Wird die Pille noch verschrieben, ohne auf die Risiken aufmerksam zu machen?

Anti-Baby-Pille – Welche Präparate besonders gefährlich sind

27. November 2019 - 7:21 Uhr

von Anna-Lena Fliedner

Sie ist nach wie vor das beliebteste Verhütungsmittel von Frauen: Die Anti-Baby-Pille. Obwohl die Kritik um die Pille in den letzten Jahren lauter geworden ist, nehmen laut einer Statistik der Techniker Krankenkasse und der Universität Bremen aus dem Jahr 2015 trotzdem weiterhin rund sieben Millionen Frauen in Deutschland das verschreibungspflichtige Präparat ein.

Anstoß für die erneute Diskussion lieferte der ARD-Spielfilm "Was wir wussten – Risiko Pille" und die anschließende Reportage. Die große Frage danach: Wird die Pille noch immer verschrieben, ohne ausreichend auf die schwerwiegenden Risiken aufmerksam zu machen? Wir haben mit einem Gynäkologen gesprochen und klären, wie sich Frauen schützen können.

Risiken: Thrombosen, Lungenembolien und Schlaganfälle

Dass die Anti-Baby-Pille Risiken mit sich bringt, ist seit vielen Jahren bekannt. Nicht umsonst handelt es sich um ein verschreibungspflichtiges Medikament. Doch abhängig von der Wahl der "Pillen-Generation", von denen es ingesamt vier gibt, unterscheiden sich die Nebenwirkungen. Insbesondere das Risiko für eine mögliche Thrombose ist nicht immer gleich hoch. Grund hierfür ist die Wirkstoffkombination der Präparate.

Die Pillen der sogenannten dritten und vierten Generation bergen ein höheres Thrombose-Risiko, als die der ersten und zweiten Generation. Ursächlich hierfür sind die in den neuen Präparaten enthaltenen Gestagene, wie Desogestrel oder Drospirenon. Diese Art der Gelbkörperhormone bergen ein höheres Risiko als herkömmliche Gestagene, wie z. B. Levonorgestrel.

Durch eine Thrombose kann unter anderem eine Lungenembolie entstehen - wie bei der 24-jährigen Nahal, die daran fast gestorben wäre.

Die Pille als „Lifestyle-Produkt“ trotz Risiken

Pillen der dritten und vierten Generation werden trotz der hohen Risiken von Frauenärzten weiterhin häufig verschrieben, da insbesondere die Drospirenon-haltigen Präparate neben dem eigentlichen Zweck der Verhütung auch positive Auswirkungen auf Haut, Haare oder Menstruationsbeschwerden haben können. Dies überzeugt viele Frauen, Pillen mit dem Wirkstoff dieser neuen Generationen einzunehmen, doch die drastischen Nebenwirkungen geraten dadurch zunehmend in den Hintergrund.

Persönliches Schicksal: Ich wurde auf das erhöhte Thrombose-Risiko nicht hingewiesen

Auch ich fühle mich von der angestoßenen Diskussion persönlich sehr betroffen, da ich – wie so viele junge Frauen – im Alter von 16 Jahren durch mangelnde Aufklärung die falsche Pille von meiner Frauenärztin verschrieben bekommen habe.

Da in meiner Familie mehrere Thrombosefälle bekannt sind, habe ich mich bereits vor dem Besuch bei meiner Gynäkologin intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Pille sich bei einer genetischen Thromboseveranlagung am besten für mich eignet.

Nach einem Gespräch mit meiner Frauenärztin wurde mir eine Pille der vierten Generation verschrieben. Meine Frauenärztin hat mir bestätigt, dass ich im Vergleich zu den älteren Präparaten mit keinerlei größeren Risiken zu rechnen habe und der in dieser Pille enthaltene Wirkstoff Dienogest, trotz meiner Thrombose-Veranlagung, unbedenklich ist.

Frauenarzt nimmt Stellung: Warum wird die Pille noch verschrieben?

Es liegt nahe, dass Frauen ärztlichen Aussagen wie diesen letztlich Glauben schenken. Doch es stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass die Präparate der neuen Pillengeneration, trotz des nachweislich erhöhten Thrombose-Risikos, weiterhin von Frauenärzten empfohlen werden?

Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover, nimmt auf Anfrage zu dieser Frage Stellung. Er erklärt, dass es sich "bei der Beratung für ein geeignetes Verhütungsmittel immer um eine individuelle Entscheidung" handelt und es viele Faktoren gibt, "die letztlich zur Entscheidung für eine geeignete Verhütung mit einfließen."

Bezugnehmend auf die erhöhten Risiken der neuen Pillengeneration bestätigt er: "Die Erhöhung des Thromboserisikos ist ein wichtiger Faktor bei der individuellen Einstellung, aber nur einer von mehreren. Wichtig ist, dass die Mädchen und Frauen die Frühzeichen einer Thrombose kennen und sich gegebenenfalls frühzeitig in Behandlung begeben."

Die Realität sieht oftmals anders aus

In meinem Fall bat ich explizit um Beratung wegen des genetischen Thromboserisikos - und habe trotzdem eine unpassende Pille verschrieben bekommen. So stellt sich die Frage, ob es Frauenärzten vereinzelt an fachspezifischem Wissen oder Informationen mangelt, um die reale Gefahr der Pille einzuschätzen.

Dr. Christian Albring entgegnet hierzu: "Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, sich ihr ganzes berufliches Leben lang fortzubilden. Die kontrazeptive (empfängnisverhütende, Anm. d. Redaktion) Beratung macht einen bedeutenden Teil der täglichen Arbeit in der Praxis von Frauenärztinnen und -ärzten aus. Bei der Erstverordnung wird ausnahmslos das Risiko für Thromboembolien angesprochen und bewertet."

Doch entspricht das der Realität? Meine Erfahrung, sowie die der Frauen aus der ARD-Reportage, zeigen ein anderes Bild. Dr. Albring sagt diesbezüglich, dass die Studienlage bislang darlegte, "dass das Thromboserisiko Dienogest-haltiger Pillen gegenüber Pillen mit Levonorgestrel nicht oder kaum erhöht ist" und erklärt: "Die aktuelle Datenlage wird genauso in die Risikobewertung einfließen."

3 Tipps - Das sollten Sie vor Einnahme der Pille beachten:

  • Suchen Sie das intensive Gespräch mit Ihrem Frauenarzt und machen Sie auf etwaige Vorerkrankungen oder genetische Veranlagungen aufmerksam.
  • Achten Sie bei der Wahl Ihres Präparats auf die enthaltenen Wirkstoffe und lassen Sie sich hinsichtlich etwaiger Risiken von Ihrem Frauenarzt beraten.
  • Bei konkreten Thrombose-Vorerkrankungen oder vergleichbaren Risiken ist es ratsam, sich über alternative Verhütungsmethoden zu informieren.

Im Video: So funktioniert die Anti-Baby-Pille

Genaue Risikodaten kamen zu spät

Tatsächlich liegen genaue Daten zum erhöhten Thromboembolie-Risiko unter Dienogest erst seit Dezember 2018 vor. Seitdem ist bekannt, dass der Wirkstoff ein in der Größenordnung von Desogestrel, Gestoden und Drospirenon höheres Risiko für eine Thrombose mit sich bringt.

Levonorgestrel-, Norethisteron- und Norgestimat-haltige Pillenpräparate weisen hingegen ein etwas geringeres Risiko auf.

Inzwischen werden entsprechende Hinweise auch in den entsprechenden Fachinformationen aufgeführt. Doch für viele Frauen kam dieser Warnhinweis zu spät, da sie durch die meist langjährige Einnahme nun unter dramatischen gesundheitlichen Folgen leiden, wie auch die Fälle in der ARD-Reportage belegen.

Auch interessant