aushalten kann." Dafür sei es wichtig, in dieser Sache immer ein Draht zum Kind zu haben – und auf Einhaltung der vereinbarten Regeln zu pochen.

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