Klaus Radner verlor Tochter, Enkel und Schwiegersohn

Angehöriger von Germanwings-Opfern: "Ich will, dass einer aufsteht und sagt: 'Wir haben Mist gebaut'"

Klaus Radner hat beim Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 drei Angehörige verloren
Klaus Radner hat beim Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 drei Angehörige verloren

15. September 2021 - 9:17 Uhr

Verhandlung am Oberlandesgericht Hamm

Wer ist verantwortlich dafür, dass sich Andreas Lubitz am Vormittag des 24. März 2015 ins Cockpit des Germanwings-Flug 4U9525 setzen und die Maschine an einem Berg zerschellen lassen konnte? Neben Lubitz starben 149 Menschen. Ihre Angehörigen werfen der Fluggesellschaft Versäumnisse bei der flugmedizinischen Untersuchung vor und fordern ein höheres Schmerzensgeld. Doch vor Gericht sieht es schlecht für sie aus.

Ein Bild im Garten zur Erinnerung

Klaus Radner sitzt in seinem Garten. Unter einer Birke hat er ein Bild aufgestellt. Eine junge Frau und ein Mann lachen in die Kamera, sie halten ein Kleinkind auf dem Arm. Es ist Radners Tochter Maria (33) mit ihrem Mann Sascha (38) und ihrem Sohn Felix (1). Noten säumen den oberen Teil des Rahmens. Maria habe gern gesungen, sagt er. Sie habe ihr Hobby zum Beruf gemacht, sei ein glücklicher Familienmensch gewesen. Am 24. März 20145 wollte Radner Maria, ihren Mann und ihren Sohn vom Flughafen Düsseldorf abholen. Doch sie kamen nie dort an. Sie starben wie alle 150 Insassen des Airbus von Germanwings Flug 4U9525 aus Barcelona, als Co-Pilot Andreas Lubitz die Maschine in den französischen Alpen an einem Berg zerschellen ließ.

Radner kam jeden Tag an Andreas Lubitz' Wohnort vorbei

Er habe am Vorabend noch mit Maria telefoniert, erzählt Radner. Sie habe gesagt, wie sehr sie sich darauf freue, ihn wiederzusehen. Am Tag der Katastrophe sei er zum Flughafen gekommen und an der Information von zwei Seelsorgern in einen Raum für die Angehörigen geführt worden. "Ich habe es gar nicht begriffen, abgewartet." Dann kam die Meldung, dass es keine Überlebenden gebe. "Meine Frau und mein Bruder haben mich abgeholt und nach Hause gefahren. Ich war geistig nicht mehr zurechnungsfähig. In den nächsten Tagen und Wochen stand ich neben mir, konnte nicht mehr essen, nicht mehr trinken und stand nur noch als Hülle da." Seinen Weg der Trauerbewältigung vergleicht er mit der Zeit nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation. "Nach und nach kommt wieder Leben in den Körper."

Doch es bleiben viele Fragen. Mittlerweile ist Radner im Ruhestand. Auf seinem Weg zur Arbeit kam er jeden Tag an Lubitz' Wohnort vorbei. Angehörigen kann es in ihrer Trauer helfen, dem Verantwortlichen im Gericht gegenüberzusitzen. Vielleicht bekommen sie dann ein Schuldeingeständnis, vielleicht sogar eine Entschuldigung. Radner würde gern von Lubitz wissen, was ihn dazu brachte, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen und 149 Menschen mit in den Tod zu reißen. "Ich begreife nicht, warum er so viele Menschen mit ins Unglück gestürzt hat. Es ist unvorstellbar."

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Klaus Radner an der Gedenkstätte in seinem Garten: "Die Gerichte müssen dafür sorgen, dass die Verantwortlichen herangezogen werden."

Antworten auf diese Frage wird Radner nicht mehr bekommen, ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Womit er und viele der anderen Angehörigen sich nicht abfinden möchten, sind die Versäumnisse, die die Germanwings-Mutter Lufthansa ihrer Meinung nach begangen hat. Sie werfen der Fluggesellschaft vor, bei der flugmedizinischen Untersuchung des Co-Piloten geschlampt zu haben: Die beauftragten Ärzte hätten bei gründlicher Untersuchung nicht übersehen können, dass Lubitz an einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung leide, mit der er nicht mehr für den Flugbetrieb hätte zugelassen werden dürfen, so das Argument.

Die Lufthansa hatte den unmittelbaren Angehörigen nach dem Unglück jeweils 10.000 Euro für das erlittene Leid durch den Verlust gezahlt sowie weitere 25.000 an die Erben der Opfer für deren erlittene Todesangst.

Die Gedenkstätte für die Opfer des Flugzeugabsturzes des Germanwings Fluges 4U 9525 ist am 25.02.2016 in Le Vernet (Frankreich) zu sehen. Am 24.3.2017 jährt sich der Absturz der Germanwings-Maschine in den südfranzösischen Alpen mit 150 Tote
Die Gedenkstätte für die Opfer des Flugzeugabsturzes des Germanwings Fluges 4U 9525.
© dpa, Rolf Vennenbernd, ve fdt pil

Oberlandesgericht Hamm verhandelt Klage gegen Lufthansa

Das Landgericht Essen hatte die Klage im Sommer 2020 in erster Instanz mit der Begründung abgewiesen, dass die medizinische Überwachung eine staatliche Aufgabe sei und nicht in den Verantwortungsbereich der Fluggesellschaft falle. Drei von damals acht Klägern legten Berufung ein. Sie fordern für sich und weitere Angehörige eine zusätzliche Zahlung von 30.000 Euro Schmerzensgeld. Radner sagt, es gehe ihm nichts um Geld. "Ich möchte einen Verantwortlichen greifen. Dass einer aufsteht und sagt: 'Wir haben Mist gebaut und unseren Job nicht richtig gemacht.' Wenn das nicht der Fall sein sollte, müssen die Gerichte dafür sorgen, dass die Verantwortlichen herangezogen werden. Nur dann kann man mit so einer Situation abschließen." Er könnte mit Wetterkapriolen oder einem technischen Defekt als Absturzursache leben. Doch nicht damit, dass ein kranker Mensch andere mit in den Tod reißt "und keiner will damit irgendetwas zu tun haben."

Das Oberlandesgericht Hamm verhandelte die Berufung am Dienstagabend – mit enttäuschendem Ergebnis für die Kläger, die teilweise aufgebracht das Gerichtsgebäude verließen. (dpa/mst)

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